BILDUNGSPOLITIK: Brückenbauen im Bildungstal

Mit der Einschulung nimmt die Wissbegier von Kindern merklich ab. Die Durchfallquote an luxembur-gischen Schulen ist alarmierend hoch. Und während Wirtschaft und Wissenschaft im ständigen Wandel sind, wird die Bildungsreform nur im Schneckentempo umgesetzt. Welche Wege führen aus dem Bildungstal?

Ausgerechnet in der Wirtschaftskrise zieht das Bildungssystem den Kürzeren.

In Luxemburg gibt es bekanntlich drei verschiedene Schulsysteme: Das luxemburgische, das europäische und das internationale. Diese unterscheiden sich vor allem in ihrer Benotung, ihrer Klassenzusammensetzung und dem allgemeinen Bildungsweg.

Während zum Beispiel im luxemburgischen System bei der Benotung das 60-Punkte-System gilt, wird an der International School of Luxembourg (ISL) nach dem Prozent-System bewertet. Die Europaschule wiederum wendet das 10er-System an, wobei die Note 10 die Beste ist. Die Durchfallgrenze liegt bei der 6; wer in zwei Haupt- und einem Nebenfach schlechter ist, muss die Klasse wiederholen. Dieses System findet jedoch erst in der Sekundarschule Anwendung – im fünfjährigen Primaire-Unterricht wird trotz regelmäßiger Prüfungen vorerst noch nach einem Evaluierungs-Schema verfahren.

Dagegen erscheinen die luxemburgischen Kriterien überaus strikt: Ein nicht bestandenes Fach erschwert die Versetzung entscheidend. Besonders fällt dies im Lycée Technique auf, wo die Durchfallquote über 60 Prozent beträgt. Problematisch ist auch: Zahllose fremdsprachige Schüler scheitern just an den hohen Deutschanforderungen der luxemburgischen Schulen. Dies zwingt die Eltern vieler Kinder sich in Belgien oder Frankreich nach einer geeigneten Schule umzusehen.

Eine zweite Chance

Als Reaktion auf diese Sachlage entsteht gerade die „Ecole de la 2e Chance“: Ab 2010 sollen 120 ehemalige Schulabbrecher im Alter zwischen 16 und 24 Jahren für maximal zwei Jahre unterrichtet werden, um so wieder auf die Beine zu kommen. An einzelnen luxemburgischen Schulen gibt es jetzt außerdem das BI, das „Bac International“. Es handelt sich dabei um ein alternatives, international anerkanntes Abitur für Immigrierte. Wer sich dafür qualifiziert, hat die Chance, nach Abschluss der 10e Technique und zusätzlichen 400 Schulstunden das Diplom in den Händen zu halten.

Das luxemburgische System ist bekanntlich zweigliedrig: Mit 12 Jahren müssen die Schüler zwischen der klassischen und der technischen Laufbahn wählen. Der Nachteil dieses Prinzips liegt auf der Hand: In diesem Alter haben viele noch keine konkreten Ausbildungs- oder Berufsvorstellungen, müssen sich jedoch bereits für ihre Karriere entscheiden. Bei der ISL und der Europaschule dagegen ist die Schullaufbahn einheitlich: Jeder Schüler macht den Weg über Maternelle, Primaire und Secondaire und schließt nach zwölf Jahren die Schule mit dem europäischen/internationalen Bakkalaureat ab.

Eine weitere Besonderheit der Internationalen beziehungsweise Europäischen Schule ist ihre Nationalitätenvielfalt. „Die Schüler sollen frei von Vorurteilen aufwachsen“, erläutert Toula Vassilacou, Direktorin der Europäischen Schule, die Basis jedes friedlichen Zusammenleben. „Sie sollen ihr eigenes Land und das neue Gastland schätzen lernen; das ist die Botschaft, die wir vermitteln wollen.? Wertevermittlung und Kommunikation stehen also an erster Stelle. Die große Schwäche der Europaschule andererseits ist ihre enorme Schülerzahl. Es fehlt sowohl an Räumen wie Lehrkräften – bei etwa 4.000 Schülern keine Überraschung. Das in Mamer geplante zweite Gebäude wird voraussichtlich erst 2012 fertiggestellt werden. Dieser Termin ist allerdings das Ergebnis beständiger Verschiebungen. Es ist daher eher unklar, wie lange einige portugiesische Viertklässler in der „Übergangslösung“, dem aus Containergebäuden bestehenden Village Pédagogique, noch zwischen Zweitklässlern ausharren müssen.

