AUSSTELLUNG: Die wilden Jahre sind vorbei

Wie lassen sich 60 Jahre Jugendbewegung und Jugendkultur in einer einzelnen Ausstellung unterbringen? Ein Vorhaben mit Anspruch, dem die Schau „Born to Be Wild?“ im Musée d’histoire de la Ville de Luxembourg auf phantasievolle Art teilweise gerecht wird.


Gegensätzliche Welten?
Dr. Sommer vs. Politische Revolte – eine Gratwanderung durch 60 Jahre Jugendkultur.

Büstenhalter und Lockenwickler, Anzug und Krawatte haben ausgedient, kultiviert wird eine Haltung der Auflehnung und Abkehr. „Born to Be Wild“, der erste Hit der US-amerikanischen Blues-Rock-Band Steppenwolf, erfasste das Lebensgefühl einer ganzen Generation. Spätestens als Soundtrack des Road Movies „Easy Rider“ wurde der Song weltberühmt, heute steht er für die Generation der 68er, für Hippiebewegung, Revolte und Befreiung.

Die Ausstellung im Historischen Museum der Stadt Luxemburg nähert sich dem Thema Jugendkultur zunächst wissenschaftlich mit der Eingrenzung des Begriffs „Jugend“. Nachgezeichnet wird dann die Entwicklung von Jugendkulturen während der letzten 60 Jahre. Die thematische Ausrichtung folgt der Außenwirkung und setzt die Schwerpunkte dabei auf Aspekte wie Mode, Musik, Treffpunkte, Jugendsprache, den Blick auf sich selbst und damit den Umgang mit Sexualität, und schließlich auf die Beziehung zur Gesellschaft und die Infragestellung gesellschaftlicher Normen und Werte. Im Wechselspiel dieser Komponenten definieren sich Jugendliche und bilden für eine gewisse Dauer das, was hier thematisiert wird: eine Jugendkultur.

Betritt man die erste Ebene der Ausstellung, stößt man auf altmodische Plakate, etwa der katholischen Jugendbewegung. Drei Figurenpaare aus Pappmaché in der Mitte des Raums demonstrieren den Wandel der Modebewegungen. Im nächsten Raum wird auf einer Tafel die Änderung in der demografischen Struktur Luxemburgs mittels Pyramiden veranschaulicht: Während der Anteil von Kindern und Jugendlichen im Verlauf der Jahrzehnte radikal abnimmt, werden die Älteren immer zahlreicher. Laut statistischer Projektion wird 2060 jeder dritte Einwohner über 60 Jahre alt sein. Werden Jugendbewegungen deshalb immer unbedeutender? Wird es sie vielleicht in Zukunft gar nicht mehr geben? Wird „Jugend“ einen viel größeren Zeitraum einnehmen als nur 6-8 Jahre? Etwas ratlos steht man vor diesen Zahlen, die ein weniger kulturell-dynamisches, denn statisches Verständnis von der Zeit erkennen lassen, die „Jugend“ genannt wird.

Die 60er ohne Rolling Stones, die 70er ohne Uriah Heep oder Velvet Underground, die 80er ohne The Cure – ohne Musik ist Jugendkultur gar nicht vorstellbar. Mit der Wahl seiner Lieblingsband oder eines Musikstils, schafft man sich (s)eine Identität. So ist die Idee überzeugend, die unterschiedlichen Etappen der Ausstellung mit bekannten Songtiteln zu überschreiben. Madonnas Song „Like a Virgin“ steht symbolisch über dem Komplex „Aufklärung“, „Can’t Stop the Music“ heißt es dagegen auf der Etage, in der sich alles um Musikscheiben dreht. Neben verschiedenen alten Platten, in die BesucherInnen nach Belieben hineinhören können, lockt ein Diskoraum, in dem man sich in die Atmosphäre der 60er Jahre hineinkatapultieren lassen kann. Hier vermisst man den historischen Luxemburg-Bezug nicht. So erfährt der Zuschauer, dass Armando Bausch seine erste Rock’n’Roll-Platte 1959 aufnahm und der „deutsche Elvis“ Peter Kraus nur ein Jahr später auf Limpertsberg vor 1.800 johlenden Fans auftrat. Grob angerissen werden die Anfänge einer Bewegung, die schon bald die ersten Luxemburger Bands mit elektrischen Gitarren hervorbrachte.

Ohne Musik keine Jugendkultur

Doch Veränderungen erfuhr auch die städtische Ausgehkultur. Traf man sich in den 1950er Jahren noch am Nachmittag zum Tanztee oder in Milchbars, so ging es in den 60ern zum „Bal des Copains“. Ende der 1970er griff das „Diskofieber“ um sich, von DJs aufgelegte Schallplatten lösten die Live-Klänge von Musikorchestern ab. In den 80er Jahren avancierte die Escher Kulturfabrik, in dem luxemburgische und ausländische Punkbands auftraten, zum Zentrum des Underground. Im Jahr der „Wende“ kam der Impuls wieder einmal aus dem Ausland: Die erste Loveparade 1989 in Berlin läutete die Techno-Jahre und die Phase der Rave-Parties auch in Luxemburg ein.

