AUSFLUG IN DEN MEZZOGIORNO: Betörendes Stimmengewirr

In der nun erschienenen deutschen Fassung von Fabrizia Ramondinos letztem Roman „La Via“ zeigt sich einmal mehr ihre große Erzählkunst. Dass die Virtuosität der 2008 verstorbenen Autorin auch in der vorliegenden Übersetzung zur Geltung kommt, ist der Übersetzerin Maja Pflug zu verdanken, die Anfang März für ihr Lebenswerk geehrt wurde.

„Alles geschah hier immer wegen der Straße“: Sie war die wichtigste Verbindungsstrecke des Römischen Reiches, auf ihr gelangte man aus der Hauptstadt in die Campagnia bis in den Süden des Imperiums. Auf der Via Appia ereignete sich Geschichte, sie bestimmte über das Schicksal von Ortschaften. So entstand aus einer Tempelstätte zu Ehren des Gottes Äskulap, von dem sich die erschöpften Reisenden Kraft und die verwundeten Krieger Heilung erhofften, im Laufe der Jahrhunderte zwischen Rom und Neapel ein Kleinstädtchen, „von den Einheimischen Acraia genannt“.

Dorthin verschlägt es einen rekonvaleszenten Schiffskapitän in Fabrizia Ramondinos Roman „La Via“. Er folgt der Einladung seines alten Freundes Teodosio, der in Acraia zusammen mit seinem Freund Onofrio eine Autowerkstatt unterhält. Beiden bleibt genug Zeit, ihrem Gast täglich Gesellschaft zu leisten. Zu seinen regelmäßigen Besuchern zählen außerdem die Nachbarin Rituzza und Eusebia, die alte Haushälterin der sagenumwobenen Donna Rosita, die den Genesenden mit frischen Lebensmitteln versorgt. Zunächst benimmt sich Teodosio „fast wie ein Touristenführer“, erst im Verlauf seines mehrwöchigen Aufenthalts erfährt der Schiffskapitän mehr als alltägliche Klatschgeschichten: „Kriege, Handel, Liebesgeschichten, Tode, lange Hungersnöte und plötzlicher Reichtum, kleine Intrigen und verheerende Skandale, Zerstörung und Wiederaufbau, Abwanderung und Rückkehr.“ Die Erzählungen seiner Gastgeber reichen weit zurück in die Vergangenheit und weisen nicht selten durch eine überraschende Wendung der Geschichte voraus in die Zukunft. Die Gegenwart gerät ins Wanken. Unsicher stützt sich der Fremde auf seinen Stock, vorsichtig tastet er sich voran, „da gibt es antike Steine, rund, glitschig, und das Lavapflaster ? auch glatt, und außerdem die Unebenheiten, einfach gefährlich.“ Am gefährlichsten aber ist es am Zebrastreifen, denn aus der antiken Via Appia ist längst die moderne Statale 7 geworden, auf der Autos und Lastwagen aus Rom in die südlichen Provinzen des Latiums donnern.

„Wir wussten beide, dass man nicht an einem Ort zu Hause ist, sondern nur in der Zeit.“

Wie so viele Ortschaften im zersiedelten Süditalien ist die Kleinstadt durch die Fernstraße zweigeteilt. Auf der einen, der Küste zugewandten Seite, liegt der „Borgo“, die moderne Unterstadt: hässlich und funktional. In den Bars sitzen ein paar vergessene Alte, die Mussolini verehren, weil er seinerzeit die Sümpfe des Küstenstreifens trocken legte. Die zentrale Piazza dient als Autoparkplatz. Mittendrin steht eine Statue von Padre Pio, „scheußlich, in Serie hergestellt wie alle, die nach der Seligsprechung plötzlich in ganz Süditalien aufgestellt wurden“. Am Kiosk gibt es Bücher von einem, der neben dem faschistischen Duce und dem katholischen Wunderheiler bestehen kann: der Brigant Fra Barnablù. Er wird nicht deshalb verehrt, weil er für die papsttreuen Bourbonen kämpfte, sondern weil er den italienischen Einheitsstaat bekämpfte. Weil er seine Freiheit verteidigte, genau wie sein Nachfahre, der Hirte Bartolomeo, der in den Bergen wohnt und „obwohl er kein Anarchist war und gar nicht wusste, was Anarchie bedeutet, de facto Anarchie praktizierte“. Der italienische Einheitsstaat bedeutet den Bewohnern dieses Landstrichs wenig. Ihr Misstrauen gegen die alte Hauptstadt Neapel und die neue Hauptstadt Rom zeigt sich auch an der Wahl ihres liebsten Fußballvereins. „So dass hier nach meiner Erinnerung früher nie jemand für den SSC Neapel war“, erklärt Teodosio, „nicht einmal, als Maradona dort gespielt hat, und auch niemand für den AS Rom. Alle waren Juventus-Fans, es kam ihnen vor, als wäre dieser Club im Ausland, als handelte es sich um die Mannschaft von Sidney oder Toronto oder Buenos Aires.“ Turin, wo die Einigung Italiens besiegelt worden war, blieb ihnen so fremd wie jede andere Stadt, in die die Leute aus der Gegend gewohnt waren zu emigrieren.