Die Europaschule wird von Außenstehenden oft als Eliteschule angesehen. Hierin sind sich die meisten ihrer Schüler aber wohl einig: Sie fühlen sich nicht als etwas „Besseres“, sehen nicht auf das luxemburgische System herab.

Im luxemburgischen Bildungssystem stellt die Europaschule dennoch eine kulturelle Insel dar. Eine Europaschülerin äußerte sich folgendermaßen dazu: „Dieses „Gast-Empfinden“ überrascht und irritiert mich.“ Zwar findet man Luxemburger in fast allen deutschen beziehungsweise französischen Klassen der Europaschule; außerhalb aber gibt es oft nur Bars oder Sportvereine als Kontaktmöglichkeit.Das nationale Vernetzen von Schulen über das Internet könnte zu mehr Austausch zwischen den Schulen und Schülern führen. Im spanischen Avila etwa wurde eine Sekundarschule mit PCs ausgestattet. Das macht es möglich im Englischunterricht eine Geschichte fertigzuschreiben, die Kinder in einem anderen Land begonnen haben.

Der Weg in die Moderne

Das Startzeichen für eine bessere Kommunikation zwischen luxemburgischen Schulen hat kürzlich das von Script ins Leben gerufene Programm „Ecoles en Mouvement“ gegeben. Wertvolle Erfahrungen können so zwischen den Pilotprojekten geteilt werden. Auch einwöchige Austauschprogramme oder kurze Besuche würden zu einem verstärkten gegenseitigen Interesse und besseren Verständnis beitragen.

Die verbesserte Kommunikation könnte zudem ihren Beitrag zur Reform der Schulen leisten. In diesen geht es noch immer überproportional um das Eintrichtern von Wissen, um Benotung in Zahlen und – bezüglich ihrer Langzeitwirkung – ineffiziente Tests. Denn in vielen Fächern wird der gerade gelernte Stoff schnell wieder von neuen Themen verdrängt. Wie François Rabelais bereits vor Jahrhunderten feststellte: „Kinder sind keine Fässer, die gefüllt, sondern Feuer, die entfacht werden wollen.“ Üben hat nichts mit Unfreiheit und Monotonie, sondern mit ständiger Variation zu tun: Eine Aufgabe – sei sie noch so mathematisch – kann auf unterschiedlichen Wegen gelöst werden. „Vielseitigkeit ist ein Recht, das unser System bereichern kann“, so auch Toula Vassilacou. Unser international auf Fehlerfreiheit und einheitliche Lösungswege angesetztes System jedoch kann der Individualität eines jeden in seiner jetzigen Form nicht gerecht werden. Außerdem erzieht es zur Passivität: Aufgaben werden nach vorgefertigten Mustern bearbeitet, Selbsteinschätzung wird kaum verlangt. Deswegen verdeutlichen Pädagogen immer dringlicher die Notwendigkeit eines Umdenkens.

„Das 60-Punkte-System wird unserem pädagogischen Konzept nicht gerecht“, sagte auch Josianne Kieffer, Lehrerin an der Escher Jean-Jaurès-Schule, Anfang 2009 gegenüber dem „Lëtzebuerger Land“. „Wir halten noch zu sehr an vorgegebenen Schulbüchern und am Fächerkanon fest“. Die Jean-Jaurès Schule hat das Umdenken bereits vollzogen. Statt mit vordefinierten Stundenplänen arbeitet diese Schule seit 2005 mit Wochenplänen, Lehrerteams und setzt das Modell einer Ganztagsschule um. Letzteres erleichtert berufstätigen Eltern den Alltag und ermöglicht eine direkte Hausaufgabenhilfe in der Schule.