Neben Michael-Jackson-Postern finden sich vereinzelt noch handgeklebte Plakate, die auf Rockkonzerte etwa im Melusina hinweisen. Zusammengetragen wurden diese alten Erinnerungsstücke unter tätiger Mithilfe von Ansässigen, die in den Fundus ihrer Kellerkisten gegriffen haben. Ein Berg modischer Accessoires, auf dem charakteristische Kleidungsstücke liegen – abgewetzte Nieten-Lederjacke, selbst gestrickter Norwegerpullover, 80er Jahre-Skihose in Türkis – weist auf die symbolische Bedeutung von Kleidungsstilen hin. Spätestens seit dem Auftreten der „Halbstarken“ der 50er Jahre mit ihren Lederjacken im James-Dean-Stil zeugt auch die äußere Kleidung von der Zugehörigkeit zu einer der Fraktionen der Jugendkultur, ob Hippie, Grufti oder Skater.

Dem legendären Dr. Sommer-Team der deutschen Musik- und Jugendzeitschrift Bravo ist eigens ein kleiner Beratungsraum mit rosa geblümter Tapete gewidmet, war doch die „Bravo“ seit Beginn der 60er in Luxemburg wie in Deutschland eine der wichtigsten Informationsquellen für Jugendliche. Einige alte Briefe an das Dr. Sommer-Team sind hier ausgestellt. Klar wird: Sexualität war auch in Luxemburg lange ein Tabu. So stand sexuelle Aufklärung erst 1970 offiziell in den Schullehrplänen. Fünf Jahre zuvor war in Luxemburg auf Initiative einer Handvoll engagierter BürgerInnen die zentrale Aufklärungsstelle, das „Planing Familial“, gegründet worden. Vergleicht man die Aufklärungszeitschriften der LSAP nahen „aimer“ von 1974 mit der CSV nahen „Le Couple et l’Amour“ aus den 80ern, so wirkt letztere ungleich biederer und zeugt damit von einem Schritt zurück zu bürgerlichen Wertvorstellungen.

Ein weiterer Teil der Ausstellung thematisiert den Sprachgebrauch, behandelt Jugendslangs und Sprachen. An die Wand gebeamt finden sich in Sprechblasen markige Jugendsprüche in einer Melange aus Luxemburgisch, Englisch und Französisch. Der Hinweis, dass soziale Netzwerke wie Twitter oder Facebook die Sprach- und Schriftkultur längst verändert haben, fehlt nicht. Auf der dritten Ebene dann: einzelne Fotografien von Jugendlichen aus heutiger Zeit. Darunter beispielsweise Aufnahmen von Wohnräumen in der Jugendstrafanstalt Dreiborn, von Drogenabhängigen am Bahnhof, von Jugendlichen im besetzten Haus „Villa Kunterbunt“, von übergewichtigen Jungen und magersüchtigen Mädchen. Jugendliches Leiden äußert sich heute oft durch ein gestörtes Körperverhältnis, schlägt sich in Essstörungen und Selbstverstümmelungen nieder. Alkohol- und Drogenmissbrauch hat da schon eine längere Tradition. Dieser Teil der Ausstellung wirkt etwas zusammengewürfelt, ist doch manches der heutigen Jugendkultur noch weit davon entfernt, Kult zu sein. Eine Schwarz-weiß-Fotografie (1996) von Andres Lejona, auf dem eine Frau sich brennende Löffel vor die Brüste hält, ist hier mit Abstand der kurioseste und eindrucksvollste Beitrag.

Gewinnt man beim Durchlaufen der ersten beiden Etagen den Eindruck, die politischen Revoltebewegungen der 60er Jahre kämen zu kurz, wird dieser Mangel spätestens auf der letzten Etage behoben. Unter dem Motto „Protest“ und Bob Marleys Appell „Get Up, Stand Up“ kann man an Bildschirmen in verschiedene politische Zeitschriften hineinlesen, beispielsweise in das Uniao-Buch „Fremdarbeiter – ein Schwarzbuch über ihre Situation in Luxemburg“ – oder einen Band, herausgegeben vom „Jugendspor Letzebuerg“, in dem umfassend Kritik an der ideologischen Ausrichtung des Luxemburger Wort geübt wird.

