TANZFESTIVAL: Grenzüberschreitende Tanzwelten

Kreativ, abstrakt, ausdrucksstark. Das Festival Transfrontalier in Luxemburg, Nancy und Trier ist das Resultat einer grenzüberschreitenden transkulturellen Zusammenarbeit.

Von hinten wie von vorne auf Tanz eingestellt: Denis Plassard.

Wie grenzüberschreitende Kooperation funktioniert und sukzessive institutionalisiert wird, ist zweifellos am Tanzfestival Le Transfrontalier zu sehen. Nachdem Luxemburg 2007 Europäische Kulturhauptstadt war, erwuchs rasch die Idee einer strukturellen Zusammenarbeit. Die ehemalige Arbeitsgruppe „Kultur“ der Regionalkommission entwickelte sich zum Verein „Kulturraum Großregion“ weiter, getragen von den Kulturministerien aller Teilregionen. Damit wurde die Mobilität zwischen den Städten erleichtert. Auf zahlreichen Bühnen wurden nach und nach grenzüberschreitende Programme angeboten.

Überdies erarbeiteten die drei Kulturinstitutionen Theater Trier, das CCN – Ballet de Lorraine in Nancy und das Danz Festival Letzebuerg im Verbund mit dem Centre de Création Chorégraphique Luxemburgeois – Trois CL seit 2007 gemeinsame Strategien zur Unterstützung und Bewerbung der Künstler aus der choreografischen Szene der Großregion.

In diesem Jahr tragen zehn Choreografinnen ihre Kreationen auf die Bühnen der drei Städte, eine Gastresidentin wartet jeweils vor Ort mit ihrer Tanzkomposition auf.

Obschon das Festival zunächst theoretisch anläuft, könnte es dem Laien eine Chance bieten, dem abstrakten Genre Tanz näher zu kommen. Denn das eintägige Kolloquium will die Idee der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit ganz konkret vermitteln. Dezidiertes Anliegen der Veranstalter ist es zudem, eine Verbindung zwischen den Kulturschaffenden im Bereich Tanz herzustellen und die Idee eines Netzwerkes an das Festival zu koppeln. Kulturschaffende haben vor Ort die Möglichkeit, mit Fachleuten aus dem Bereich Tanz zu diskutieren. Zugleich wird durch die Podiumsdiskussion versucht, eine Bestandsaufnahme des zeitgenössischen Tanzes durchzuführen. Sie beinhaltet auch eine öffentlichen Debatte unter dem Motto: „Der zeitgenössische Tanz in der Großregion: Wirklichkeit und Visionen“, das vom Danz Festival Letzebuerg, Trois CL, dem Institut Pierre Werner und dem Verein Kulturraum Großregion organisiert wird.

Theoretische Annäherung oder Networking?

Am Abend folgt die Eröffnung des Tanzfestivals mit zwei Appetithäppchen. Den Auftakt bilden eine cho-
reografische Performance von Silvia Gribaudi sowie die Vernissage von Tommy Laszlos 3D-Videoinstallation. Das 2009 von Gribaudi entwickelte, uraufgeführte Werk wirft einen ironischen Blick auf die Situation der Frauen mittels der Beweglichkeit des Körpers und spiegelt den erfahrungsreichen Weg wider, den die italienische Choreografin im Laufe der Jahre gegangen ist. Entscheidend prägte sie ihre Mitwirkung in der Komik-Theater Truppe „I Perli Superfli“, der sie 2003 beitrat. Schon ein Jahr später kreierte sie eine Choreografie, die sich auf die Erforschung zwischen Bewegungsausdruck und Burleske konzentriert. So entstand die für Gribaudi charakteristische Kombination aus Ironie, Tragödie und Komik. Sie selbst schlägt vor, an den Stummfilmkomiker Buster Keaton oder Harald Lloyd zu denken und sich in die Stummfilme der Burlesque-Epoche der 20er Jahre hineinzuversetzen, um eine Vorstellung von ihrem Tanzstil zu bekommen. Der Videokünstler Tommy Laszlo hingegen stellt mit seiner 3D-Videoinstallation „Overheating“ einen gänzlich neuen, fast futuristisch anmutenden Blickwinkel für gefilmten Tanz vor. Sein Projekt hat er mit Hilfe des anaglyphischen 3D-Prozesses gedreht. Es besteht darin, den sich aufwärmenden Körper nüchtern wie einen Gegenstand abzufilmen. Overheating will damit das einfangen, was sich neben der Bühne abspielt, wo sich der Körper der Tanzdisziplin hingibt.

