INTERVIEW: To do is to be

Die Forschungseinheit IPSE (Identités, Politiques, Sociétés, Espaces) beschreitet mit der im Juli erschienenen Publikation „Doing Identity in Luxemburg“ das wissenschaftlich fast unüberschaubare Feld der Identitätskonstruktion. Projektleiter Christian Schulz und Koordinatorin Rachel Reckinger gaben der woxx nähere Einblicke in die Ergebnisse ihrer Forschung.

Ein Name, viele Gesichter? die Forschungseinheit IPSE der Universität Luxemburg setzt auf Interdisziplinarität um die luxemburgische Gesellschaft zu erforschen.

woxx: Wie kam es zu der Idee des Identitäts-Projektes?

Christian Schulz: Primärer Anlass war die Beobachtung, dass die Identitäts-Debatte in den Medien und der breiten Öffentlichkeit in Luxemburg meistens im Singular statt im Plural geführt wird. Der sich ergebende Diskurs ist mitunter sehr eindimensional oder sogar verfälscht. Wir haben das Projekt nicht ins Leben gerufen, um an einer wie auch immer gearteten Debatte über nationale Identität mitzuwirken, sondern gerade aus der Besorgnis darüber, dass diese Debatte überhaupt existiert. Die zweite Motivation war die hervorragende Gelegenheit, mit dem Aufbau einer breit gefächerten sozialwissenschaftlichen Forschungseinheit mit Konzepten und Methoden aus den unterschiedlichen Disziplinen an den sehr komplexen Gegenstand des Identitätsbegriffs herangehen zu können.

Wen wollen Sie mit dem Buch „Doing Identity“ erreichen?

Christian Schulz: Wir wagen den Versuch, verschiedene Zielgruppen auf einmal anzuvisieren. Das Buch ist strenggenommen eine wissenschaftliche Publikation für ein breites Fachpublikum sowohl im In- als auch im Ausland, denn es wird ebenfalls auf Französisch und Englisch erscheinen. Da Identität aber gerade in Luxemburg so viel und kontrovers diskutiert wird, hoffen wir, mit dem Buch auch Gruppen zu erreichen, die nicht unmittelbar in die wissenschaftliche Debatte involviert sind. Ich denke dabei an politische Entscheidungsträger, NGOs in Luxemburg, Akteure im Bereich des Sozialwesens, Sozialpartner und religiöse Gruppen.

Sie greifen in Ihrer Studie immer wieder die Dynamik und die Vielschichtigkeit von Identität auf. Warum ist es nicht möglich, von einer „luxemburgischen Identität“ zu sprechen?

Rachel Reckinger: Identität als solche kann man einfach nicht direkt feststellen. Wir gehen davon aus, dass es viele verschiedene Teilidentitäten gibt, die in Aktionen, Artefakten und Interaktionen auf dialogische und prozesshafte Weise entwickelt werden. Um eine ideologische Begriffsverwendung, die häufig im öffentlichen Diskurs dominiert, zu vermeiden, haben wir empirisch erforscht, was die Leute wirklich sagen, denken und tun. Wir hoffen, mit unserer Studie eine Schärfung des Blicks für die Pluralität von Identitäten zu erreichen, um damit den humanistischen Wert von Toleranz zu artikulieren und zu transportieren.

Wie kann man den Titel „Doing Identity“ in diesem Zusammenhang verstehen?

Rachel Reckinger: Der Titel steht für eine Performativität der Identitätsarbeit, die bedeutet, dass die Menschen permanent an ihrer Identität werkeln und basteln. Dies zeigt, dass Identität ein nie abgeschlossener, mehr oder weniger bewusster Prozess ist. Identitäten kommen nicht nur, wie oft einseitig definiert wird, im Geschlecht, im Gender, im Beruf oder in der Bildung zum Tragen, sondern werden in ganz vielen alltäglichen Kleinigkeiten als Performativität sichtbar. Man kann dabei prinzipiell immer eine Ambivalenz in der Beziehung zwischen den Identitätszuschreibungen und -aneignungen feststellen, das heißt kontinuierliche Transfers, die top-down gewollt sind und bottom-up rezipiert werden und mit vielen eigenen Dynamiken, Anpassungen und Abweichungen behaftet sind und von vielen Kontexten abhängen. Deshalb ist Identität auch nicht beliebig, sondern ein Handlungsspielraum, der durch soziale Gegebenheiten begrenzt ist.