Die 68er Revolte, gesamteuropäisch ein Höhepunkt des politischen Umbruchs, fand in Luxemburg mit einer gewissen Verzögerung, erst Anfang der 70er statt. Diese verzögerte Entwicklung wird leider nicht hinreichend deutlich. Zwar richtete sich der Protest auch in Luxemburg gegen traditionelle Werte, doch bestand der Widerstand, ähnlich wie in Frankreich, viel eher im Aufbegehren gegen das starre Schulsystem. Anlass für Demonstrationen in Luxemburg war etwa der Ausschluss mehrerer Schüler vom Gymnasium in Diekirch (1971) wegen der heimlichen Herausgabe der Zeitschrift „D’Ro’d Wullmaus“. Während die trotzkistisch orientierte Zeitschrift erstmals 1970 mit 800 Exemplaren erschien, führte bereits die fünfte Ausgabe des Blattes wegen des provokanten Aufsatzes „Vögeln muss man jeden Tag“ zu einer Strafanzeige. Dass infolge des Fehlens einer Universität die Proteste lange Zeit maßgeblich von SchülerInnen getragen wurden, ist ein Luxemburger Spezifikum. Mitte der 70er Jahre entstand die Anti-Atomkraft- und Umweltschutzbewegung. In Luxemburg führten die Planungen für ein Atomkraftwerk in Remerschen zu öffentlichen Protestmärschen. In der Ausstellung sind auf zwei Leinwänden gefilmte Demonstrationen zu sehen. Auf den Bannern lassen sich vereinzelt plakative Slogans erkennen. Darunter einprägsame Symbolverbindungen, wie das Hakenkreuz, das auf einem Plakat das S in „USA“ ersetzt. Der „Anti-Imperialismus“ trat in Luxemburg vor allem im Zusammenhang mit der Bombardierung Vietnams und dem Putsch Pinochets in Chile in Erscheinung. Am Fußboden verstreut liegende neonfarbene Flugblätter mit plakativen Forderungen in vier Sprachen zeugen von der Proteststimmung und vom Willen zum politischen Aufbruch.

Für die Ausstellung hat Radio 100,7 verschiedene AktivistInnen interviewt, die einst in der neuen sozialen Bewegung engagiert waren. In einem simulierten Rundtischgespräch tauschen sich der Historiker Guy Thewes, der Linkskatholik Martin Lammar, Thérèze Gorza, Mitbegründerin des CID-Femmes, Théid Faber Mitbegründer des Mouvement écologique und Laura Zuccoli, damalige Drittweltaktivistin, über ihre Jugendzeit aus. An dem Zeitzeugengespräch wie auch an der Raumgestaltung lässt sich gut nachvollziehen, wie Ende der 70er in Luxemburg neue soziale Umwelt-/Jugend-/Frauenbewegungen, wie auch Ausländerorganisationen, entstanden sind. Auf selbst geklebten Plakaten wurde zu Veranstaltungen und Kundgebungen aufgerufen, etwa zur 1976 ausgetragenen ersten Woche der Solidarität mit der 3. Welt, auf der Salvador Allendes Landwirtschaftsminister Stargast war. Eine sehr instruktive Zusammenstellung; man vermisst allerdings in diesem Bereich Hinweise auf „freie Radios“, die seinerzeit in der politischen Artikulation eine wichtige Rolle spielten.

Gelungenes Ausstellungskonzept

Die ab Mitte der 90er Jahre sich herausbildende Politikverdrossenheit wie auch die zunehmende Depolitisierung der Jugend wird ebenfalls angerissen und auf amüsante Weise im allerletzten Raum deutlich, wo einem Jugendlichen Hunderte Berufe zur Auswahl vorgeschlagen werden, die er allesamt träge kopfschüttelnd ablehnt.

Wenngleich „Born to Be Wild?“ bisweilen einen chaotischen Eindruck vermittelt und in manchen Bereichen etwas unstrukturiert wirkt, erscheint das der Ausstellung zugrunde liegende Konzept doch durchaus sinnvoll. Den vor allem ins Auge gefassten jungen BesucherInnen werden mittels zahlreicher audiovisueller Spielereien Facetten der Jugendbewegungen im städtischen Luxemburg und Europa unterhaltsam vermittelt. Geht man unbefangen durch die Ausstellung, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, wird man positiv überrascht von der Vielzahl der hier zusammengetragenen Informationen. Wenn man sich darauf einlässt, kann es einem durchaus gelingen, ein wenig in das sich wandelnde Lebensgefühl der Dekaden der 50er bis zu den 90er Jahren einzutauchen.

Kritik ist hingegen am gewählten Fokus zu üben. Zwar zeigt die Ausstellung Jugendproteste, die Jugendbewegungen selbst jedoch betrachtet sie nicht politisch. Die spezifischen Trends der 60er, 70er, 80er werden zwar pittoresk veranschaulicht, doch wird nicht deutlich, wieso sich gerade diese Trends als Mainstream durchsetzten. So bleiben einige Fragen offen, beispielsweise, ob Jugendkultur immer oppositionell sein muss oder ob sie auch angepasst vorstellbar ist. Oder, ob Jugendkulturen gerade deshalb politisch sind, weil sie Freiräume bieten, oder ob sie letztlich doch nur popkulturelle Vereinnahmungen des Kapitalismus sind. Obwohl „Born to Be Wild?“ sich diesen Fragen entzieht, wirft die Ausstellung sie doch implizit auf und stößt den Betrachter an, darüber nachzudenken, was Jugendkultur war, ist und sein könnte.

„Born to be Wild?“ im Historischen Museum der Stadt Luxemburg, bis zum 10. April 2011.


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