Zum 75. Jahrestag der Ardennen-Offensive

Mit der deutschen Ardennen-Offensive begann am 16. Dezember 1944 in Luxemburg das letzte Kapitel des Zweiten Weltkriegs. Von Hitler persönlich befohlen, um das Blatt im Kriegsverlauf noch einmal zu wenden, führte der Angriff in Luxemburg und Belgien zu rund 3.000 zivilen Toten und zu verheerenden Zerstörungen.

Den Krieg nachspielen: Kein historisches Bild von der Ardennen-Offensive, sondern britische Reenactors im Dezember 2004 vor der Dorfkirche in Hoesdorf. (Alle Motive aus der woxx Nr. 777 abfotografiert. Originalaufnahmen: Timo Riecker)

Es war am Samstagmorgen, dem 16. Dezember 1944, als um 5.30 Uhr die deutsche Wehrmacht über die Our hinweg auf einer Länge von mehreren Kilometern in Luxemburg gelegene Stellungen der US-Armee mit Artilleriegranaten zu beschießen begann. 554 Feldhaubitzen und Nebelwerfer feuerten aus allen Rohren, um einen versuchten Befreiungsschlag der seit Monaten im Rückzug befindlichen Naziarmee einzuleiten. Adolf Hitler selbst hatte den Sturmangriff mit ersonnen. Ein enormes deutsches Truppenkontingent sollte über Luxemburg und Belgien in die dortige Hafenstadt Antwerpen vorstoßen, um diese zurückzuerobern und so die in Richtung Deutschland vorrückenden alliierten Armeen vom Nachschub abschneiden.

Die im angloamerikanischen Sprachgebrauch als „Battle of the Bulge“ in die Geschichte eingegangenen Gefechte führten im Norden Luxemburgs und im Südosten Belgiens zu verheerenden Zerstörungen. In erbitterten Kämpfen um Orte wie Wiltz, Bastogne und St. Vith wurde der deutsche Vormarsch schließlich von den Alliierten aufgehalten, die am Boden in der Unterzahl und aufgrund des schlechten Wetters zunächst ohne Luftunterstützung waren. Mehr als eine Million Soldaten waren an der bis 21. Januar 1945 andauernden Schlacht beteiligt. Für die US-Armee war es die größte Landschlacht des Zweiten Weltkrieges und mit ungefähr 19.000 Toten zugleich die opferreichste. Die britische Armee hatte 200 Tote zu beklagen.

Auch die Zahl der zivilen Opfer war hoch: Laut dem britischen Historiker Antony Beevor starben in jenen Tagen 500 luxemburgische und 2.500 belgische Zivilist*innen, viele davon bei deutschen Kriegsverbrechen. Allein die Angehörigen der „Leibstandarte SS Adolf Hitler“ brachten bei Stavelot und andernorts in Belgien über 250 Menschen um. Die Dimension ziviler Opfer in Luxemburg ist umso drastischer, wenn man berücksichtigt, dass das Ösling wegen kriegsbedingter Evakuationen damals noch viel dünner besiedelt war als ohnehin.

Wie in Bastogne und andernorts wird auch in Luxemburg zum 75. Jahrestag der deutschen Offensive an deren Opfer erinnert, und zwar am 16. Dezember um 15.30 Uhr mit einer öffentlichen Gedenkveranstaltung auf dem amerikanischen Soldatenfriedhof in Hamm.

Zum 60. Jahrestag hatte es in Luxemburg und Belgien ebenfalls mehrere solcher Veranstaltungen gegeben, damals noch im Beisein zahlreicher Veteranen der US-Armee. Wir machen an dieser Stelle eine Reportage von Danièle Weber und Thorsten Fuchshuber online zugänglich, die ursprünglich in der Printausgabe der woxx Nr. 777 im Dezember 2004 erschienen ist.

