SPRACHEN UND SCHULE: Molière und Goethe zum Trotz

Die ungeordnete Sprachensituation an luxemburgischen Schulen ist seit langem Quelle vieler Probleme. Wäre die Alphabetisierung auf Lëtzebuergesch ein Schritt zur Abhilfe?

Eine Sprache im Ausbau – Könnte Luxemburgisch über kurz oder lang zur Alphabetisierungssprache werden?

„Mir wölle bleiwe wat mir sin“ ? traditions- und symbolgeladene Devise, die zwar nicht mehr von der Hausfassade in der Rue de la Loge wegzudenken ist, aber, zumindest was die Sprachenrealität im luxemburgischen Schulsystem angeht, an Bedeutung verloren zu haben scheint. „Die Sprache, die man benutzt, wird nicht gelehrt, und die Sprache, die man lehrt, wird nicht zur Kommunikation verwendet, sondern nur in der Prüfung abgeprüft“, kritisiert der an der Universität Luxemburg forschende und lehrende Soziologe Fernand Fehlen die paradoxe Situation, die durch einen „lautlosen Putsch“ entstanden sei. Das Luxemburgische sei zur eigentlichen Integrationssprache geworden und habe das Deutsche und Französische in dieser Beziehung auf den zweiten Rang verdrängt. Wëlle mer also wierklech bleiwe wat mer sinn oder si mer scho laang nët méi wat mer eemol waren?

Die Konsequenz, die Fehlen in einem im März im Magazin forum veröffentlichten Artikel aus der prekären Lage zieht: „Man muss der Präsenz des Luxemburgischen eine offizielle Basis geben und sie letztendlich zur Alphabetisierungssprache machen“. Ein Vorschlag, der seine Wirkung nicht verfehlen dürfte, klingen in ihm doch noch die hitzigen Diskussionen der letzten Jahre um die Sprachreform nach. Fehlen ist überzeugt, dass sich die Luxemburger Mehrsprachigkeit zu einer protektionistischen Sprachenbarriere entwickelt hat: „Die Luxemburger Schule ist auf Luxemburger Kinder zugeschnitten, die zu Hause Luxemburgisch reden und Deutsch über den Fernsehkonsum erlernt haben. Ausländerkinder mit nicht-germanischer Muttersprache sind dadurch benachteiligt.“

Sprach-Protektionismus

Die Situation ist bekannt und leicht zu illustrieren: Ein portugiesisches Immigrantenkind wird zunächst mit seiner Muttersprache aufwachsen, im Kindergarten zum ersten Mal in Kontakt mit der luxemburgischen Sprache geraten und sich in ihr recht schnell fit, aber doch nicht völlig heimisch fühlen. Dann aber wird es in der Grundschule mit dem Deutschen als der Alphabetisierungssprache (deren mündliche Beherrschung somit als gegeben vorausgesetzt wird) konfrontiert. Die Bilanz für das Immigrantenkind ist unschwer zu ziehen: Eine „Vollsprache“, die im Schulalltag kaum Beachtung findet und zwei „Halbsprachen“, die mehr für Verwirrung als für Klarheit sorgen. Für die germanophonen Schüler kommt das schwarze Loch dann mit dem zweiten Zyklus, in dem das Französische als Unterrichtssprache fungiert.

Dies ist die Situation, die Fehlen kritisiert: Luxemburgs Schüler werden nicht dreisprachig ausgebildet, sondern als dreisprachig vorausgesetzt, ohne jedoch die Möglichkeit zur Entwicklung wirklicher Sprachkompetenz in den drei Landessprachen zu haben. So werden die Sprachanforderungen oft schon vor dem Zugang zur Universität zu einer Barriere. Zwar sind Luxemburgs Schüler, wie die Lobby der Französischlehrer 2009 betonte, in besonderer Weise auf das deutsche, französische und luxemburgische Arbeits- und Uni-Leben vorbereitet, doch gilt das eben nur für die, die nicht vorher schon an den Sprachenbarrieren gescheitert sind.

