WALTER SALLES: Diarios de Motocicleta

Der brasilianische Erfolgsregisseur
Walter Salles verfilmt Che Guevaras „Diarios de Motocicleta“ und stößt dabei an die Grenzen des Road Movies.

Eine Odyssee durch Südamerika: Alberto Granado (Rodrigo de la Serna) und Ernesto Guevara (Gael Garcia Bernal) in der Atacama-Wüste.

Zwei junge Argentinier steigen 1952 in Buenos Aires auf ein altes Motorrad und begeben sich auf eine lange Fahrt. Mehr als ein halbes Jahr lang durchqueren sie Südamerika. Die Reise führt sie zuerst in die unermessliche Weite Patagoniens, dann nach Chile, Peru, Kolumbien und Venezuela. Einer der beiden, Ernesto „Che“ Guevara, wird später Revolutionär in Kuba an der Seite von Fidel Castro und – nach seiner Ermordung durch die bolivianische Armee 1967 – ein Märtyrer der Linken und weltweites Idol der Popkultur.

Guevaras Tagebuchaufzeichnungen sind nach seinem Tod vielfach übersetzt worden. Sie bieten nicht nur einen interessanten Blick auf seine Zeit als Medizinstudent, über die bis dato wenig bekannt war. Mit der Reise Guevaras zusammen mit seinem Studienfreund Alberto Granado beginnt auch das politische Denken des späteren Revolutionärs. Das Buch ist eine Art südamerikanisches „On the Road“.

Der brasilianische Regisseur Walter Salles hat sich mit seinem Film „Diarios de Motocicleta“ einen lang gehegten Wunsch erfüllt. Für ihn sei das Buch wie ein Heiligtum, sagt er. Er habe fünf Jahre Vorbereitungszeit gebraucht, um das Projekt zu realisieren. Salles war sich auch durchaus bewusst, dass er sich daran die Finger verbrennen könnte. Wegen der vielen Vorschusslorbeeren für sein mit Preisen überhäuftes Meisterwerk „Central do Brasil“ war der Druck auf ihn riesig, nachdem bereits sein darauf folgender Film „Abril Despedaçado“ (Hinter der Sonne), die mit Symbolik überladene und romantisch verbrämte Geschichte einer Blutrache, nicht den hohen Erwartungen entsprechen konnte.

Wie „Central do Brasil“ ist „Diarios de Motocicleta“ ein Road Movie, das ebenso die Probleme Lateinamerikas behandelt. Und die sind in den vergangenen 50 Jahren noch dieselben: Sozial Schwache werden ausgegrenzt, ArbeiterInnen ausgebeutet, die indigene Bevölkerung benachteiligt. Ernesto und Alberto
lernen einen Kontinent der
Armut kennen. Mit „Central do Brasil“, der von der Reise eines Waisenjungen und einer abgestumpften alten Frau durch Brasilien handelt, war Salles mittels intensiver Bildsprache und einer detailliert eingesetzten Metaphorik eine Spurensuche nach den Wurzeln seines Heimatlandes gelungen. Dagegen bleibt „Diarios“ an der Oberfläche. Die Schilderung des sozialen Elends wirkt plakativ. Im Zentrum steht die durchaus unterhaltsame Story, eine Schelmengeschichte mit zahlreichen komischen Elementen – obwohl auch die sich im Laufe des Films wiederholen, nicht zuletzt die Slapstickeinlagen mit dem Motorrad, das nach der Hälfte des Films den Geist aufgibt.

Die Gegensätzlichkeit der beiden Freunde – der sensible Ernesto und der temperamentvolle Alberto – entwickelt sich schnell zu einem tragenden Handlungselement. Der Wandel von zwei gleichgültigen Schürzenjägern, die in allerhand Kalamitäten geraten, zu gezeichneten Helden überzeugt jedoch wenig. An den Darstellern hat es nicht gelegen: Der Mexikaner Gael Garcia Bernal, nach überzeugenden Leistungen in Alejandro Gonzalez Inaritus „Amores Perros“ und Pedro Alomodovars „Mala educacion“ der neue Star am spanischsprachigen Filmhimmel, nutzt als Ernesto Guevara das Potenzial seiner Rolle und zeigt eine neue Facette des arg strapazierten Che-Mythos. Unterdessen sorgt der Argentinier Rodrigo de la Serna als Alberto für den komischen Part. In einer kleineren Rolle überzeugt auch die argentinische Schauspielerin Mia Maestro, die ihr Filmdebüt in Carlos Sauras „Tango“ gab, als Chichina.

Salles‘ Versuch, den Erfolg von „Central do Brasil“ zu wiederholen, erstickt aber insgesamt an den eng gesetzten Genre-Grenzen des Road Movies. Wie einst auch Fernando Solanas leidet er an einer zu durchsichtigen Symbolik. Und der dramatische Höhepunkt des Films, als sich Guevara in den Fluss stürzt, um das Lager der Leprösen auf der anderen Seite zu erreichen, versinkt schließlich im Pathos.


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