T42: Ende offen

von | 29.04.2005

Von der Schülerband zu Familienvätern: Nach 15 Jahren hängt T42 endgültig die Instrumente an den Nagel. Aber ein neues Projekt steht bereits in den Startlöchern.

Eric Falchero und John Rech

„Wir sind nicht cool“, sagt Philipp Seymour Hoffmann in Cameron Crowes Film „Almost Famous“ zu einem viel zu netten milchbärtigen Jungen, der unbedingt mit den groĂźen Rockstars rumhängen möchte. Dieses GefĂĽhl, nicht wirklich cool zu sein, kennt John Rech nur zu gut. Von der ersten Stunde an stand der DĂĽdelinger bei den Folk-Rockern T42 hinter dem Mikrofon, löste in den Neunzigern in Luxemburg eine regelrechte Fanhysterie um seine Person aus und musste doch von Seiten der KritikerInnen immer wieder Schelte einstecken.

„T42 wurde gelobt, verpönt, geliebt und gehasst“, heiĂźt es in der Pressemitteilung der Band. Ihr letztes Konzert spielen die Sechs in der Escher Kulturfabrik, eine der wenigen Luxemburger BĂĽhnen, die sie bis jetzt noch nie betreten hatten. „Wir dĂĽrfen in der Kulturfabrik spielen unter der Bedingung, dass wir versprechen, uns danach aufzulösen“, witzelt die Truppe auf ihrer Webseite.

Die Stellung halten

Mit dem langhaarigen, schlaksigen Typ, der in bunten Hippie-Klamotten auf der BĂĽhne auf und ab hĂĽpfte und OhrwĂĽrmer wie „Marie-Anne“ oder „She dances until she breaks down“ zum Besten gab, hat Rech heute nicht mehr viel gemein. Die langen Haare sind ab – und seit zwei Jahren steht neben dem Musizieren auch das Windelwechseln im Terminplan des MittdreiĂźigers. Während der Vater Interviews gibt, stochert Tochter Jordan fröhlich mit den Fingern im Brotaufstrich. Auch die anderen T42ler haben Familien gegrĂĽndet, Häuser gebaut, andere Prioritäten gesetzt. FĂĽr die Band blieb da kaum noch Zeit.

Von der alten Besetzung sind lediglich zwei geblieben. Rech und Eric Falchero, musikalische Allzweckwaffe, ebenso geschickt am Keyboard wie am Akkordeon oder bei den Backing Vocals. Beide hatten nach wie vor Lust auf T42, mieteten sogar extra ein Haus in der Camargue, um dort an neuen Liedern zu arbeiten, aber ihre Mitstreiter wollten nicht mehr. „Wir drehten uns vier Jahre lang im Kreis und jeder wollte in eine andere Richtung“, sagt Falchero. „Die anderen waren nicht mehr hungrig genug“, fĂĽgt Rech hinzu.

Deshalb endet das Kapitel T42 endgĂĽltig am 27. Mai in der Kulturfabrik. Rech und Falchero waren in der Zwischenzeit jedoch nicht untätig. Mit dem Projekt „Dreamcatcher“ haben sie eine EP mit dem Titel „3“ aufgenommen, die seit einigen Wochen in den Läden steht. Die Titel in Französisch, Luxemburgisch und Englisch stammen noch aus T42-Zeiten. Ja zum Neuanfang, nein zum Kurswechsel. „Ich hätte gerne ein wenig mehr mit Elektronik experimentiert“, sagt Falchero. Aber Rech und der deutsche Produzent Marcus Praed, auch Gitarrist der Folk-Rock-Band Ezio, wollten ein handgemachtes Rockalbum. Es klingt noch immer nach T42: mehr Dur als Moll, Mitsingen ist erwĂĽnscht – nur die Arrangements sind luftiger und anspruchsvoller geworden. Die Gitarren schrammeln nicht mehr, sondern schlängeln sich dank Produzent Praed raffiniert an komplexen Melodien entlang.

