Suicide

(td) – Brüssel, 16. Juni 1978 – Kurz vor Mitternacht muss die Polizei auf den Boulevard Anspach zum Konzertsaal Ancienne Belgique, anrücken um einen randalierenden Mob mit Tränengas zu vertreiben, der kurz zuvor noch die Künstler auf der Bühne anschrie, teilweise auspfiff, bis sie schließlich anfing, Stühle auf die Bühne zu werfen. Doch wer war diese Band? Suicide. Erst wenige Monate vor diesem denkwürdigen Auftritt, dessen Ablauf sich so oder ähnlich in anderen Städten wiederholen sollte, veröffentlichten Suicide, die Band um Sänger Alan Vega und Tastenhauer Martin Rev, ihr Erstlingswerk „Suicide“. Der Name ist Programm. Rev steuert mit einem flirrenden Syntheziser und einer Drummachine, die von einem derart albtraumhaften primitiven Minimalismus zeugt, dass man sie, je nach Gemütszustand, entweder als höllenartiges ballerndes Maschinengewehr oder als Harley-Davidson im Leerlauf wahrnimmt, zur Endzeitstimmung bei. Vega dagegen hechelt, stöhnt und gibt sogar Urgeschreie von sich, um seinen von Beatpoeten inspirierten Texten noch mehr Gewicht zu verleihen. Das Bild einer vom Vietnamkrieg gezeichneten, desillusionierten, verdorbenen amerikanischen Gesellschaft wird hier gezeichnet. „America is killin’ its youth“ heißt es im Opener Ghost Rider, „It´s doomsday, doomsday“ in Rocket USA, sogar in dem vermeintlichen Liebeslied Cheree singt Vega von einer „Black Leather Lady“ und gesteht einer Domina seine Liebe. Niemand jedoch war auf das 10-minütige Höllentier „Frankie Teardrop“ gefasst. Mit verstörender Konsequenz erzählen Suicide Frankie´s Geschichte, einem Fabrikarbeiter, der Frau, Kind und schließlich sich selbst umbringt, weil er an seinen Erinnerungen an Vietnam zerbricht.
Währenddessen schleicht sich ein Unbehagen durch den Körper des Hörers, so dass sich der Genuss von Suicides Album als akustische Tour de Force entpuppt. Suicide gaben mit ihrer Musik zu verstehen, dass alles eigentlich Punk ist, solange es nur Menschen provoziert, attackiert oder gar verstört. Eine Lektion die die Nachwelt anscheinend verstanden hat. Wer mehr wissen will sollte „Lost in Music“ auf Radio Ara hören.


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