Motiviertes Lehrpersonal

Ein weiteres Beispiel gelungener Innovation bietet „Eis Schoul“ auf dem Kirchberg. Sie hat das Punktesystem ganz abgeschafft. Die junge Schule unterrichtet 3-12-Jährige – darunter mindestens 10 Prozent beeinträchtigte Kinder – in altersgemischten Gruppen. Ein Team aus Lehrern, Erziehern und Pädagogen übernimmt die Betreuung. Die Lehrer werden zeitweise freigestellt, um die geleistete Arbeit zu analysieren. Außer den klassischen Fächern gibt es Lernbereiche wie „Werte und Zusammenleben“ oder „Körper und Gesundheit“, die multimedial vermittelt werden. Bewertet wird nach dem Evaluations-Schema. Es gibt Schlafräume und Zimmer, in denen die Kinder sich auf sensorische Entdeckungstour begeben können. Die gute Kommunikation mit den Eltern ist eine weitere Priorität; vor allem aber werden die Kinder zur Selbstevaluation angeregt. Zusammengefasst heißt das Geheimrezept der neuen Pilot-Schulen „Kompetenz, Evaluierung und Sozialisierung“. Ihr Ziel: „Life Long Learning“.

Für die Umsetzung der Pilotprojekte sind allerdings vor allem kompetente Lehrer vonnöten. Doch wie kann man Lehrer motivieren, einen spannenden, vielseitigen Unterricht zu gestalten – und nicht nur mit Büchern zu arbeiten? Das europäische Forschungsprojekt „Pollen“ vermittelt in 14 Städten – inklusive Luxemburg – Wissenschaftslehrern zum Beispiel eingehende Internetkenntnisse für die multimediale Vermittlung von Lernstoff. Es ist überraschend, dass die Fortbildung von Lehrern in Luxemburg noch nicht verpflichtend ist.

Um allgemeinhin das Lehrpersonal zu mehr Eigeninitiative zu bewegen, brauchen Schulen mehr Autonomie. In Finnland – Pisa-Vorreiter – ist jede Schule vergleichsweise selbstständig. Eigeninitiative ergreifen beispielsweise einige Lehrer am Willibald-Gymnasium im deutschen Eichstätt: Sie lassen hin und wieder die Schüler den Unterricht führen, nach dem Prinzip „Lernen durch Lehren“. „Ich will im Unterricht Widersprüche entstehen lassen.“, sagt der Lehrer Jean-Pol Martin. „Mein Unterricht schafft Unklarheiten. Der traditionelle Unterricht versucht immer nur, Klarheit zu schaffen. Aber Menschen kommunizieren nur dann, wenn ihnen etwas nicht klar ist.“ Zumindest die Pilotprojekte in Luxemburg versuchen, entsprechend ihrer Zielsetzung, den Schülern mehr experimentellen Freiraum zu bieten. Damit diese Entwicklung jedoch weiter gefördert werden kann, müssen auch Gelder zur Verfügung stehen.

Vor einiger Zeit rechnete das Unternehmen McKinsey aus, dass jeder Euro, der in die frühkindliche Bildung investiert wird, sich für die Volkswirtschaft mit 12 Prozent verzinst. Skeptisch geworden, rechnete das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft nach – und kam sogar auf 13 Prozent. Wenn also Bildung die für jeden Kunden attraktivste Bank ist – warum wird dann nicht mehr in das Bildungssystem investiert, anstatt maroden Banken Gelder hinterher zu werfen?

Marisa Steinmetz besucht die 10. Klasse der Europäischen Schule und hat diesen Artikel im Rahmen ihres Praktikums verfasst. Ihr Berufstraum liegt irgendwo zwischen Journalismus und Politik – wichtig ist ihr nur, dass sie über diese Arbeit die Möglichkeit bekommt, in dieser Welt etwas zum Besseren zu bewegen.


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