Nebenjob Rockmusiker

Eigentlich wollen sich Rech und Falchero auch gar nicht allzu weit von ihrer musikalischen Vergangenheit entfernen. „Man muss Musik nicht immer neu erfinden“, sagt Falchero. Fast trotzig sinnieren beide ĂĽber ihre Position in der Luxemburger Musikszene. 15 Jahre als liebstes Kind des Publikums und PrĂĽgelknaben der KennerInnen haben ihre Spuren hinterlassen. Dass Massen-Kompatibles nur selten mit dem Prädikat „angesagt“ versehen wird, damit möchten sie sich nicht abfinden. Grimmig werden sie vor allem, wenn eine Produktion mit ein paar lapidaren Sätzen in Grund und Boden gestampft wird. „Ich kann mit Kritik leben“, betont der 29-jährige Falchero, „solange ich merke, dass sich jemand wirklich mit der Musik beschäftigt hat.“

Dabei sind T42 beziehungsweise Dreamcatcher eine der wenigen Luxemburger Bands aus dem Mainstream-Bereich, die den Sprung ins Ausland wagen. Mit Ezio reisen sie seit einigen Jahren durch Deutschland und konnten sich dort – den Einträgen im Gästebuch zufolge – eine treue Fangemeinde erspielen. Da Rech und Co. aus finanziellen GrĂĽnden (nur so war es möglich die Band in voller Besetzung mit on the road zu nehmen) auch noch als Roadies von Ezio fungieren, erweist sich das Touren als besonders anstrengend. Zumal, wenn man wie der Grundschullehrer Falchero nebenbei noch einen Vollzeitjob hat, oder sich wie Rech als Hausmann um die Familie kĂĽmmert. Als Organisator verschiedener Festivals (Luxgsm-Festival, FĂŞte de la Musique, Zeltik) kann der Vielbeschäftigte nur selten wie heute entspannt auf seiner Terrasse in der Sonne sitzen. Einige Konzerte mit Dreamcatcher sind geplant, unter anderem beim Rock um Knuedler und beim LĂ«tzRock in Niederkorn im Vorprogramm von Nena und den Söhnen Mannheims. Und im Sommer wird Rech noch dazu zum zweiten Mal Vater.

Er und Falchero möchten es gemĂĽtlich angehen lassen mit der zweiten Karriere nach T42. An den Kompositionen arbeiten sie gemeinsam – ĂĽbers Internet. Sie könnten sich vorstellen, jedes Jahr eine EP zu veröffentlichen und sich dafĂĽr verschiedene Gastmusiker einzuladen, die fĂĽr frischen Wind sorgen. Spontan möchten sie sein, keine „richtige“ Band mehr grĂĽnden, kein vollständiges Album mehr aufnehmen. Weg von groĂźen Träumen hin zu ĂĽberschaubaren Plänen.

„Jetzt haben wir eigentlich zwei Stunden lang vor allem ĂĽber Kritiker gesprochen“, ärgert sich Falchero und kuckt auf die Uhr. Er muss zur nächsten Probe. Sie verstehen nicht so recht, wieso es in den 15 Jahren nicht geklappt hat mit der ganz groĂźen Anerkennung. „Wir möchten nicht zum Gegenschlag ausholen“, sagt Rech, „wir brauchen niemandem etwas zu beweisen und man muss uns auch nicht mögen.“ Nach dem erfolgreichen Dreamcatcher-Konzert in Mainz lobte ein Lokal-Reporter in seinem Artikel zwar die Live-Präsenz der Band, fragte sich aber, wer diese „netten Popliedchen“ eigentlich bräuchte. Und John Rech schrieb zurĂĽck: „An diesem Abend offensichtlich ein Saal voller Menschen.“

T42-History

T42 wurden Anfang 1990 gegrĂĽndet. Den Namen borgten sie sich aus „La grande vadrouille“, wo zwei englische Soldaten den Song „Tea for two“ als geheimen Code vereinbaren. Die erste Platte „Waiting for the Light“ erscheint 1992. Mitte der Neunziger werden aus den Schulbank-Folkern waschechte nationale Popstars. Nach drei Alben (Welcome to our World, Bad Hair Day) zeigen sich 1997 erste ErmĂĽdungserscheinungen. John Rech, heute noch als einziger von der Originalbesetzung mit dabei, wagt sich unter dem Namen „Dreamcatcher“ mit der CD „Happy in my Treehouse“ allein auf die BĂĽhne. 2002 erscheint das Best-of „Hopeless Romantic Folk Circus“. Nach dem Album „Oopsy-Daisy“ und dem Live-Mitschnitt „Crew Deluxe“ ist die Luft dann endgĂĽltig raus. Mit einem zweiten Best-of, das am 27. Mai an die KonzertbesucherInnen in der Kufa verteilt wird, verabschieden sich T42.

www.t42.lu

Dreamcatcher, „3“,
erhältlich für 10 € in allen Plattenläden oder über www.dreamcatcher.lu

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