1919: Das Jahr der Rebellion

Vor neunzig Jahren wurde in Luxemburg die Republik ausgerufen. Doch der historische Moment grub sich nie ins Luxemburger Kollektivbewusstsein ein.

Am 9. Januar 1919 „saßen in den Wirtshäusern um den Paradeplatz herum die echten Luxemburger Bürger, droschen ihren Skat, tranken ihren Humpen in aller Heiterkeit des Gemütes und ließen die Retter der Volksfreiheiten und die Heilande des Volkswohls schwitzen und schwatzen“. Dabei wurde auf der Place d’Armes, auf dem Knuedler und vor dem Kammergebäude gerade von der republikanischen Bewegung versucht, Geschichte zu schreiben.

„Verworrene Zeit“, „Sturm“, „revolutionäre Bewegung“ ? so unterschiedlich charakterisieren die drei bekanntesten Zeitzeugenberichte die Monate nach Ende des Ersten Weltkriegs im November 1918 bis zum Referendum im Oktober des folgenden Jahres. Die Berichte von Nikolaus Welter, August Collart und Emile Eiffes überschneiden sich in vielen Punkten, machen jedoch fundamental entgegengesetzte Standpunkte deutlich. Sie sind nicht nur politische Deutungs-, sondern auch Rechtfertigungsversuche. Denn alle drei Männer spielten eine wichtige Rolle in den politischen Ereignissen von 1919.

Welche Republik?

Nikolaus Welter, Schullehrer und Schriftsteller, wurde im Herbst 1918 von der sozialistischen Partei als Unterrichtsminister in die Regierung entsandt. Statt aber die kampffreudigen revolutionären Parolen zu übernehmen, die zu diesem Zeitpunkt die Sozialdemokratie prägten, positionierte sich Welter als konservativer Monarchist und bezeichnete sich selbst als nationalistisch. Während die deutschen Truppen sich zurückzogen, ging es auf der Straße hoch her. Die sozialen Spannungen, die sich während der Kriegsjahre aufgestaut hatten, brachen voll durch. Entstanden waren sie schon vor dem Krieg: Die Arbeit auf der Schmelz und in den Fabriken war hart und schlecht bezahlt, Armut, Wohnungsnot und unsägliche hygienische Zustände vor allem im Süden des Landes verbreitet. Es ist kein Zufall, dass in die Zeit nach der Jahrhundertwende die Entstehung der sozialistischen Partei und in die Kriegszeit die Gründung der Gewerkschaften fällt. Im Mai 1917 war ein großer Streik gescheitert, was die Arbeiterbewegung aber keineswegs entmutigte. Als am 10. November auf Initiative des sozialliberalen Blocks ein „Luxemburger Arbeiter- und Bauernrat? entstand, spiegelte er zumindest teilweise die Forderungen wieder, die auf Kundgebungen und Arbeiterversammlungen im Süden des Landes aufgestellt wurden: Republik, Achtstundentag, allgemeines Wahlrecht, Verstaatlichung der Eisenbahnen und staatliche Kontrolle über Hütten und Banken.

Im Parlament scheiterte eine liberale Resolution, die den Wunsch ausdrückt, „dass die Dynastie auf den Thron des Großherzogtums verzichte?, sehr knapp mit 19 zu 21 Stimmen und zwei Enthaltungen. Gerettet haben die Monarchie an diesem Tag vier der neutralen Gewerkschaft nahestehende Volksparteiler. Eine Resolution der Rechtspartei, welche ein Referendum zur zukünftigen Staatsform vorschlug, wurde gegen die Stimmen der Sozialisten und Liberalen angenommen. Die sozialistische Forderung nach dem Achtstundentag dagegen hatte mehr Erfolg. Spätestens als es im Dezember in Esch-Alzette zu Geschäftsplünderungen kam, war die Regierung genügend unter Druck, um dieser Forderung nachzukommen. Der Vertrauensmann der Volkpartei, der Bettemburger Gutsbesitzer August Collart, war unter anderem Industrie- und Arbeitsminister. Ganz ohne parlamentarische Prozedur, in einer Art Tripartite zwischen Arbeitgebern, Arbeiterorganisationen und Staats- und Arbeitsminister wurde der Achtstundentag beschlossen und durch großherzoglichen Beschluss umgesetzt. Dagegen gelang es den Liberalen, im Parlament einen Antrag durchzusetzen, wonach die Eisenbahnbediensteten einen Vorschuss auf die ihnen versprochene Teuerungszulage erhalten sollen. Natürlich versuchten die Sozialisten es ihnen gleich zu tun, indem sie ebenfalls eine Teuerungszulage für die Arbeiter der Eisenindustrie verlangten. Collart würgte den finanziell weitreichenden Antrag mit der Drohung ab, sein Amt niederzulegen. Die Teuerungszulagen waren angesichts von Lebensmittelknappheit und ?überteuerung während und nach dem Krieg eine zentrale soziale Forderung. Die Verschiebung des sozialistischen Vorschlags sorgte dafür, dass der Unmut der Arbeiterbewegung weiter angefacht wurde.