 

The Last Hooray

„Wir sind die Glücklichen, denn wir haben unser Leben gelebt.“ Veteran Earle R. Hart im Jahr 2004 über die emotionale Verpflichtung gegenüber den gefallenen GI’s. (Originalaufnahme: Thorsten Fuchshuber)

Sie kehren zurück, um jenen Ereignissen zu gedenken, die ihr ganzes Leben geprägt haben: US-Veteranen, die das Großherzogtum von den Nazis befreit haben. Das Erlebte verbindet sie vor allem mit den älteren Generationen in Luxemburg.

Dichter Nebel breitet sich über den amerikanischen Soldatenfriedhof in Hamm. Es ist eiskalt. Auf dem betonierten Plateau am Eingang des Friedhofs, das auch die Gedenkstätte birgt, sind Angehörige der luxemburgischen und der amerikanischen Streitkräfte dabei, die Zeremonie zum 60. Jahrestag der Ardennen-Offensive vorzubereiten. Für viele derer, die den Vormarsch der Nazi-Armee stoppen und die endgültige Befreiung Luxemburgs einzuleiten halfen, endete der Kampf auf diesem Gräberfeld. Endlos erstrecken sich die schneebedeckten weißen Steinkreuze und Davidsterne den Hügel hinab – bis man die Sicht darauf im Nebel verliert.

„Das sieht grauenvoll aus“, entfährt es Jerry Patrick. Wie viele der Veteranen der US-Streitkräfte, die heute hierher gekommen sind, sucht auch er nach den Stellen, an denen einstige Freunde von ihm begraben sind. Man kann an diesem Tag sehen, welche der Gedenksteine aufgesucht worden sind, die Schritte der Besucher haben Spuren auf der dünnen Schneedecke hinterlassen.

„Hier liegt mein bester Freund Emil Havlicek“, sagt Patrick, „er ging direkt vor mir, als er erschossen wurde“. Er führt uns zu dem Grab, das, wie er sagt, leicht zu finden ist, denn es ist nicht weit von dem des Generals George S. Patton entfernt. „Emil hatte ein Baby, doch er hat es nie kennengelernt“, erzählt er mit zitternder Stimme. Immer wieder kehren in dieser Umgebung die Erinnerungen an die schrecklichen Tage im Dezember 1944 zurück. „Es ist heute unvorstellbar, was für ein Chaos das damals war. Man wusste kaum, wo die Deutschen sind und wo nicht.“

Fünf Mal hat sich Patrick seither von Leawood, Kansas, auf den Weg nach Luxemburg gemacht. „Es ist schwer zu verstehen, was einen hierher zurückbringt“, sagt Patrick nachdenklich. „Vielleicht ist es die Schuld, die man fühlt, weil man noch am Leben ist und so viele andere liegen hier.“

Er wendet sich ab und läuft auf das Plateau zu, sucht seinen Platz für die Gedenkfeier, die in Kürze beginnt. Viele andere Veteranen sitzen bereits in dicke Fleecedecken gehüllt auf ihren Stühlen. Die ersten Politiker trudeln ein, Shakehands unter Prominenten. Alles, was Rang und Namen hat, ist heute hier. Regierungsmitglieder, Abgeordnete und die großherzögliche Familie ebenso wie zahlreiche Vertreter aus den USA.

Synchron wie ein Uhrwerk bewegen sich die amerikanischen und luxemburgischen Ehrengarden über den Platz. Gedenkroutine, nicht nur bei den Militärs. Doch dann weicht bei einigen die Routine kurz dem Schrecken – die luxemburgische Armee feuert Salutschüsse aus einer Feldhaubitze ab. Ohrenbetäubendes Knallen, das die Erde zum Beben bringt. Auf der Pressetribüne sind die Nachkriegsgenerationen versammelt, nicht wenige von ihnen hören den Lärm wahrscheinlich zum ersten Mal. Anders die Veteranen. Sie hatten, wie einer sagt, „genügend Gelegenheit, sich an diesen Klang zu gewöhnen“.