Ist es Zufall, dass der Name Ihrer Forschungseinheit „IPSE“ (Identités, Politiques, Sociétés, Espaces) auf lateinisch „selbst“ heißt?

Rachel Reckinger: Der Bezug ist uns natürlich bewusst. „Ipseität“ bedeutet eher Selbstheit und Identität eigentlich Gleichheit. Wenn man es ganz genau nimmt, dürfte man nicht mehr von Identität sondern von „Ipseität“ sprechen. Das ist im Fachgebrauch natürlich nicht vorstellbar, und dennoch werden hier der Sinn und die Herausforderung von Identität an den einzelnen deutlich, nämlich selbst zu sein und nicht auf dem konservativen Gleich?zu-Sein zu beharren.

Als Außenstehender nimmt man Luxemburg gerne als „Wiege der europäischen Identität“ wahr. Wie sehen Sie diese These nach Ihrer Studie?

Christian Schulz: Vorab muss gesagt werden, dass es eine europäische Identität genauso wenig gibt wie eine luxemburgische. Wir haben diesen Aspekt der europäischen Identifikation bei der Untersuchung der Selbstbilder und derer, die nach außen vermittelt werden, durchaus in Betracht gezogen. In einem der Teilprojekte ging es beispielsweise um die Orte, die man seinen Besuchern in Luxemburg zeigt, oder die historischen Ereignisse, von denen man berichtet. In diesem touristischen Diskurs manifestiert sich zum einen der europäische Blick auf Luxemburg als das Modelllabor Europas. Zum anderen zeichnen sich aber auch Metaphern ab, die im Widerspruch hierzu stehen, so zum Beispiel die ganz zentrale Festungsmetapher: der Finanzplatz ist eine Festung, die Stadt ist historisch eine Festung, Luxemburg ist steuerrechtlich eine Festung und verteidigt die Errungenschaften des luxemburgischen Steuersystems inklusive des Bankgeheimnisses. Beide Tendenzen lassen sich auch in einer Person vorfinden und demonstrieren somit, wie dialektisch Identitäten sein können.

Ergeben sich aus der Studie spezifische Konfliktpotenziale der luxemburgischen Gesellschaft?

Christian Schulz: Unser Grundeindruck ist, dass das, was in der Öffentlichkeit, in den Medien, in Politikerreden, auf Leserbriefseiten als Konflikt thematisiert wird, so nicht unbedingt in der Bevölkerung vorzufinden ist. Bezüglich des Themas Sprache beispielsweise lässt sich feststellen, dass die Tatsache, dass Politiker ihren Diskurs immer wieder auf die Formel der Bedrohung des Luxemburgischen und im übertragenen Sinne die Bedrohung der Luxemburger in ihrem eigenen Land zuspitzen, zwar von einem Konfliktpotenzial und einer gewissen Reibung bestimmter Bevölkerungsgruppen zeugt, dies jedoch in der Wahrnehmung der breiten Bevölkerung überhaupt nicht so virulent ist wie es in den Diskursen vermittelt wird. Wir hatten an mehreren Stellen das Gefühl, dass die luxemburgische Bevölkerung eigentlich viel progressiver und weiter, weltoffener, toleranter und flexibler ist, als Politiker oder die meinungsmachenden Medien dies oftmals darstellen.

Die Milieu-Studie ist in der Tagespresse bisher auf besonderes Interesse gestoßen. Wie ist sie zu verorten, und ergeben sich Entwicklungstendenzen für die luxemburgische Gesellschaft?