Die soziale Krise, so zeigen diese Beispiele, ist ein Hauptfaktor der Unruhen, die sich in Luxemburg abspielten, die Ablehnung der Dynastie ein zweiter. Während für die Arbeiterführer aber die Monarchie für ein insgesamt undemokratisches und kapitalistisches System stand, das sie durch eine Räterepublik ersetzen wollten, verfolgten die „Linksdeputierten?, welche die Republik forderten, zum Teil völlig andere Ziele. In der heftigen Auseinandersetzung um die Person der Herrscherin Marie-Adelheid trat der Kulturkampf zwischen konservativen Katholiken und Antiklerikalen noch einmal zu Tage. In den Debatten um ihr Verhalten gegenüber der deutschen Besatzungsmacht oder ihre Rolle als Staatschefin gegenüber Regierung und Parlament ging es um den Einfluss der Kirche auf die Monarchie und auf die Luxemburger Gesellschaft, aber auch um die Frage der Unabhängigkeit Luxemburgs, die durch den Krieg wieder in Frage gestellt schien. Die Allianz zwischen Bossen und Genossen war riskant. Gilbert Trausch schreibt: „L’alliance entre libéraux et sociaux-démocrates dans le bloc des gauches (de 1908 à 1916) déroute de plus en plus un prolétariat qui souffre plus de l’exploitation patronale que des prétentions cléricales.“

Während die rechten Abgeordneten stets Dynastieverehrung und Unabhängigkeitsstreben in einem Atemzug nannten, waren Liberale und Sozialisten zwar größtenteils einig in der Meinung, dass die Stunde der Monarchie geschlagen hat, ihre Vorstellung einer Republik orientierte sich aber wohl eher am französischen Modell. Und zur Frage der Unabhängigkeit gab es sehr unterschiedliche Ansichten. Obwohl der „Arbeiter- und Bauernrat? eine „Luxemburger Volksrepublik? gefordert hatte, einen „Freistaat, der seine politischen, ökonomischen und sozialen Angelegenheiten frei und unabhängig? regeln soll, waren an seiner Entstehung auch Mitglieder der „Ligue française? beteiligt, welche „die Vereinigung unseres Landes mit Frankreich? fordert. Vor allem unter den Liberalen gab es zudem Tendenzen, die annexionistischen Bestrebungen Belgiens zu unterstützen.

48 Stunden

Die Forderung nach einer Republik war der wacklige gemeinsame Nenner einer Bewegung, die nicht wirklich geeint war. Am 9. Januar erhielt sie jedoch noch einmal einen neuen Elan. Das Beispiel der deutschen Räterepublik baute nicht nur auf Arbeiter-, sondern auch auf Soldatenräten auf. Zum Meutern hatten aber nicht nur die deutschen Soldaten Grund: Auch in Luxemburg, wo die Freiwilligenkompagnie jahrelang auf deutsche Befehle und preußischen Drill gehört hatte, wurde das Signal gehört. Nachdem kurz vor Weihnachten die eigentlich demissionäre Regierung Reuter in ihren Versuchen gescheitert war, Frankreich zu einer Wirtschaftsunion und zur Anerkennung einer neuen Großherzogin zu bewegen, mussten die „Minister der Großherzogin? bei ihrer Rückkehr feststellen, dass die Freiwilligenkompagnie sich verselbst-ständigt hatte. Allerdings wurde aus deren Eingaben an die Abegordnetenkammer deutlich, dass es sich eher um eine, wie ihr Anführer Sergeant-Major Emile Eiffes später schreibt, „professionelle Befreiungsbewegung? handelt, die sich von „bolschevistischen Bewegungen? distanziert.

