ELEKTRO-JAZZ: Krautflimmern

Die Philharmonie macht den Liebhabern außergewöhnlicher Musik mal wieder einen Riesengefallen: Das „Kammerflimmer Kollektief“ aus Karlsruhe.

Bloss kein Kammerflimmern kriegen : Es sind nur Musiker, keine Berserker.

Zugegeben, denkt man an innovative Avantgarde-Musik die Jazz und Elektronika in einen intelligenten, atmosphärischen Maelstrom verwandeln, so gehen einem eher Orte wie Chicago oder Montréal (wo einige der bedeutendsten Post-Rock-Formationen herstammen) durch den Kopf als ausgerechnet Karlsruhe. Und doch: Die Klänge des 1999 gegründeten, aus losen Musikern um das Mastermind Thomas Weber bestehenden Kollektivs sind nicht nur ihren Cousins aus Übersee ebenbürtig, sondern faszinieren durch ihre Andersartigkeit.

Der Musik des Kollektivs wohnt eine große Unruhe inne aber auch der Versuch sämtliche festgelegte musikalische Formen aufzusprengen und neu zu arrangieren. So begegnet man in ihren Kompositionen nicht nur den klassischen Instrumenten des Jazz wie Saxophon, Vibraphon oder Schlagzeug sondern auch die Violine hat ihren Stammplatz.

Die Anfänge des Projekts waren nebenbei – so die Musiker selbst – noch stark von Hip-Hop beeinflusst. So sollen vor allem die Rabauken des Wu-Tang-Clans, einem der einflussreichsten und wichtigsten amerikanischen Hip-Hop Kollektive, Pate für die ersten Töne der Musiker gestanden haben. Eigentlich unglaublich, denn ihre Klangbilder sind meilenweit von kommerzieller Hip-Hop-Pose entfernt. Aber an irgendetwas erinnern ihre Töne dennoch. Nämlich daran, dass Deutschland tatsächlich mal eine sehr innovative Musikszene besaß – weitab von den meist amerikanisierten Formaten die heute jenseits der Mosel produziert werden. In den ach so wilden 60er, 70er und 80er Jahren machten sich verschiedene deutsche Musiker dazu auf das Selbstbild der Rock- und Avantgarde-Musik nachhaltig zu verändern und erfanden den sogenannten Krautrock. Gruppen wie Can, Amon Düül oder Neu! brachen mit den eher politischen Bands der Zeit – wie beispielsweise Ton, Steine, Scherben – und produzierten eine selbstbezogene, innovative und experimentelle Art der Musik die bis heute ihresgleichen sucht. Zumal Can, der mit Holger Czukay ein Schüler des Komponisten Karl-Heinz Stockhausen angehörte, hat bis heute großen Einfluss auf das Musikgeschehen. Waren sie doch auch die ersten die Experimente mit Synthesizern in Pop – oder pop-artigen – Stücken wagten und so den Weg für die elektronische Musik erst ebneten.

Dass beim Kammerflimmer Kollektief Krautrock mit im Spiel ist, lässt sich kaum verneinen. Und doch gehen sie weiter als ihre Vorgänger und sind vor allem anders. Erstens basieren ihre Kompositionen meist auf Elektro-Sequenzen die Weber alleine herstellt und welche dann mit den anderen Musikern wieder aufbereitet werden, so dass Geräusche, Frequenzen und Störungen als Basis der Musik gelten. Und zweitens lassen sich die Karlsruher zweifelsfrei nicht unter Rockmusik vermarkten. Sie haben sich eher dem Jazz – vor allem dem Free-Jazz – und der Elektronik verschrieben, und bringen so, ganz nebenbei, etwas frischen Wind in das doch recht kleine Genre des Elektro-Jazz, das bis dato eher für Easy-Listening bekannt war.

Wer also die Philharmonie einmal anders und mit ganz aufregender Musik erleben möchte, der sollte sich am Freitag auf den Weg nach Kirchberg machen.

Am 17. Dezember in der Philharmonie.


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