Die Deutschen kehren zurück

Doch nicht nur sie – auch die luxemburgischen Zivilisten kannten den Geschützlärm nur zu gut. „Wir hatten ein Gehör dafür, welche Granaten weiter fliegen und welche nahe bei uns einschlagen“, erinnert sich Maisy Muller-Weber. „Natürlich hatten wir die ganze Zeit Angst, aber was sollten wir denn machen“. Die damals 17-jährige erlebte die letzten Tage vor Beginn der deutschen Offensive, die mit einem 24-stündigen Beschuss der amerikanischen Stellungen eingeleitet wurde, auf einem Bauernhof bei Echternach. Ähnlich wie Diekirch, Ettelbruck und weitere Ortschaften im Ösling wurde auch diese Stadt während der Kämpfe zu einem großen Teil zerstört.

Dabei hatte in Echternach das Schießen seit der Befreiung am 10. September 1944 ohnehin nie wirklich aufgehört. Denn schon vor Beginn der Operation, die die Deutschen zynisch „Wacht am Rhein“ nannten, hatten sie von jenseits der Grenze auf die alliierten Truppen gefeuert. Am 16. Dezember 1944 schließlich setzte sich das letzte Großaufgebot der Naziarmee in Bewegung. Ziel des Angriffs war Antwerpen. Mit der Einnahme des alliierten Nachschubhafens sollte der Vormarsch der antifaschistischen Truppen aufgehalten werden.

Über 200.000 Mann, bestehend aus SS, Wehrmacht und Volkssturm wurden dafür zusammengekratzt. Alles was zwischen 16 und 60 Jahre alt war und eine Waffe tragen konnte, sollte seinen Beitrag leisten, um das Vordringen der Alliierten auf deutsches Reichsgebiet zu verhindern – und um die ungestörte Fortsetzung des Judenmords in den Konzentrations- und Vernichtungslagern zu garantieren.

Zwischen Monschau und Echternach drangen diese letzten Reserven auf Hitlers Geheiß auf einer Breite von 170 Kilometern vor, der Keil des Angriffs kam jedoch bei Dinant zum Stehen. Der Frontverlauf stellte sich jetzt auf der Landkarte als „Beule“ dar, daher rührt auch der Name „battle of the bulge“.

Für die Luxemburger bedeutete das: Die Deutschen kommen zurück. Und mit ihnen die Angst. Mit den Amerikanern, den Befreiern, hatte man sich angefreundet. Maisy Muller-Weber erinnert sich an gemeinsame Kartenspiele mit den GIs, die auf dem Hof ihrer Eltern einen Kommandoposten eingerichtet hatten. „Einer ging sogar immer im Flur auf und ab und hat den ‚Erlkönig‘ auf deutsch rezitiert“, sagt sie lachend. Überhaupt seien die US-Soldaten „ganz anders als die Deutschen gewesen, denn sie haben gern gelacht und es gemocht, sich zu unterhalten“. Nun jedoch fürchteten viele, dass sich die Deutschen für die freundschaftliche Aufnahme der GI’s durch die Zivilbevölkerung rächen würden.

Auch Robert F. Phillips erinnert sich gern an die Herzlichkeit, mit der er damals empfangen wurde: „Trotz all dem, was man im Krieg durchzustehen hat, habe ich sehr warmherzige Gefühle für die Menschen hier und ich genieße es jedes Mal, wenn ich hier bin. Ich habe immer einen großartigen Empfang bekommen und habe viele Freunde gewonnen – wir übernachten gerade bei welchen.“ Der heute achtzigjährige Militärhistoriker und Verfasser des Buches „To Save Bastogne“ kommt mittlerweile jährlich nach Luxemburg zurück – und das obwohl seine erste Begegnung mit der Gegend der reine Horror war.

