GRUPPENAUSSTELLUNG: Entfesseltes Chaos

„Disembodies Archetypes“ – Entkörperte Archetypen, also : So abstrakt der Titel der Ausstellung der beiden israelischen, in New York lebenden und wirkenden Künstler Tamy Ben-Tor und Miki Carmi klingt, so konsequent zieht sich das Motiv wie ein roter Faden durch die Ausstellung. Desintegrierte und zerbrechliche Menschen zeigen die voneinander losgelöst hängenden Werke – Fotografien, Ölbilder und Video-Installationen – vor dem Kontrast von ins Anthropologische gewendeter antisemitischer Stereotype.

Provokation und Grenzüberschreitung sind die Mittel, derer sich die beiden Künstler bedienen. Es sind schräge Videoinstallationen, die mit Klischees spielen oder schonungslose Porträtfotografien von alten Menschen im Profil. Die grotesken Darstellungen wollen kein harmonisches Ganzes ergeben, sondern verunsichern.

In seinen vier Videoinstallationen tritt Tamy Ben-Tor eingehüllt in schrille Farben mal wie ein Tele-Tubbie im giftgrünen Strampelanzug, mal in religiösen Kostümen oder verkleidet als Hitler mit angeklebtem Schnauzer auf. In den politischen Chaos-Collagen werden Klischees bewusst eingesetzt und Stereotype überkarikiert, mit dem Zweck, sie aufzulösen und Rassismus und Antisemitismus sichtbar zu machen. Mutig bohren die Künstler ihre Finger in offene Wunden: Der Holocaust als ständiges Trauma, das Juden nachfolgender Generationen immer begleiten wird, oder die Paranoia um religiöse Fundamentalisten, deren liturgische Reden in Ben-Tors Rollenspielen ad absurdum geführt werden.

In den vier derzeit in der Galerie Beaumont Public ausgestellten Video-Installationen herrscht babylonisches Sprachen-Chaos. Ein unruhiges Gemurmel auf Deutsch, Englisch, Polnisch, Jiddisch, Hebräisch oder Arabisch, sorgt für Irritation. In einer Perfomance mimt Ben-Tor eine Frau mit langen Zähnen, eingehüllt in ein weißes Kopftuch. Sie wolle Ägypten nicht verlassen, nicht nach Israel, dorthin, mit all den Arabern um sie herum, jammert sie.

Mit antisemitischen Grundmustern und Klischees wie Geldgier oder dem des „jüdischen Schweins“ stößt das Künstlerpaar vor den Kopf. Die theatralische Interpretation der Judensau zählt unlängst zu Ben-Tors berühmtesten Video-Installationen. „Juden wollen kein Schwein essen, weil es ihr eigenes Fleisch ist. Für sie ist es Kannibalismus“, lautet der begleitende Katalogtext. Daneben ist die Fotografie einer alten Frau abgebildet, die gebrechlich über ihren Teller gebeugt eine Suppe löffelt.

Die Fotografien „last grandfather“ (2009); „tiny-moon“, (2008) oder „acidic Grandmother“ (2009) und Ölbilder sind in ihrer Wirkung nicht weniger beeindruckend. Tiefe Furchen ziehen sich durch die Gesichter, blutige Adern unterlaufen die nahezu transparente Haut.

Ben-Tors Installationen und Carmis Fotografien spiegeln zahllose gesellschaftskritische Dimensionen wider, sie liegen wie feine Schichten übereinander, sorgen für Irritation und geben einem Rätsel mit auf den Weg, die es zu dechiffrieren gilt. Selbstreflexionen, Komplexe, Klischees von außen, aber auch Widersprüche innerhalb der israelischen Gesellschaft kommen auf diese Weise in ihrem Werk zum Ausdruck.

So liegen jenseits der Schönheit, hinter dem Grotesk-Verzerrtem, Wahrheiten, die ein schonungsloses Zerrbild der Realität abgeben. Aus zahlreichen Fragmenten fügen die beiden Künstler ein großes Ganzes zusammen. Dass die Ausstellung dennoch disparat wirkt, ist nicht zuletzt dem schlichten Abbild verschiedener Identitäten, Ängste, und Klischees von außen geschuldet.

Die Ausstellung provoziert und lässt den Betrachter nicht in Frieden. So kann man Ben-Tors und Carmis Werk als radikal-politische Kunst verstehen, die eines ganz gewiss nicht will: gefallen.

In der Galerie Beaumonpublic&Konigsbloc, bis zum 19. März.


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