INSTALLATION: Brave Kunst

Teils ästhetisch, doch äußerst minimalistisch und zurückhaltend ist die Ausstellung Su-Mei Tses. Will Kunst nicht mehr?

„… how many people of you, in your experience, when you cross your hands, realize what thumb you put on top? Change it and see what it’s like“ – diese Aussage des amerikanischen Tänzers und Choreographen Merce Cunningham zieht sich als applizierter Text über zwei Ausstellungswände der Galerie Baumontpublic, die zurzeit einige Installationen, Fotos und Videos der jungen Künstlerin Su-Mei Tse zeigt. Was soll das? – fragt man sich. Warum muss Kunst sich zunehmend auf eine reine Evokation beschränken, die oft auch nur in Ansätzen durchdacht ist? Introspektiv und minimalistisch sind die Objekte bei Su-Mei Tse. Okay, ich soll also meine Gewohnheiten hinterfragen und wahrnehmen. Wahrnehmen, wie ich beim Falten der Hände die Finger übereinander lege.

In puristischer Manier, sich selbst nahezu auflösend, scheint Su Mei Tse hinter ihren Objekten zu verschwinden. Etwa bei der Installation „1000 words for snow“, in der sie auf einem großflächigen Parkettboden die floralen Muster eines persischen Teppichs eingraviert hat, um die Gravur mit himmelblauem Harz auszufüllen. Eine knallrote Stange mit drei daran befestigten Megaphonen steckt im Parkettboden, ein Knistern ist zu vernehmen, das an das Abspielen einer Schallplatte erinnert oder an das Gurgeln einer Kaffeemaschine. Schnee soll das darstellen, das Raumgefühl einer verschneiten, leeren Landschaft evozieren. „1000 words“, auch als Anspielung auf die vielen Begriffe der Inuit für Schnee gedacht, darauf, dass etwas scheinbar Banales viele Bedeutungen haben kann. Erkennen, hinhören und abtauchen also. Aber wohin? Auch wenn der gravierte Teppich ästhetisch interessant ist und Su-Mei Tse mit dieser Idee sicher in Produktion gehen könnte, steht man doch etwas verloren vor diesem Objekt.

Genau so zurückhaltend ist ihre Installation „Swing“: Eine Schaukel, hergestellt aus zierlichen weißen Neonröhren, die sich mit unaufhörlichem Ticken hin und her bewegt. Auch hier will Su-Mei Tse Stimmungen evozieren, Erinnerungen wachrufen, ein Hineinhören erzeugen. Die Idee, eine Schaukel als nostalgische Referenz an die verflossene Kinderzeit und als Synonym für Monotonie zu inszenieren, kontrastiert mit dem formalen Aspekt eines kühlen Neon-Popartefakts.

Präsenter, auch persönlicher sind dagegen die ausgestellten Fotos, die in Zusammenarbeit mit Jean-Lou Majerus entstanden sind. Ein großes Foto mit dem Titel „Der Specht“ zeigt eine gespreizte, aufgestützte Hand vor weißem Hintergrund in Nahaufnahme. Das Foto erzählt: Die Fingernägel der Hand sind bis auf die Fingerkuppen abgenagt. Sie verraten einiges über die dazugehörende Eigentümerin – nämlich Su Mei Tse selbst.

Auch die beiden anderen Fotos zeigen Su-Mei Tse. Einmal ein Porträt, wie sie sich Kopfhörer in Form von Muscheln an die Ohren hält. Dieses Bild hängt gleich im Eingangsbereich und ist wohl dem Konzept der Ausstellung, nämlich dem Hinhören gewidmet. Ebenso ein anderes großformatiges Foto, das Su-Mei mit Megafon zeigt. Im Keller von Baumontpublic sind noch einige ältere Werke der 2003 auf der Kunstbiennale von Venedig mit dem goldenen Löwen ausgezeichneten Künstlerin zu sehen.

Insgesamt überzeugen die in der Galerie Baumontpublic ausgestellten Installationen nicht wirklich: Zu sehr nur Idee, zu zurückhaltend und zu brav.


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