Wheele und Maclean im Casino: Was zur Hölle ist das?

Mit Ausstellungen von Ben Wheele und Rachel Maclean lehrt das Casino – Forum d’art contemporain seine Besucher*innen das Fürchten.

Auch in Rachel Macleans „I’m Terribly Sorry“ steht Großbritannien Kopf. Nur anders. (VR still, 2018, Copyright: Rachel Maclean)

Der schwarze Vorhang geht auf. Im Eingang: Lebloser Blick, schiefe Fratze, lilafarbener Anzug mit fluoreszierenden Farbklecksen, kraklige Finger – eine Figur, die einem Albtraum entsprungen sein könnte. Aus der Ferne hört man es tröpfeln, jemand kichert. „What the fuck?“ ist der erste und der letzte Gedanke, den man in Ben Wheeles Ausstellung „Deep/Dark/Dank“ hat.

Mit dem britischen Künstler sind skurrile, eklige, verstörende Wesen ins Casino eingezogen. Sie kraxeln als leuchtende Käfer die schwarz gestrichenen Wände der Ausstellungsräume hoch, sie lauern einem als Pappfigur hinter der nächsten Ecke auf. Der Animationskünstler öffnet mit seinen Videoarbeiten das Tor zur dunklen Seite von YouTube, zu „Creepypasta“: Grusel- und Horrorgeschichten, die übers Internet verbreitet werden und sich vor allem durch ihre unheimlichen Animationsfiguren sowie ihre virale Weitergabe auszeichnen.

In Wheeles Videoarbeit „This Video Cursed Us“ (2020) führen mehrere YouTuber*innen vor, wie es geht. Sie schauen sich unheimliche Videos an, um sie live zu kommentieren. Als Ausstellungsbesucher*in ist man mit Kopfhörern dabei. Auf dem Bildschirm platzen Ballons und zerfallen zu Larven. Andere Luftballons, mit Mündern und Augen, weinen. Wheele führt seinen Zuschauer*innen unter anderem „Bump Classique“ vor, das einem durch einen absurden Plot und sonderbare Figuren wiederholt ein „Was zur Hölle?“ oder „Bah, widerlich“ entlockt.

Leicht angewidert, aber amüsiert, bahnt man sich einen Weg durch den dunklen Raum mit den fluoreszierenden Details. Man wird von Wheeles Werk verschluckt und ausgespuckt, ohne so recht zu wissen, was man gesehen hat – und ob man das überhaupt sehen wollte. Will man in „Top 5 Animation Containers“ (2019) tatsächlich das pulsierende Innenleben von Mertie entdecken? Einem undefinierbaren Etwas mit pinker Haut, schleimigem Schlitz im Bauch und ausfahrbarem Stab auf dem Kopf? Ja, das will man. Wheele inszeniert ein Nischengenre und zeigt das Groteske, das sich im Netz verbirgt. Jederzeit. Für alle frei zugänglich – und verdammt verstörend.

Und dann fällt der Vorhang zu Wheeles Ausstellung und man steht vor Rachel Macleans Virtual-Reality-Installation „I’m Terribly Sorry“. Man stolpert unvermittelt von einem Gruselkabinett in das nächste. Maclean versetzt einen mittels VR-Brille in ein disproportionales und bedrohliches Großbritannien. Überall verstreut: Wahrzeichen Großbritanniens, wie etwa Big Ben. Die persönliche Entdeckungstour wird durch aufdringliche Passant*innen gestört. Sie alle wollen Geld. Bis auf einen, der um ein verhängnisvolles Foto bittet. Ähnlich wie bei Wheele fragt man sich während des Videos mehrmals: „What the fuck?“ Warum Menschen mit Handyköpfen? Warum ein Blutbad? Warum ein überdimensionierter Hund? Maclean lässt viel Interpretationsspielraum. Auch ihr Werk ermöglicht in all seiner Absurdität eine Medien- und Gesellschaftsanalyse. Mögliche Interpretationsstränge sind ein zynischer Umgang mit dem Brexit oder eine Auseinandersetzung mit der Brutalität in der digitalen und der analogen Welt. Als Zuschauer*in wird man von den Handyköpfen in die Enge gedrängt und genötigt zu handeln. Man steht inmitten verzerrter Wahrzeichen einer Kultur, fühlt sich eingeengt und ausgeliefert. Ein Gefühl, das durchaus zu den politischen Ereignissen in Großbritannien und der Welt im Allgemeinen passt. Was Wheeles und Macleans Werke gemeinsam haben? Sie jagen einem Angst ein.

Beide Ausstellungen sind noch bis zum 19. April 2020 im Casino – Forum d’art contemporain zu sehen.

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