Unterdessen hatte sich jedoch eine „Action républicaine“ gebildet, in der die sozialistische Strömung stark vertreten war. Nachdem die sozialistische Fraktion im Parlament gescheitert war, sollte nun der Druck der Straße den republikanischen Forderungen Gehör verschaffen. Doch obwohl am 9. Januar Tausende dem Aufruf zu einer republikanischen Kundgebung in der Hautpstadt Folge leisteten, setzte sich die Bewegung nicht durch. Zwar verlangte, laut Eiffes, die Volksmenge vor dem Parlament „immer stürmischer die Proklamation der Republik?, doch offensichtlich konnten sich die sozialistischen und liberalen Abgeordneten hierzu nicht durchringen. Stattdessen befürworteten sie nun, ganz Parlamentarier, „dass eine auf grunde des allgemeinen Stimmrechts gewählte Konstitutante endgültig die neue Regierungsform festlegen müsse?. Das erboste die ManifestantInnen, doch es kam zu keinen weiteren Schritten von ihrer Seite mehr. Gegen halb fünf erklärte der Abgeordnete Emile Mark vor der Menge schließlich, die Republik sei beschlossen worden und man werde eine provisorische Regierung bilden.

Doch am Tag darauf dankte Marie-Adelheid ab. Zu dem bereits im November von der Parlamentsmehrheit gebilligten Vorhaben, ein Referendum zur Dynastiefrage abzuhalten, kam nun noch am 15. die Vereidigung Charlottes hinzu, welche die Bewegung schwächte. Maßgeblich im Unterfangen der Regierung, die republikanische Bewegung zu stoppen, war aber der Rückgriff auf das seit dem deutschen Rückzug in Luxemburg stationierte französische MIlitär. Es bewachte nicht nur Regierungs- und Parlamentsgebäude, Post und Kasernen, sondern hinderte das republikanische Komitee auch am 10. Januar daran, die alten Minister aus ihren Sesseln zu befördern. Es verbot öffentliche Versammlungen, sogar eine monarchistische Gegenveranstaltung in den Höfen des Konvikts. Und vor allem verhinderte es die Vereidigung der Freiwilligen auf die Republik.

Dass Frankreich so massiv die Luxemburger Bestrebungen hinderte, sich dem republikanischen Prinzip anzuschließen, mag auch heute noch erstaunen. Zum Teil erklärt sich seine Haltung durch die Nachkriegstraktationen zwischen Frankreich und Belgien, in denen eine Luxemburger Annexion durch Belgien ein Element der Verhandlungen war. Zum Teil scheint aber auch, so ein im Februar 1919 auf Veranlassung von Regierungspräsident Clémenceau verfasster Untersuchungsbericht, der diensttuende französische General de La Tour seine Kompetenzen überschritten zu haben. Er sei berechtigt gewesen, im Nachkriegsluxemburg für Ruhe und Ordnung zu sorgen, nicht aber zu verhindern, „que les gouvernants eussent été remplacés par d’autres?. Und der Bericht hält fest: „On ne peut, en outre, contester que l’intervention de nos troupes n’ait eu une action décisive dans la querelle intérieure des élus Luxembourgeois.?

Volksentscheid

Während Welter 1925 die republikanischen Führer in seinen Memoiren als verschlagene und hinterlistige vaterlandslose Gesellen abtut, ist Collart 1959 vorsichtiger: „Wenn es auch unausbleiblich ist, dass sich Hanswurste in Volksbewegungen mischen, hätte man Unrecht zu verallgemeinern und zu versuchen, die seriösen Elemente auf das Niveau alberner Wichtigtuer herunterzuzerren.? Eiffes dagegen bekennt sich auch 1933 noch zu seiner republikanischen Gesinnung, lehnt jedoch eine revolutionäre Republik ab und liebäugelt mit dem Ständestaat. Interessanterweise gibt es von Seiten der sozialistischen VerfechterInnen der Republik keine ähnlichen Veröffentlichungen zu den Ereignissen vom 9. und 10. Januar.