Kein System also, das Gewinner produziert. Könnte eine Alphabetisierung in Luxemburgisch wirklich Abhilfe schaffen? Ja – sagt Fehlen, wenn sie auch kein „Allheilmittel“ darstelle. Die Formel scheint einleuchtend: Romanophone Kinder würden in der Fremdsprache alphabetisiert, mit der sie ohnehin den ersten Kontakt pflegen und die als hauptsächliche Kommunikationssprache dient, was ihrer Integration ins Schulsystem förderlich wäre. Den luxemburgophonen Kindern andererseits „wäre dadurch geholfen, dass sie ihre Muttersprache richtig erlernen und diese dann die Basis für weitere Fremdsprachen darstellt. Die Schwierigkeiten mit dem Französischen beginnen keineswegs erst im Gymnasium, die Grundlage für die Aversion wird bereits in der Grundschule gelegt“, begründet Fehlen seine Meinung.

Nein – erklärt mit Bestimmheit der Sprachwissenschaftler Joseph Reisdoerfer in einem „Gegenartikel“ im Magazin forum. Er ist überzeugt, dass ein solcher Schritt entschieden zu große Anforderungen an die sich noch entwickelnde luxemburgische Sprache stellen würde. Weder entsprechende Lehrmaterialien, noch entsprechend vorbereitete Lehrkräfte noch ein Literaturkanon der luxemburgischen Sprache seien vorhanden. Schlimmer noch: „sa valeur communicative en dehors des frontières du pays est inexistante“. Angesichts der Übermacht des Deutschen und des Französischen wäre eine Alphabetisierung in Luxemburgisch unverantwortlich.

Fehlen contra Reisdoerfer

Im Gespräch mit der woxx hält Fehlen an seinem Standpunkt fest: „Joseph Reisdoerfer hat mein Anliegen völlig missverstanden, da es mir nicht um didaktische, sondern um sprachpolitische Reflexionen geht“, betont Fehlen, hierin seien sie sich aber weitgehend einig. Reisdoerfers Haupteinwand sei in eine rhetorische Frage gekleidet: Lohnt sich der Aufwand einer Alphabetisierung in Luxemburger Sprache, wenn man sich die beiden großen Nachbarsprachen sowieso aneignen muss? So gestellt, lasse die Frage nur eine Antwort zu. Ihm gehe es jedoch in erster Linie darum, „dass die Luxemburger Schule ihre Schüler mit unrealistischen Sprachanforderungen überfordert und somit besonders diejenigen Kinder, die kein allgemeines Abitur anstreben, gegenüber der Konkurrenz aus den Nachbarländern benachteiligt“.

Abgelehnt werden Fehlens Vorschläge auch von den Lobbies der Sprachenlehrer. Mit ihrer Devise „Non à l’abandon du trilinguisme au Luxembourg“, warnten die Französischlehrer bereits vor einem Jahr, als die sozialistische Bildungsministerin Mady Delvaux-Stehres ihre Absicht kundtat, eine Reform des bisherigen Sprachunterrichts Luxemburgs zu unterstützen. Sie gaben damit laut Fehlen der Besorgnis Ausdruck, das Stundenvolumen „ihrer Sprache“ reduziert zu sehen.

Sprachen vernetzen

Könnte der Alphabetisierungs-Vorschlag Anlass zu ähnlichen Befürchtungen geben, nämlich dass die Mehrsprachigkeit und damit ? in den Augen mancher ? der Kern der luxemburgischen Identität bedroht sei? Tatsächlich strebt Fehlen keineswegs eine monolinguale luxemburgische Kultur an. Die heilige Dreisprachigkeit ist nach seiner Überzeugung vielmehr gerade durch das verkrampfte Festhalten an einbetonierten Traditionen des Sprachenunterrichts, die nicht der realen Praxis entsprechen, gefährdet. In seiner Sichtweise wird der Spieß gewissermaßen herumgedreht, sodass jene Verfechter alter „Sprachmanieren“, die die grundlegende Veränderung der Sprachenrealität ignorieren, als das eigentliche Hindernis erscheinen. Längst ist die Sprache Molières in den Schulen nicht mehr Vermittlungssprache und das Deutsche kein Resultat eines allgemeinen „Alphabetisierungs-Konsens“ mehr.