Christian Schulz: Tatsächlich hat sich die Tagespresse, wie wir bereits vor der Veröffentlichung vermuteten, sehr auf die Milieu-Studie fixiert. Für uns war sie allerdings nicht der Kern der gesamten Studie, sondern eine grobe Annäherung an das gesellschaftliche Gefüge, die uns hilft, von klassischen vertikalen Systemkategorien wegzukommen und über die tatsächliche Alltagspraxis, Werthaltung, Einstellung, Urteile zu relativ homogenen Gruppen zu finden. Identitäten sind sehr dynamisch, und das gilt natürlich auch für die Milieus, die sich permanent verschieben und verändern. Gleichzeitig sind die Milieugrenzen ganz und gar nicht trennscharf. Es gibt Überlappungen, Widersprüche und auch Personen, die zwischen Milieus oszillieren. Um zuverlässige Aussagen über zukünftige Entwicklungstendenzen machen zu können, fehlt uns die Vergleichsstudie zu Luxemburg von vor zehn Jahren.

Rachel Reckinger: Generell geht die Soziologie von einer horizontalen Gesellschaftsverschiebung weg von dem autoritär gebundenen Habitus hin zu mehr Eigenverantwortung aus. Dies schlägt sich beispielsweise im Neo-Liberalismus in extremer Form nieder. Neue Probleme und Herausforderungen schafft vor allem die stärkere Ambivalenz zwischen der Freiheit und dem Zwang zur Wahl der Identität in unserer heutigen Gesellschaft. Dies ist aber eine sehr allgemeine Tendenz.

Gibt es ein Fazit, das Sie aus Ihrer Forschung ziehen?

Rachel Reckinger: Zunächst sehen wir das Buch als einen Beitrag für Toleranz und Pluralität. Viele Schlussfolgerungen gehen in die Richtung, dass die Leute zwar fortschrittlicher sind in ihren Einstellungen, als es politisch häufig suggeriert wird, dass aber dieses Weitersein auch gewisse Widersprüche birgt, wie das Beispiel der Transsexualität zeigt. Die Individuen haben hier einen sehr viel offeneren Zugang als noch vor einiger Zeit, und dennoch wäre das Thema für viele, wenn es die eigenen Kinder beträfe, sehr viel problematischer. Das ist aber nur ein Beispiel unter vielen.

Christian Schulz: Ein wichtiges Fazit ist auch, dass wir uns darin bestätigt fühlen, dass es aus wissenschaftlicher Sicht geradezu sinnlos ist, nationale Identität überhaupt zu diskutieren, und ich glaube auch, dass unsere Resultate zeigen, dass dies die Menschen, die in Luxemburg leben, in ihrer alltäglichen Identitätsarbeit gar nicht so vordergründig beschäftigt.

Wird es eine Fortsetzung der Studie geben?

Christian Schulz: Wir haben eine Folgestudie geplant und können diese hoffentlich ab dem nächsten Sommer durchführen. Sie wird unter anderem den sehr zentralen Analysestrang der Grenze in all ihrer Vielschichtigkeit näher untersuchen. Wir denken dabei an ganz unterschiedliche Ebenen von Grenze, über funktionale Aspekte hin zu mentalen Dimensionen oder Fragen der Heimat oder der Bindung an Luxemburg Stadt. Da viele Menschen nur temporär hier sind, ist die Stadt in kultureller Hinsicht und in Fragen des sozialen Engagements, wie ehrenamtliche Tätigkeiten, vor ganz besondere Herausforderungen gestellt. Wir wollen auch die europäische und die großregionale Dimension mit betrachten und dabei die Studie nicht einfach nur räumlich ausweiten, sondern die Einflüsse des „Drumherum“ auf Luxemburg stärker mit einbeziehen. In einem Teil soll es auch darum gehen, unsere eigene Forschungsarbeit, die auch auf der Ebene der interdisziplinären Zusammenarbeit sehr innovativ ist, näher zu untersuchen und zu reflektieren.


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