In einem waren sich die drei Chronisten jedoch einig: Nach diesen 48 Stunden hatte die republikanische Bewegung ihren Zenit überschritten. Das bedeutete allerdings nicht, dass es auf den Straßen ruhiger zugegangen wäre: In den nächsten Monaten reihte sich eine Kundgebung an die andere. Streiks wechselten sich ab mit Manifestationen für die Luxemburger Unabhängigkeit oder mit solchen, in denen die Regierung wegen ihrer Untätigkeit in sozialen Fragen unter Druck gesetzt wurde. Ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten die Unruhen in der spontanen Kundgebung vom 13. August 1919. Anlässlich der Debatten um die seit dem Winter versprochene Teuerungszulage wurde die Kammer gestürmt, die Abgeordneten suchten im Keller und auf dem Speicher Schutz.

Die Auseinandersetzung um die Monarchie vom Winter 1918/19 hat ein Nachspiel im Referendum vom 28. September 1919. Bemerkenswert ist nicht nur, dass es einen Monat vor den ersten allgemeinen Wahlen stattfand, sondern auch, dass es im Gegensatz zu den Wahlen keine Wahlpflicht gab. Wie wenig geübt auch die politisch Versierteren in der Ausübung des neuen Wahlrechts waren, zeigt der Aufruf der sozialistischen Partei, am Referendum nicht teilzunehmen.

Das Resultat fiel sehr deutlich für die Monarchie aus, nur in Esch und Rumelingen gab es Mehrheiten für die Republik. Einerseits war es Charlotte klar gelungen, ihre Position als Herrscherin zu behaupten, andererseits war wohl auch für viele der Wählenden die Monarchie Garantin der Selbstständigkeit Luxemburgs.

Des öfteren wird angeführt, das Frauenwahlrecht sei bewusst eingeführt worden, um prodynastische Stimmen zu fangen. Diese Behauptung wird nie geklärt werden können, interessant ist jedoch die Ansicht Collarts, dass „nicht wenige Frauen dem ihnen neu verliehenen Recht unfreundlich gegenüber? gestanden und es erst unter Wahlpflicht ausgeübt hätten. Deutlich wird aus den Resultaten des Referendums dagegen neben dem recht hohen Anteil an ungültigen Stimmen das Gefälle zwischen Stadt und Land, und das nicht nur im Süden. Der Streit um Monarchie und Republik deckt so auch den Graben zwischen bäuerlicher Bevölkerung und Proletariat auf. Ein „Arbeiter- und Bauernstaat? war in diesem Sinn wenig realistisch.

In der offiziellen Erinnerung hatte das Jahr 1919 nie einen hohen Stellenwert. Michel Pauly weist etwa darauf hin, dass nicht einmal die Einführung des allgemeinen Wahlrechts in der großen Ausstellung „De l’Etat vers la Nation? von 1989 gewürdigt wurde. Und für die Linke bleibt 1919 die Geschichte einer Niederlage. Doch selbst Paul Spang, der Marie-Adelheid „einen Ehrenplatz unter den großen Frauen, von denen in unserer Nationalgeschichte gesprochen wird: neben Kunigunde, Ermesinde und ihrer Schwester Charlotte? einräumen möchte, hält fest: „An revolutionären Tagen hat schließlich derjenige Recht, der an der Macht bleibt.?

Quellen und Fotos:

Bonnet, Serge: La tentative d’instaurer la république à Luxembourg en 1919. In: Hémecht, 1974.

Collart, August: Sturm um Luxemburgs Thron 1907-1920. 1959.

Eifes, Emile: Die revolutionäre Bewegung in Luxemburg 1918-1919. 1933.

Ettelbruck: 100 Joer Stad 1907-2007. 2008.

Hilgert, Romain: Emile Servais erster Präsident der Republik Luxemburg. In: Zeitung vum Letzebuerger Vollek, 11.11.1989.

Hilgert, Romain: Zeitungen in Luxemburg: 1704-2004. 2004.

Pauly, Michel: Une année décisive. In: forum, Nr. 112(1989).

Spang, Paul: Ein entscheidender Tag in unserer Geschichte: die Abdankung der Großherzogin Marie-Adelheid am 9. Januar 1919. In: LW, 9.01.1999.

Trausch, Gilbert: Contributions à l’histoire sociale de la question du Luxembourg
1914-1922. In: Hémecht, 19874.

Wehenkel, Henri: 10. November 1918: der Anfang der revolutionären Bewegung in Luxemburg. In: 1921-1981: Beiträge zur Geschichte der KPL.

Welter, Nikolaus: Im Dienste: Erinnerungen aus verworrener Zeit. 1925.


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