Zudem, so Fehlen, gebe es keinen automatischen Zusammenhang zwischen Stundenzahl und Lernerfolg. Eine Anspielung also auf die didaktischen Methoden, die, so bestätigt ein Student, oft kaum dazu angetan sind, Lust am Sprachenlernen zu vermitteln. Auch die, die sich um das Deutsche sorgen, weiß Fehlen mit leichtem Schmunzeln zu beruhigen, denn „DaF“ werde bleiben: „DaF- Deutsch als Fremdsprache für Nicht-Luxemburger und Deutsch als Fernsehsprache für Luxemburger.“

Für Fehlen ist die Alphabetisierung auf Luxemburgisch mehr als nur die symbolische Valorisierung der Sprache selbst. Sein Motiv ist weniger der Wunsch, in luxemburgischer Sprache zu alphabetisieren, als der, dem Ausgrenzungsmechanismus entgegenzuwirken, der in der konfus auferlegten Dreisprachigkeit liegt. Denn für ihn impliziert der voluminöse Sprachenlehrplan viel mehr, als auf den ersten Blick zu erkennen ist. Das „hidden curriculum“ ? der „geheime Lehrplan“ ? sei ein wesentlicher Grund des Scheiterns vieler Immigrantenkinder. Unter hidden curriculum versteht Fehlen die implizite Vermittlung von Inhalten, die im Lehrplan gar nicht festgelegt sind. Durch seine halbherzige Integration als „Kommunikationssprache“ in den Unterricht werde das Luxemburgische unterschwellig als nicht-vollwertige Sprache vermittelt. Dennoch gelte eine diffuse Dreisprachigkeit als Norm und Voraussetzung, werde jedoch nicht zum Gegenstand des Unterrichts gemacht, so Fehlen in einem früheren forums-Beitrag.

Die ebenfalls an der Universität Luxemburg tätige Sprachwissenschaftlerin Sabine Ehrhart unterstreicht in ganz ähnlicher Weise die Notwendigkeit, den Sprachunterricht Luxemburgs von der impliziten Hierarchisierung der verschiedenen Sprachen zu befreien, wobei sie vor allem vom soziolinguistischem Standpunkt aus argumentiert. Als langjährige Forscherin auf dem Feld der Sprachökologie liegt ihr Ansatz darin, „dass man alle Sprachen, die in Luxemburg verwendet werden, in einem Gesamtzusammenhang sieht und alle diese Sprachen im Unterrichtsgeschehen didaktisch miteinander vernetzt“.

Ehrhart sieht daher die Lösung vieler Lehrer, nämlich vermehrt auf das Luxemburgische zurückzugreifen, um allen Schülern das Verständnis zu ermöglichen, als völlig normal an. Umso wichtiger sei es daher, ihnen das schlechte Gewissen, dies inoffiziell zu tun, zu nehmen. „Entscheidend sind die Attitüden der Lehrer gegenüber den Sprachen, wichtig ist es, allen Sprachen gegenüber eine positive Haltung zu entwickeln, sodass jede Sprache im Unterrichtsgeschehen ihren Platz findet.“ Dies müsse aber immer nach reiflicher Überlegung über die Erfordernisse des Kontextes geschehen, unterstreicht die Sprachwissenschaftlerin. Möglicherweise liege hier die Grundvoraussetzung einer erfolgreichen Sprachintegration und somit auch die Voraussetzung der Annahme sprachpolitischer Vorschläge, wie der Fehlens, die, so Ehrhart „gesellschaftlich gewachsen sein müssen“.

Fehlen stimmt Ehrharts Konzept zu und meint „dass in der Schule „Inseln der Freiheit“ entstehen können, in denen Pädagogen arbeiten und Schüler lernen können“. Doch fügt er hinzu, dass die Marktgesetze letztendlich auch in Sachen Sprachen das letzte Wort behalten werden, wenn es wirklich um Bewertung geht. Noch bleibt abzuwarten, ob der „lautlose Putsch“ tatsächlich zu einem „geräuschvollen Ruf“ nach einer Alphabetisierung auf Luxemburgisch werden wird. Für Fehlen wäre mit dem „Explizit-Machen von Veränderungen der Sprachensituation und der Selektionsmechanismen der Schule“ schon viel gewonnen.

Die Artikel von Fernand Fehlen und Joseph Reisdoerfer sind auf der Homepage www.forum.lu oder über den Blog
http://engelmann.uni.lu/wordpress/ frei zugänglich.


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