Alptraumhafte Erinnerungen

Stramm stehen vor dem Prinzen: Erbherzog Guillaume nimmt 2004 im Ösling militärische Ehrenbezeugungen von Zivilisten in historischen Uniformen entgegen. (Originalaufnahme: Timo Riecker)

Hier in Clervaux, wo er soeben am Vorabend des 60. Jahrestages der Ardennen-Offensive geehrt wurde, sitzt er jetzt mit Dutzenden weiterer Veteranen in einer schmucklosen Mehrzweckhalle, genießt das Buffet und lauscht den Klängen einer US-Army-Bigband. Und ganz in der Nähe wurde er, der damals 48 Stunden zuvor erst einen dreimonatigen Lazarettaufenthalt beendet hatte, von den angreifenden Deutschen überrascht.

„Am 17. Dezember ließen sie uns einen Angriff starten, um Marnach wieder einzunehmen. Die 2. Panzerdivision der Deutschen wiederum startete einen Angriff von Marnach aus, um nach Clervaux vorzustoßen. Wir trafen uns in der Mitte. Die Deutschen waren zwei- oder dreimal so viele wie wir und sie hatten Panzer. Wir kämpften den ganzen Tag und ließen uns langsam zurückfallen. Von den 300 Leuten unserer beiden Kompanien kamen nur 50 zurück.“ In Kleingruppen versuchten sie dann, sich bis nach Bastogne durchzuschlagen – ohne Karte, ohne Kompass. Und überall, sagt Phillips, wimmelte es von Deutschen: „Also blieben wir so weit wie möglich von den Straßen runter, bewegten uns bei Nacht und versteckten uns am Tag.“

Der Mann mit dem kurz gestutzten grauen Vollbart und dem Veteranenbarett auf den Kopf erzählt distanziert und engagiert zugleich. Er macht den Eindruck, als sei es ihm gelungen, die schrecklichen Erlebnisse zu verarbeiten. Er ist ironisch, lacht. Als er seine Auszeichnungen zeigt, die er in einer schwarzen Plastikbox mit sich führt, liegt keine Spur von Pathos oder Stolz in seiner Stimme. „Könnte ja sein, dass ich sie tragen muss“, erklärt er trocken.

„Die Helden, die Sie im Fernsehen sehen können, gibt es nicht“, bekräftigt auch Earle R. Hart. Der ehemalige Infanterist in Pattons dritter Armee hat die Reise der US-Veteranen von den Staaten aus koordiniert. „Wenn Sie mit Veteranen sprechen, dann werden Sie herausfinden, dass egal was sie geleistet haben und welche Medaillen sie auch bekommen haben mögen, sie nur gemacht haben, was man ihnen gesagt hat und was von ihnen erwartet wurde.“ „Man sieht, wie jemand in Stücke gerissen wird und weiß, mit was für einer Situation man es zu tun hat“, ergänzt der hochgewachsene kräftige Mann, dem seine alte Armeeuniform noch immer passt wie angegossen. „Viele denken, es geht um Erfahrung und Mut, aber es ist Glück und die Gnade Gottes, so einfach ist das. Das ist der Grund, warum wir noch hier sind.“

Ähnlich wie Maisy Muller-Weber, die sagt, diese Zeit habe ihr Leben geprägt, resümiert auch Hart das Erlebte: „Die Ereignisse damals waren das einschneidendste Erlebnis im Leben der meisten von uns. Auch in Bezug auf die Geschichte und was erreicht wurde. Ihr wärt heute nicht hier und könntet mit uns dieses wundervolle Fest genießen, wenn wir damals nicht das Ruder herumgerissen hätten. Luxemburg war über vier Jahre unter dem Stiefel der Deutschen.“

