KAPVERDISCHE IMMIGRATION: Irgendwo dazwischen

Ist ihre Integration gelungen oder gescheitert? Diese Frage stellten sich kapverdische Jugendliche bei einer Table Ronde. Die Antwort liegt vermutlich in der Mitte.

„Der Schweizermacher“ heißt ein Film von 1978, in dem die Einbürgerungspraxis der Eidgenossen aufs Korn genommen wird. AusländerInnen müssen sich demnach anpassen und schweizerischer sein als die Schweizer, um in ihrem Gastland bleiben zu dürfen und die helvetische Staatsbürgerschaft zu erlangen. Mit der Reform des hiesigen Integrationsgesetzes, für das ein Entwurf vorliegt, wird Luxemburg wohl nicht die in dem Film karikierten Pfade betreten. Das Großherzogtum will den Anforderungen eines Einwandererlandes gerecht werden und die Integration von MigrantInnen fördern.

Doch wie hat diese Integration überhaupt auszusehen? Im Idealfall gehen die ImmigrantInnen in der Gesellschaft auf und bringen gleichzeitig ihre eigene Kultur und Werte mit ein. Wie es mit der Integration ihrer Gemeinschaft steht, haben sich die kapverdischen Jugendlichen vom „Comité Spencer“ am vergangenen Wochenende bei einem Rundtischgespräch gefragt und dabei einen Vergleich gezogen: „L’integration des jeunes d’origine capverdienne du Luxembourg et de la France, une réussite ou un échec?“ Die Voraussetzungen sind in beiden Ländern recht unterschiedlich. Die prekäre Situation in den französischen Banlieues und die Tatsache, dass die dortigen Aufstände von Regierungsseite mit der mangelnden Integrationsbereitschaft der Einwandererkids begründet werden, lassen vermuten, dass auch die Nachkommen kapverdischer ImmigrantInnen in Frankreich mit Diskriminierung zu kämpfen haben. Zum Beispiel wird die Arbeit an Projekten über ihr Herkunftsland von der Regierung kaum unterstützt, wie die Vertreterin der Pariser Organisation „Nostalgie do Cabo Verde“ berichtet.

Zwar sieht es in Luxemburg in dieser Hinsicht vergleichsweise besser aus. Von paradiesischen Zuständen für die EinwandererInnen kann jedoch keine Rede sein. Auch hierzulande machen Jugendliche kapverdischer Herkunft oft negative Erfahrungen in der Schule, im Beruf und auf der Suche nach einer Wohnung. Inzwischen haben dies Untersuchungen belegt: Nach einer Studie von Ceps/Instead bilden die KapverdierInnen ? nicht wenige von ihnen besitzen die portugiesische oder die luxemburgische Staatsbürgerschaft – die Bevölkerungsgruppe, die sich am meisten diskriminiert fühlt ? nicht zuletzt wegen ihrer Hautfarbe. Von den Befragten gaben 64,4 Prozent an, in mindestens einem Fall Opfer von Diskriminierung gewesen zu sein.

Die Mehrheit der kapverdischen SchülerInnen findet sich im technischen Sekundarunterricht wieder. Im „enseignement modulaire / régime préparatoire“ sind sie ebenso überdurchschnittlich vertreten wie unter den Sitzenbleibern und Schulabbrechern. Das „Comité Spencer“ versucht dem entgegenzuwirken, indem es künftig gezielt Nachhilfekurse anbietet, angefangen im hauptstädtischen Athenäum. Die Schulprobleme haben vor allem damit zu tun, dass für viele die Sprachbarrieren zu groß sind, auch für diejenigen, die in Portugal oder auf den Kapverdischen Inseln in der Schule erfolgreich waren. Die kapverdischen Einwandererkinder der zweiten oder dritten Generation hingegen sprechen größtenteils fließend Luxemburgisch.

In der Diskussion wurden viele Fragen aufgeworfen: Eine der Konklusionen war, dass Integration beidseitig funktionieren muss. Die aufnehmende Gesellschaft muss offen für kulturelle Einflüsse von außen sein. Nicht selten wird die Immigration jedoch als Assimilation begriffen, als reine Anpassung. Für die Einwandererkinder stellt sich unterdessen die Identitätsfrage: „Bin ich Luxemburger oder Kapverdier?“ Viele machen die Erfahrung, in Luxemburg als Kapverdier betrachtet zu werden und im Ursprungsland als Luxemburger. Mit der Holzhammermethode wie beim „Schweizermacher“ ist die Integration nicht zu erzwingen. Mit einer Fortführung der Diskussion, zu der das „Comité Spencer“ angeregt hat, schon eher. Denn Integration ist nicht zuletzt ein langer, komplizierter Prozess.


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