MILCHSTREIK: Kurzsichtige Milchbauernrechnung

Ein Teil von Luxemburgs Milchbauern zeigte sich solidarisch mit den Kollegen in Deutschland und streikte für einen fairen Milchpreis. Ob es einen solchen jedoch auf dem hiesigen Milch-Markt geben kann, ist fraglich.

Streikt der Bauer, hat die Kuh noch lang nicht frei.

„No milk today, my love has gone away …“. Als die adretten Milchbubies der Band „Herman’s Hermit“ 1966 mit ihrem Song auf Platz zwei der deutschen Charts landeten und sich zwölf Wochen lang in den Top Ten hielten, ahnten sie wohl kaum, dass dieser Hit einmal kämpferisch auf Demos aus Lautsprecherboxen ertönen würde.

Der Ohrwurm ist dieser Tage in Deutschland und Luxemburg auf Kundgebungen von protestierenden Milchbauern zu hören. Die einen wollen, die anderen müssen streiken. Für die rund 500 der 1.000 Milchbauern im Großherzogtum, die ihr Produkt an die „Milch-Union Hocheifel“ (MUH) liefern, gibt es derzeit keinen Abnehmer. Ab Montag früh blockierten 40 Landwirte mit ihren Treckern die Zufahrt zum Betriebsgelände in Pronsfeld.

Solidarisch hatten am Samstag auch rund 60 Bauern der Vereinigung „Luxembourg Dairy Board“ (LDB) die Milchablieferung verweigert und stattdessen den Haupteingang der Luxlait in Merl mit Traktoren zugestellt. Wenn ein Bauer sich dazu entschließe, seine Milch lieber wegzukippen als zu verkaufen, sei dies ein Beweis dafür, dass dies der letzte Ausweg ist, kommentierte Guy Diederich vom LDB den Schritt, den so mancher Landwirt nur unter Tränen machen könne.

Milch, die wie Gülle aufs Feld ausgebracht wird oder in den Futtertrog wandert, das waren die vorübergehenden Konsequenzen des Milchstreiks, bei dem die Bauern keineswegs die Melkerschürze an den Nagel hängen konnten. Streik hin oder her – gemolken werden muss trotzdem täglich zwei Mal. Darauf sind die Hochleistungskühe im Stall, von denen viele über 9.000 Liter Milch im Jahr geben, getrimmt. Der aktuelle Basispreis von 36 Cent pro Liter hatte auch einige der hiesigen Milchbauern auf die Barrikaden gebracht. „Wir brauchen mindestens 43 Cent“, so Fredy de Martines vom LDB. Eine Forderung, die in dieser Höhe auch vom Deutschen Milchbauernverband erhoben wird.

Streikziel: 43 Cent

Tatsächlich stehen die 36 Cent gegenüber der 1,18 Euro, die ein Liter frische Luxlait im Supermarkt kostet, in einem für die Bauern ungünstigen Verhältnis. „Ich habe Verständnis für ihren Unmut“, sagt Luxlait-Direktor Claude Steinmetz, der am Samstag zu Gast in der Sendung Background auf RTL war. Der Spielraum der Molkerei, die als Genossenschaft die Interessen der Milchbauern vertrete, sei jedoch gering. Zwei Tage nach der Blockade setzte sich die Luxlait-Führung mit den Bauern zusammen und handelte einen verbalen Kompromiss aus, der sich eher vage anhört: Man wolle auf einen gerechteren Preis hinwirken und darauf, dass die Milchmengen den Bedürfnissen des Marktes besser angepasst werden. Zum selben Schluss kam die Agrarkommission der Chamber, die am Mittwoch die Milchbauern empfing.

Mit der Entwicklung ganz zufrieden gab sich danach der LDB. „Wir müssen nun weiterhin Druck auf die Politiker machen, dass die Mengenregelung flexibler gehandhabt wird“, so Fredy de Martines, der sich über die „große Solidaritätswelle in Luxemburg“ freut: Nachbarn von streikenden Milchbauern hätten geholfen, indem sie Milchprodukte kauften. Firmen aus dem Agrarsektor hätten hohe Summen gespendet, um Milchprodukte bei Discountern aufzukaufen. Die Tatsache, dass eben diese Futtermittel-, Landmaschinen- oder sonstige Agrarunternehmen ihre steigenden Kosten auf die Bauern abwälzen und die Milchproduktion auch dadurch unrentabel wurde, stehe nicht im Widerspruch zu diesen Solidaritätsbekundungen, so de Martines. „Diese Firmen rechnen so, wie wir Bauern das auch tun müssten“, sagt der LDB-Vorsitzende, ohne dabei jedoch auf die Subventionen hinzuweisen, die den Bauern im Gegensatz zu den Firmen zustehen.

