Eine Analyse der NGO „Pan Europe“ zur Pestizidbelastung von Äpfeln hat für Wirbel gesorgt. Wer wirklich für den Gesundheits- und Umweltschaden verantwortlich ist, wird in der Debatte ausgeblendet.

Eine Gefahr für die Umwelt und die öffentliche Gesundheit: Die Belastung von gesundheitsschädlichen Pflanzenschutzmitteln ist in Luxemburg viel zu hoch, so auch in einigen getesteten Äpfeln aus konventionellem Anbau. (Foto: Nenad Stojkovic, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons)
Eigentlich sind die Ergebnisse der europaweiten Studie von „Pan Europe“ wenig überraschend. In 93 Prozent von insgesamt 59 getesteten Apfel-Proben, darunter drei aus Luxemburg, fand die NGO Pestizidrückstände (woxx 1872, „Schneewittchen-Äpfel gefällig?“). Die Reaktion vonseiten der Landwirtschaftsministerin Martine Hansen (CSV) ließ nicht lange auf sich warten. Sie ging in die Defensive und legte den Fokus darauf, dass alle drei Proben von in Luxemburg angebauten Äpfel unter den gesetzlichen Grenzwerten liegen. In den darauffolgenden Tagen wiederholten Landwirtschaftsverbände und Chamber-Abgeordnete diese Aussage gebetsmühlenartig. Die NGO hatte allerdings auch nie das Gegenteil behauptet.
Abgesehen davon, dass neue wissenschaftliche Erkenntnisse bisher stets dazu führten, dass strengere Grenzwerte gesetzt wurden, wurde der eigentliche Befund der Studie ignoriert: Die Belastung durch gesundheitsschädliche Mittel ist in Luxemburg gefährlich hoch. Pestizid-Grenzwerte gelten auch stets für ein einzelnes, nicht aber für eine Gruppe von Mitteln. Wie die woxx bereits berichtete, waren die in Luxemburg angebauten Äpfel mit ihrem „Cocktail“ von Pestiziden EU-Spitzenreiter: Eine Probe war mit bis zu sieben verschiedenen Insektiziden und Fungiziden belastet, darunter auch das PFAS-Pestizid „Fludioxonil“, das als giftig für die menschliche Leber und Niere gilt. Noch bewerten Lebensmittelbehörden die kombinierte Toxizität von solchen Cocktails nicht. Wir tappen also im Dunkeln, was deren Schäden sowohl für Obstbäuer*innen und Konsument*innen als auch für die Umwelt angeht. Hier müsste das Vorsorgeprinzip gelten. Doch stattdessen wird die Studie diskreditiert, um ja keine Panik auszulösen. Das Ministerium verpasst erneut eine Chance, eine Umorientierung der Landwirtschaft anzustoßen.
Chemiekonzerne wie „Bayer“, „BASF“ und „Corteva“ verdienen sich eine goldene Nase. Damit das so bleibt, lobbyieren sie auf EU-Ebene.
Was die Debatte auch ausblendet, wie es die „Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek“ am Mittwoch schon anmerkte: Das Geschäftsmodell hinter den Pestiziden wird hierbei von den politischen Verantwortlichen zu keinem Moment in Frage gestellt. Chemiekonzerne wie „Bayer“, „BASF“ und „Corteva“ verdienen sich eine goldene Nase. Damit das so bleibt, lobbyieren sie auf EU-Ebene. Ihr aktuelles Ziel: Sie wollen das im Dezember vorgestellte „Food and Feed Safety Omnibus“-Paket der EU-Kommission durchboxen. Der Vorschlag soll die EU-Pestizidverordnung verändern. Offiziell will die Kommission damit Kosten in Erneuerungsverfahren reduzieren. Sollte das Paket im nächsten Januar in Kraft treten, könnten laut einer Analyse der NGO „Générations futures“ jedoch bis zu 49 Pestizide, darunter auch das nervenschädigende und für Bienen toxische Acetamiprid, unbefristet zugelassen werden – egal, ob wissenschaftliche Studien neue gesundheitliche Risiken feststellen.
Die Luxemburger Regierung will zu diesem Vorschlag keine klare Position beziehen. Das Landwirtschaftsministerium spielt auf Zeit und bewegt sich weiterhin „realistisch“ auf eine nachhaltige Landwirtschaft hin, etwa mit dem neuen Bio-Aktionsplan. Das darin anvisierte Ziel, ein Prozent Biolandbau pro Jahr hinzuzugewinnen, wird keinen schnelleren Umstieg fördern. Dabei müssen Anbaupraktiken stärker optimiert und Landwirt*innen endlich mit ausreichenden Finanzmittel unterstützt werden, damit der Einsatz der Pflanzenschutzmittel gezielt und schneller reduziert werden können , so wie es auch die hiesige Landwirtschaftskammer forderte. Was sagen denn überhaupt Gesundheitsministerin Martine Deprez und Umweltminister Serge Wilmes zu den hohen Pestizidbelastungen? Auch hier spricht Schweigen Bände. Wohl sehr zur Freude der chemischen Industrie.