Bis heute hat Hart „Flasbacks“ wie er sagt, die Schrecken des Krieges haben sich ihm ins Gedächtnis gebrannt: „Ich kann mich an ein Erlebnis erinnern; es war reiner Zufall. Während des ‚Bulge‘ Trinkwasser zu bekommen, war immer ein Problem. Es war so verdammt kalt, alles war gefroren. Manchmal haben wir den Schnee in unseren Händen geschmolzen, aber aus irgendeinem Grund gab es eines Tages dieses Rinnsal, das den Hügel herunterkam. Ich ging hin, um ein wenig Wasser aufzufangen, und dann lag da dieser tote Kraut – wir haben sie Krauts genannt. Er lag tot da, völlig verdreckt, wie ein Stück Holz mit Schnee bedeckt. Ich kann mich immer noch daran erinnern. Hey, er war ein Mensch.“

Versöhnung ist laut Hart daher ein Gedanke, der für ihn entscheidend geworden ist. „Wir, die getötet haben und beinahe getötet worden sind – was wir zu schaffen hofften, ist eine freie Welt, in der Menschen tun können was sie wollen, erreichen können, was immer ihnen wichtig ist. Wenn wir dies nicht vorführen können, was haben wir dann erreicht?“

Versöhnung ist, so Roland Gaul, Präsident der Association des musées de la bataille des Ardennes (Amba), auch der Gedanke, der dazu führte, dass einige ehemalige Wehrmachtssoldaten ebenfalls zu den Gedenkveranstaltungen nach Luxemburg eingeladen wurden. Am nächsten Morgen nehmen zwei von ihnen an der so genannten Night Vigil in Hoesdorf teil, einer Gedenkveranstaltung, die um 5.30 Uhr in der Frühe beginnt, also genau zu der Uhrzeit, zu der damals der deutsche Artilleriebeschuss losbrach.

Flucht aus dem Ösling

Überall entlang des früheren Frontverlaufs finden an diesem Morgen solche Kranzniederlegungen statt, und in Hoesdorf, während der Offensive ein strategisch wichtiger Ort, finden sich Prinz Felix und Prinz Guillaume ein. Etwa 200 Menschen haben sich vor dem Gedenkstein versammelt, der auf einer Anhöhe am Wegrand platziert ist. Hinter dem Mahnmal lodern zahlreiche Fackeln, links und rechts davon wird es von einer Ehrengarde flankiert. Es werden Reden gehalten, irgendwo in der Ferne sind Salutschüsse zu hören.

Auch eine Gruppe so genannter „Reenactors“ aus Großbritannien ist angetreten. In Originalausrüstungsgegenständen stehen sie in Reih‘ und Glied, ihre Wileys Jeeps haben sie am Straßenrand geparkt. Einer der Prinzen wechselt ein paar Worte mit den Laiendarstellern, die ausnahmslos Zivilisten sind. „Hoesdorf“, sagt Roland Gaul, war zum Zeitpunkt der Attacke „eine Art Niemandsland“. Bis auf die Amerikaner sei niemand hier gewesen. „Der Ort lag zu nahe an der Kampfzone. Deshalb haben die Amerikaner die Leute und ihr Vieh ins Hinterland evakuiert.“

Marcel Engel, Landwirt in Hoesdorf, erblickte in dieser Situation das Licht der Welt. Am 14. Dezember wurde er in Luxemburg, wohin sich seine Eltern nach der Evakuierung geflüchtet hatten, geboren. Bei ihrer Rückkehr fanden sie den Hof teilweise zerstört. Auch andere Gebäude in Hoesdorf wurden in Mitleidenschaft gezogen. Es gab jedoch Nachbarorte, wie Engel von seinen Eltern weiß, „da war nichts mehr ganz, da war alles kaputt“.

