Die Bandbreite jiddischer Musik
Daniel Kahn, der einer jüdischen Familie entstammt, ist schon vor vielen Jahren aus den USA nach Berlin gezogen und hat eine große Anzahl an Alben veröffentlicht, die er teils mit seiner Gruppe „Painted Bird“, teils solo aufgenommen hat. Immer geht es ihm um die alte jiddische Musik, die in Osteuropa entstanden ist. Diese setzt er neu in Szene oder spürt den Ähnlichkeiten jiddischer Musik in anderen Musikformen nach. So auch auf seinem aktuellen Album Umru/unrest, das er mit zwei alten Kollegen aufgenommen hat, dem Violinisten Jake Shulman-Ment und dem Blasinstrumentalisten Christian Dawid. Auf „Umru“ findet sich zum Beispiel ein Song von Tom Waits, der sich von jiddischer Musik hat beeinflussen lassen, sowie ein Lied des in Wien geborenen jüdischen Liedermachers und Kabarettisten Georg Kreisler. Die Texte hat Kahn – teils mit Unterstützung der Wiener Liedermacherin Isabel Frey – ins Jiddische übersetzt. Inhaltlich setzen sich die Lieder mit den schwierigen Lebensverhältnissen von Juden und Jüdinnen auseinander. Ein ernstes Album, das auch musikalisch beeindruckend sensibel ausfällt. Hilfreich: Im Booklet finden sich alle Texte auf Jiddisch und Englisch.
Daniel Kahn – Umru/unrest – Oriente Musik
Äthiopischer Klassiker
Die CD-Reihe Éthiopiques des Labels Buda Musique stellt seit 1997 überwiegend populäre äthiopische Musik der 1960er- und 1970er-Jahre vor. Diese entstand in der Zeit, bevor die sozialistische Militärdiktatur (1974-1991) und die darauffolgenden innen- wie außenpolitischen Turbulenzen der kulturellen Offenheit ein Ende setzten. Der Musikwissenschaftler Francis Falceto hat bereits dreißig Ausgaben produziert und nun nach einer mehrjährigen Pause Nummer 31 herausgebracht. Das Außergewöhnliche an der populären Musik jener Zeit ist, dass die einzigartige Pentatonik der traditionellen äthiopischen Musik verbunden wird mit Soul und Funk aus den USA und damit eine singuläre Musikform entsteht. Die neue Ausgabe präsentiert den 2024 verstorbenen Sänger Muluken Mèllèssè mit seiner Gruppe „Dahlak Band“, die 1976 eines der letzten Alben veröffentlichen konnten, bevor der kulturelle Kahlschlag folgte. Heutzutage spielen auch nicht-äthiopische Gruppen einen solchen Stil, aber das hier ist das Original, das man nicht verpassen darf – vor allem wegen der erstaunlichen, pentatonischen Vokalkunst Mèllèssès.
Muluken Mèllèssè – Éthiopiques 31 – Buda Musique
Lusophone Hoffnung
Brasilien und die Kapverdischen Inseln sind durch die gemeinsame koloniale Vergangenheit und durch Portugiesisch als Verkehrssprache miteinander verbunden. Auch musikalisch gibt es Berührungspunkte, wie zwischen der „coolen“ Variante der brasilianischen Bossa Nova und der kapverdischen Morna, die beide im ruhigen Tempo gespielt und gefühlvoll gesungen werden. Das ist die Schnittstelle, an der sich die kapverdische Sängerin Nancy Vieira und der brasilianische Gitarrist und Sänger Fred Martins auf ihrem neuen Album Esperança treffen. Beide sind seit Jahrzehnten erfolgreiche Künstler*innen und so gelingt es ihnen mühelos, einen gemeinsamen Ton zu finden. Ihre Stimmen ergänzen sich perfekt, Martins sensibles Gitarrenspiel bietet den passenden Rahmen. Überwiegend im getragenen Stil gehalten, überzeugen einige Stücke auch mit flotterem Samba. In den elf aufgenommenen Liedern – vier sind von Martins geschrieben – und im Albumtitel transportieren Vieira und Martins eine klare Botschaft für die Gegenwart, nämlich die Hoffnung auf weltweite, gegenseitige Rücksichtnahme und Empathie. Dies hat das Duo vorzüglich in Töne gesetzt.
Nancy Vieira und Fred Martins – Esperança – Galileo MC
Von Spanien bis Syrien
Der Titel dieses Albums From Minho to Euphrates verspricht, was die 15 Stücke des Albums halten: eine musikalische Reise, die mittelalterliche Elemente von der iberischen Halbinsel mit dem Nahen Osten verbindet und ihren Schwerpunkt auf die klassische Musik des historischen Syriens legt. Die Sängerin Lamia Yared, die heute in Kanada lebt und aus dem Libanon stammt, hat syrisch-maronitische Wurzeln. Der Multiinstrumentalist Efrén López stammt aus Valencia und beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit nahöstlicher Musik. Bekanntlich hat die arabische Kultur seit der Zeit des historischen Andalusiens in Spanien unübersehbar und unüberhörbar Spuren hinterlassen, aber insgesamt lässt sich in mittelalterlicher christlicher Musik ein ähnliches melodisches Konzept finden wie in der muslimischen Musik des Nahen Ostens. Verbunden wird beides im Sextett-Format mit der glasklaren Stimme Yareds im Zentrum, die von Ud, gelegentlicher Drehleier, Kanun-Hackbrett, Nay-Flöte, nahöstlicher Perkussion und einer Viola da Gamba passend in Szene gesetzt wird. Die Stücke reichen zurück bis ins 4. Jahrhundert in Syrien, inklusive zweier Sufi-Lieder aus Aleppo. Hervorragend eingespielt!
Lamia Yared & Efrén López – From Minho to Euphrates – Worlds within Worlds (erhältlich bei Bandcamp)
World Music Charts Europe Februar – Top 10 (print)/Top 20 (online)
1. Nancy Vieira & Fred Martins – Esperança – Galileo
2. Muluken Mèllèssè – Ethiopiques 31 – Buda Musique
3. Either/Orchestra – Nalbaldian, Ethiopiques 32 – Buda Musique
4. Júlia Kozáková – Manusa II – CPL Music
5. Syran Mbenza – Rumba Africa – Hysa Productions
6. Lina & Marco Mezquida – O Fado – Galileo
7. Teija Niku – Tovi – Teija Niku
8. Sarakina – Suspended in the Mist – Sarakina
9. Lívia Mattos – Verve – YB Music
10. Senduki – Strania – Alfa Music
11. Xabi Aburruzaga – Bask – DND
12. Dorota Barová – Pisen pro mi – Animal Music
13. N’Faly Kouyaté – Finishing – Namun Records
14. WÖR & Kongero – Songbooks live – Nordic Notes
15. Nusantara Beat – Nusantara Beat – Glitterbeat
16. Gao Hong – Symphonie of self – ARC Music
17. Noura Mint Seymali – Yenbett – Glitterbeat
18. Le Vent du Nord – Voisinages – La Compagnie du Nord
19. Ceuzany – No tchal te li – Harmonia
20. Saodaj – Lodér la vi – Buda Musique
Die WMCE TOP 20/40 bei: www.wmce.de, Facebook „Mondophon auf Radio ARA“ und woxx.lu

