ALFONSO CUARON: Children of Men

Selten war ein Zukunftsfilm so nah an der Gegenwart dran als Children of Men. Alfonso Cuaròn gelingt es mit Spekulationen heutige Probleme besser sichtbar zu machen.

Auch in der nahen Zukunft werden Explosionen zum Alltag gehören.

In seinem neuesten Film zeichnet Alfonso Cuarón (Y tu mama tambien, Great Expectations) eine erschreckende Zukunftsvision. Die Menschheit ist vom Aussterben bedroht, die Gesellschaft verroht. Doch dann wird eine junge Frau schwanger; ein Wunder, das einige gerne für ihre politischen Ziele benutzen würden. Eine Jagd beginnt, bei der ausgerechnet ein desillusionierter Zyniker zum selbstlosen Held wird.

Die Nachrichten vom 16. November 2027 berichten von einer Tragödie, die die Menschen weltweit entsetzt: Der jüngste Erdbewohner, ist mit knapp 18 Jahren verstorben. Das Tragische daran ist, dass seit 2009 überhaupt keine Kinder mehr geboren wurden. Gewalt und Chaos beherrschen den Alltag. Der Staat versucht mit aller Macht die Kontrolle zu behalten und verfällt dabei dem Totalitarismus. Der Anblick von Panzern und Soldaten in den Straßen Londons ist normal geworden. Großbritannien hat sich komplett von der Welt isoliert und praktiziert eine äußert radikale Flüchtlingspolitik: Alle Ausländer gelten auf der Insel als Illegale und werden in Lager abgeschoben. Eine revolutionäre Untergrund-Bewegung, die Fishes, versucht mit Terror den Staat zu destabilisieren und geht dabei auch über zivile Leichen. Eine schöne, neue Welt.

Für Theo Faron (Clive Owen) ist das Leben nur eine Anreihung trostloser Tage. Der Anti-Held lebt getrennt von seiner Frau (Julianne Moore), die als Anführerin der Fishes im Untergrund wirkt. Ihr gemeinsamer Sohn ist jung gestorben und Theo ertränkt sein Leid im Alkohol. Doch dann wird er überraschend von seiner Ex-Frau kontaktiert und um Hilfe gebeten für eine äußert heikle Mission. Kee, eine junge Illegale, (Claire-Hope Ashitey) ist schwanger und soll mit Theos Hilfe an einen sicheren Ort gebracht werden. Die Situation ist sehr prekär denn die Regierung Großbritanniens würde es niemals akzeptieren, dass die erste schwangere Frau seit fast 20 Jahren eine Illegale ist. Die junge Frau soll zu einer mysteriösen Gemeinschaft geführt werden, dem Project Humanity.

Viele Geschichten kursieren um diese Gruppierung, die scheinbar auf einer entlegenen Insel nach Möglichkeiten zur Rettung der Menschheit sucht. Doch keiner weiß mit Sicherheit, ob es das Project Humanity wirklich gibt. Die Odyssee gestaltet sich noch schwieriger als gedacht, als Theo merkt, dass die Fishes andere Pläne verfolgen als ihre Anführerin Julian. Die Mutter und das Kind sollen im Namen der Revolution zum Symbol der Aufhebung erhoben werden. Theo wird mit Kee zum Gejagten, der sich vor den Staatsmächten und vor den Fishes verstecken muss. Der letzte Teil des Films, ein verstörend realistisch inszenierter Showdown, spielt größtenteils in einem Flüchtlingslager. Dem Zuschauer wird einiges abverlangt: Auf psychologischer Ebene sieht er sich mit Bildern konfrontiert, die an das Warschauer Ghetto erinnern oder an Szenen aus dem jugoslawischen Bürgerkrieg. Aufmerksame Beobachter werden gar einen Hinweis auf die Gefangenenmissbräuche in Abu Ghraib entdecken. Das Tempo ist sehr hoch, die Kamera mitten im Geschehen und sie fängt wörtlich Blutflecken mit der Linse auf. Kombiniert mit der Geräuschkulisse, findet sich der Zuschauer realistischer als ihm lieb ist, in den Wirren eines Bürgerkrieges wieder. Besonders hervorzuheben ist Clive Owens schauspielerische Leistung. Ohne das genre-übliche Pathos gelingt es ihm, die Entwicklung Theos zu einem wahrhaftigen Helden zu zeichnen, der selbstlos und mutig eine Frau beschützen will. Sein Beschützerinstinkt wirkt nicht nur glaubhaft, sondern überträgt sich auch fast auf den Zuschauer.

„Children of Men“ ist ein bedrückender Film, der nicht nur zum Nachdenken anregt, sondern auch nachhaltig verstört. Der Zuschauer verlässt das Kino mit einem sehr bitteren Geschmack im Mund. Man kann sich zwar einreden, dass alles nur fiktional ist. Aber leider nur fast alles.

Children of Men, im Utopolis


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