Mittlerweile haben sich die anwesenden zu einem Schweigemarsch formiert und auf den Weg zur Kirche gemacht. Im Gehen erzählt Romain Ries, Gemeinderatsmitglied aus Reisdorf, für ihn sei es wichtig gewesen, in der Frühe hierher zu kommen, „aus Respekt vor den Leuten, die hier was geleistet haben“. „Mein Vater“, fährt er nach einer kurzen Pause fort, „hat nicht gern über diese Zeit geredet“. Er wurde von den Deutschen zwangsrekrutiert und an die Ostfront verschleppt, darunter habe er sein Leben lang gelitten. „Er hat seine Jugend verloren, die nur aus Krieg bestand“, sagt Ries.

„Jeder in Luxemburg hat so eine Geschichte zu erzählen“, erklärt er das große Interesse der Bevölkerung an diesem Jahrestag. Verwandte, Bekannte, immer wieder erzähle jemand von Flucht, von „irgendwelchen Kellern, in denen man hausen musste“. Diese Erzählungen seien auch die Verbindung der Geschichte mit der Gegenwart.

Später in der Dorfkneipe werden Würstchen, Kaffe und Tee gereicht. Auch die beiden ehemaligen Wehrmachtssoldaten sitzen da und unterhalten sich. Die amerikanischen Veteranen findet Albert Summerer arrogant, weil die, die er getroffen hat, nicht einmal small talken wollten. „Wo warst du damals, hätte man ja mal fragen können“, findet der 79-jährige aus Andernach bei Koblenz. Keine Spur von Bewusstsein, dass die beiden Seiten aus unterschiedlichen Motiven in diesen Krieg gezogen sind, die einen die Schlote von Auschwitz im Rücken, die anderen das Ideal der Demokratie. Summerer würde gern einfach von Frontsoldat zu Frontsoldat reden, denn für ihn scheint alles gleich: „Ich war im Getriebe des Krieges drinnen, ich konnte nicht raus“. „Ich war ja kein Zigeuner oder Mörder. Man kann sich ja mal die Hand geben, der Amerikaner ist ja auch nicht mit Seidenhandschuhen rumgezogen“, relativiert er die Taten der Deutschen.

Kein Grund zur Reue

General George S. Pattons Grab auf dem amerikanischen Soldatenfriedhof in Hamm. Er starb im Dezember 1945 bei einem Autounfall. (Originalaufnahme: Thorsten Fuchshuber)

Auch er fühlt sich heute in Luxemburg wohl. „Ich komme gern hierher – trotz der Tatsache, dass wir hier durchmarschiert sind und Häuser und Zeug kaputtgeschossen haben – umgekehrt taten die anderen das auch. Ihr in Luxemburg wart der Mühlstein“, analysiert Summerer.

Mühlstein, Getriebe, kein Zigeuner – die Sprache verrät den Bewusstseinsstand. Albert Summerer, der sich 1943 freiwillig gemeldet hat, schämt sich dafür nicht, denn „wir sind ja auch dazu erzogen worden, einzutreten für Führer, Volk und Vaterland“. „Ich habe nichts getan, was ich bereuen müsste“, sagt er, „ich musste Befehle ausführen und ich habe mich nicht daneben benommen, keinen vergewaltigt, keinen Zivilisten erschlagen.“ Alles andere „war Kampf mit dem Amerikaner, war Mann gegen Mann. Wer zuerst schießt, lebt länger. Ich könnte nicht sagen, dass ich das bereue“.

Zwei Tage später findet in Bastogne ein Höhepunkt der Gedenkveranstaltungen statt. Am frühen Nachmittag ist eine Kranzniederlegung am amerikanischen Mahnmal Colline du Mardasson, wieder hat sich die Prominenz versammelt. Um Bastogne herum hat sich eines der blutigsten Kapitel des Zweiten Weltkriegs abgespielt, die größte Landschlacht in Europa, an der die USA beteiligt waren. Tagelang waren die alliierten Truppen dort von den Nazis umzingelt, die Stadt am Ende nahezu völlig zerstört.