Schräger Vogel?

Der französische Tänzer und Choreograf Denis Plassard präsentiert am Eröffnungstag sein Solo für einen Doppeltänzer, indem er mit Schein und Verfremdung spielt. Plassard ist im Grunde durch ein Missverständnis zum Tanz gekommen: Während einer Show in seinem Kindergarten, war er überzeugt, dass seine Schritte eine Bedeutung haben und dass sie aneinandergereiht Sätze ergeben würden. Seit diesem Ereignis quälten ihn Fragen wie: Was bedeutet Bewegung? Was sagen wir aus, wenn wir uns bewegen? So versuchte er von Anbeginn, dynamische Verbindungen zwischen Wort und Bewegung zu weben. „Derrière la Tête“ heißt seine Choreografie, in der ein einzelner Körper zwei Köpfe zu haben scheint. Die Figuren nehmen abwechselnd Gestalt an: Die emotionslose, die hinter dem Kopf wacht und die maskierte, die versucht, den Sinn der Dinge und des Körpers wieder herzustellen. Sonderbare Visionen reihen sich aneinander und bringen realitätsfremde Hampelmänner hervor. Die Musik des Trio Joubran begleitet die Leiden der zwei Gesichter, zwischen Trance und halluzinatorischer Stimmung.

Annick Pütz ist eine der drei Künstlerinnen, die in diesem Jahr am Residenzaustausch teilhaben. Pütz hat an der Rotterdamse Dansakademie studiert und arbeitet heute als unabhängige Tänzerin und Choreografin. Im Jahr 2006 begann sie eine professionelle somatische Ausbildung der Bewegung, deren Prinzipien auf dem bewussten Wahrnehmen des Körpers basieren. Ihre Annäherung an den tanzenden Körper und ihr künstlerisches Verständnis werden nachhaltig davon beeinflusst. Sie ist Mitglied des luxemburgischen Künstlerkollektivs Maskénada, mit dem sie schon mehrere Produktionen verwirklicht hat und sie spielt die Figur Loopino in den gleichnamigen Konzerten für die Philharmonie de Luxembourg. Die zentralen Themen ihrer Choreografien kreisen um Entwicklung und Wachstum. In ihrem Stück „Seuils“ geht es um die Zelle als Lebenseinheit, als Ganzes im Werden. Die Ideen stoßen an Grenzen, die Grenzen verwandeln sich in Schwellen und eröffnen neue Räume.

Universelle Körpersprache?

Eine universelle tänzerische Körpersprache wagt der israelische Choreograf und Tänzer Yuval Pick. Er hat an der Bat-Dor Dance School, Tel Aviv, studiert. 1991 trat er der von Ohad Naharin geleiteten Batsheva Dance Company bei und interpretierte in der Folge zahlreiche Rollen von Werken weltweit bekannter Choreografiegrößen wie etwa William Forsythes. In seinen eigenen Kreationen will Pick durch die Entwicklung einer universellen Körper- und Bühnensprache, „sichtbar machen, was unser Wesen ausmacht“. So führen in seinem Stück „17 Drops“ ein Mann und eine Frau, den Zuschauer zurück zu den Ursprüngen der Welt. Pick hat sich von den Methoden des von Jackson Pollock erfundenen „Action-Paintings“, inspirieren lassen, wo die Energie einer Bewegung aus einem Trieb heraus geschieht, aus einer Intuition, die einem größeren Universum entstammt. Dabei prüft er das zerbrechliche Gleichgewicht, das zwischen den beiden besteht.

Darüber hinaus schafft Yuko Kominami ein tänzerisches Geflecht aus Kindheitserinnerungen, weist Danielle Gabou in die Abgründe von Eltern-Kind-Beziehungen, illustriert Susanne Wessel das langsame Abgleiten in den Wahnsinn, komponiert René Klötzer das Aufeinandertreffen von Mensch und Engel oder führt Anu Sistonen tänzerisch in die Nostalgie und Melancholie der Fremde. Der Stoff, aus dem Träume sind, verschmilzt zu grenzüberschreitenden tänzerischen Highlights.

Informationen zum Festival unter:
www.letransfrontalier.eu


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