Ein besserer Preis für die Bauern – hieße das, der Konsument muss in letzter Konsequenz mehr für seine Milch bezahlen? „Nicht unbedingt“, so de Martines. „Der Handel hat momentan einen großen Spielraum“. Vor allem die Praxis der großen Discounter, die beispielsweise MUH beliefert, sei problematisch. Dass man sich mit einer Molkerei wie Luxlait eher einig werden kann, daran glauben auch die Luxemburger Streikbauern. Ohne eine Garantie für diese Zusage zu bekommen, beendeten sie am Donnerstagmorgen ihren Milchlieferboykott.

Bei allem Verständnis für den Streik hielten sich sowohl die politischen Parteien mit Ausnahme der ADR als auch die Bauernverbände mit allzu deutlichen Solidaritätsbekundungen zurück. Tenor: Die Forderung nach fairen Milchpreisen ist berechtigt, die Aktionsform jedoch nicht unbedingt angemessen. Die Genossenschaftsmolkereien treffe keine Schuld an der derzeitigen Preismisere, schreibt beispielsweise der „Fräie Lëtzebuerger Bauereverband“ in einer Pressemitteilung. Tatsächlich seien die Molkereien die einzigen Verbündeten, die die Milcherzeuger in der momentanen Krisensituation noch haben.

„Nicht nur der Preis ist das Problem“

Nicht unterstützt wurden die Streikenden auch von der Biobaueregenossenschaft (BioG). „Eine solche Aktion ist kurzsichtig“, sagt Geschäftsführer Änder Schanck gegenüber der woxx. „Wäre man konsequent, müsste man über andere Probleme als nur über die Preise diskutieren.“ Die BioG verkauft die Biomilch zum herkömmlichen Preis an die Luxlait. Die Bauern bekommen von ihr zusätzlich sieben Cent pro Liter ausbezahlt und kommen so auf den derzeit von den Streikenden geforderten Erzeugerpreis von 43 Cent. Das geht unter anderem deshalb, weil der Konsument für einen Liter BioG-Milch 1,46 Euro auf die Ladentheke legen muss. „Die Genossenschaft trägt die Kosten für die Vermarktung“, so Schanck und weist auch darauf hin, dass der Biobauer nicht zwangsläufig mehr Arbeit im Stall hat als der konventionelle Landwirt. „Weil Biobauern in der Regel auf zusätzliche Futtermittel verzichten, die auf langen Wegen hertransportiert werden müssen, könnten sie in Zukunft kostenmäßig sogar einen größeren Vorteil gegenüber den konventionellen Bauern haben.“ So lange ein Bauer den Großteil seines Futters aus Rohstoffen bezieht, die aus Ländern der Dritten Welt stammen, könne von „fairen“ Preisen eh nicht die Rede sein, so Schanck.

Ähnlich sieht das Henri Kox, Abgeordneter von Déi Gréng und in der Partei zuständig für agrarpolitische Fragen. „Fair“ beinhalte auch, sein Marktverhalten gegenüber Entwicklungsländern in Frage zu stellen. „Die Diskussion über den Milchpreis ist berechtigt“, so Kox. „Doch der Streik wird dieses Problem nicht lösen. Und wir kommen nicht umhin, das ganze Modell zu überdenken.“ Das jetzige Agrarmodell sei nicht überlebensfähig, die Vorstellung, dass Bauern ohne entsprechende Subventionierung kostendeckend produzieren können, sei utopisch. „Es geht also nicht nur um die 43 Cent“, erklärt Henri Kox. „Wir müssen die Diskussion breiter führen.“ Mit Lebensmitteln dürfe nicht wie mit anderen Konsumgütern spekuliert werden, so Kox, der deshalb über einen regulierenden Markt diskutieren will.

Zumindest letzteres sehen auch die so, die agrarpolitisch eigentlich die Fäden in der Hand halten. Er respektiere einen Bauern und seine Arbeit mehr „als die Aktivitäten von Finanzmarktjongleuren, die mit ihren perversen Spekulationsgeschäften die Lebensmittelpreise in die Höhe treiben“, legte sich Premierminister Jean-Claude Juncker vor zwei Wochen auf dem Pressebriefing nach dem Regierungsrat ins Zeug. Auch Landwirtschaftsminister Fernand Boden zeigt großes Verständnis für die Forderung der aufgebrachten Milchbauern. Der Anspruch auf einen kostendeckenden Milchpreis sei berechtigt, so Boden und appellierte an die Konsumenten, Luxemburger Milch zu kaufen.

Die hatten bislang, trotz Streik und Aufkaufaktionen keine Schwierigkeiten, sich ihre tägliche Ration Milch zu besorgen. Ihr Verständnis für die kurzsichtige Aktion der Bauern und die ebenso wenig weitsichtigen Kommentare der Politik dürfte sich jedoch in Grenzen halten. „No milk today. It seems a common sight. But people passing by don’t know the reason why?, hieß es schon in den Sechzigern bei Herman’s Hermits.


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