Mit einem Multimedia-Spektakel sollen die Ereignisse nachempfunden werden. Entlang der Einkaufsstraße wurden riesige Lichtanlagen und Lautsprecher installiert. Rezitierte Tagebucheintragungen von Zivilisten, die in der belagerten Stadt verharren mussten, erzählen von den Geschehnissen und von der Stimmung, die damals herrschte. Lichtkegel zerschneiden den Nachthimmel, jagen über Hauswände hinweg. Geschützlärm aus den Lautsprechern wechselt sich mit Opernchorälen ab.

Nun ist auch die große Stunde der „Reenactors“ gekommen, die aus allen Teilen Europas angereist sind. Hunderte von ihnen wälzen sich in Originaluniformen der damaligen Truppenteile durch die Stadt. Über 480 Militärfahrzeuge und 12 Panzer haben sie mitgebracht. Jeeps mit Maschinengewehren, Last- und Krankenwagen und ein Abschleppwagen mit einem Flugzeugwrack auf der Ladefläche bestimmen das Straßenbild.

Wie damals in den Ardennen

Von den Fahrzeugliebhabern ist Christopher Lavie aus Bordeaux, der mit der normannischen Reenactment-Gruppe „D-Day-Drop“ angereist ist, allerdings wenig begeistert. Denn die Reenactors, überwiegend zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt, „wollen auch physisch den Soldaten von damals nahe kommen“, wie Lavie sagt. „Wir wollen keine Dicken und Alten, die unserem Hobby einen schlechten Eindruck verleihen.“ Tausende von Euro hat er in seine Originaluniform und Ausrüstungsgegenstände investiert, auf Militariamessen hat er sie zusammengekauft. Allein für den M1-Karabiner, der an seiner Schulter hängt, musste er 500 Euro liegen lassen.

Die vorige Nacht hat Lavie, eingehüllt in seinen Mantel, an dem die Zeit ihre Spuren hinterlassen hat, in einem Schützengraben vor Bastogne verbracht. Genau in dem Waldstück, in dem damals auch die 101. Luftlandedivision der US-Streitkräfte ausharren musste, und die jetzt von seiner Gruppe verkörpert wird. „Wir haben dort ‚foxholes‘ (Schützengräben; Anm. d. Red.) gefunden, die noch in gutem Zustand sind.“ Denn dort sei ein Kiefernwald, der wenig Humus produziere. In der klirrenden Kälte habe er auf dem schneebedeckten Boden nicht schlafen können, sagt der 24-jährige Jurastudent. Doch er und seine Freunde wollen „den Bedingungen von damals so nahe wie möglich kommen“. „Es ist schrecklich, wenn man genau das fühlt, was einem die Veteranen kurze Zeit zuvor erzählt haben.“

Dabei ist Christopher Lavie in gewisser Weise bereits selbst ein Veteran. Auch an den Landungsstränden der Normandie und anderswo hat er an solchen Reenactments teilgenommen. Als Militaristen verstehen er und seine Freunde sich aber nicht. Keiner von ihnen war je bei der Armee und sie lehnen auch jede Affinität dazu ab. „Wir machen das nur aus historischem Interesse.“

Später brausen einige Wehrmachtsfahrzeuge über die Einkaufsstraße von Bastogne, verfolgt von Panzern der US-Army. Zahlreiche Reenactors haben sich, Teil des Spektakels, „authentisch“ darauf drapiert. Lavie wird die nächste Nacht wieder in einem „foxhole“ verbringen. Die Veteranen liegen dann glücklicherweise in ihrem warmen Hotelbett. Schließlich ist einer ihrer größten Wünsche, der aus dem Geschehen damals erwuchs, dass keine Generation künftig Ähnliches erleben muss.

Für viele von ihnen wird es das letzte Mal gewesen sein, dass sie an diese Orte zurückkehrten. Halb scherzhaft und doch sehr ernst, haben sie, die sich als „Enkel all derer“ begreifen, die „nie einen Enkel hatten“, eine Redewendung für diesen 60. Jahrestag gefunden: „The last hooray“.


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