Auf der anderen Seite der Via führt ein steiler Weg in den oberen, antiken Teil des Städtchens, die sogenannte „Rione Terra“. Auf regelmäßigen Spaziergängen hinkt der Kapitän durch den Ort, das Frühjahr und die Zeiten: „einmal scheint dir, du bist in der Brianza, dann in der Schweiz – es gibt hier auch einige Chalets -, dann in den Höhlen von Matera, dann in Wolfsburg, dann in Mostar oder Sarajewo, so wie es dort heute aussieht, denn der Rione Terra ist noch voller Kriegsruinen, da unser Krieg aber schon länger zurückliegt, sind zwischen den Trümmern Bäume gewachsen; das Gleiche wird auch in Mostar und Sarajewo passieren.“ Der Jugoslawienkrieg ist nah und doch nur in Fernsehbildern präsent. Die Schlacht um Montecassino war näher und deshalb haben sich die drei Generäle der „Rione Terra“ auf sie fixiert. In diesen Krieg sind sie zufällig hineingeraten, weil im September 1943 eine der am härtesten umkämpften Verteidigungslinien der deutschen Besatzer durch ihre Gegend verlief.

Die Erzählungen der Dorfbewohner sind voller Andeutungen, Abschweifungen, Wiederholungen. Manchmal verliert der Kapitän die Geduld. „Ich bin seit vierzehn Tagen hier und habe noch keine einzige Geschichte ordentlich von Anfang bis Ende gehört ? Schlimmer als in einer Hafenkneipe.“ Gerüchte, Vermutungen und tradierte Vorstellungen ergeben nur ein fragmentarisches Bild. „Wir machen nichts anderes, als Mosaiksteinchen zu sammeln und einige aneinanderzureihen“, rechtfertigt sich Onofrio. Ob sich daraus ein vollständiges Muster ergibt, können die Freunde nicht versprechen. Der Schiffskapitän und damit auch die Leser des Romans müssen ertragen, dass die Geschichten kompliziert sind, sich überlagern und am Ende doch Leerstellen bleiben.

Dass diese Art des Erzählens beim Lesen nicht langweilig wird, dass man sich nicht in den endlosen, teilweise wirren Reden verliert, liegt an der virtuosen Erzählkunst Ramondinos, ebenso wie an der großartigen Übersetzung von Maja Pflug. Sie trifft für die geschwätzigen Dorfbewohner und für die reflektierte Nacherzählung des Kapitäns einen je eigenen Ton. Das Stimmengewirr wird lebendig, man hört die Atemlosigkeit und, umgekehrt, jedes leise Stocken. Wer je Süditaliener erzählen sah, wird die Geste, die einen Gedanken entfaltet, die Handbewegung, die den Worten Nachdruck verleiht und den Blick, der die Rede begleitet, erraten können. Anfang März erhielt Maja Pflug den Deutsch-Italienischen Übersetzerpreis für ihr Lebenswerk. Sie hat so bekannte Größen der italienischen Nachkriegsliteratur wie Cesare Pavese, Pier Paolo Pasolini oder Natalia Ginzburg ins Deutsche übertragen, vor allem aber hat sie viele Autorinnen und Autoren mit ihren Übersetzungen einem deutschsprachigen Publikum überhaupt erst bekannt gemacht. Zu ihnen gehört Fabrizia Ramondino, deren Bücher sie vor mehr als zwanzig Jahren entdeckt und seither für den Arche-Verlag übersetzt hat.

„La Via“ ist Ramondinos letztes Buch, sie starb 2008 nur einen Tag vor dem Erscheinen der italienischen Originalausgabe. Wie alle ihre Bücher, ist auch dieser Roman voller autobiographischer Bezüge. Wer heute auf der Straßenkarte die geweihte Anhöhe Acraias sucht, findet sie unter dem Namen Itri. Dorthin hatte sich Ramondino in den letzten Jahren ihres Lebens zurückgezogen, verstand sich aber bis zuletzt als „Neapolitanerin, Weltbürgerin“. „Wir wussten beide“, räsoniert der Schiffskapitän über sich und seinen Freund Teodosio, „dass man nicht an einem Ort zu Hause ist, sondern nur in der Zeit.“ Deshalb vermag ein Mosaiksteinchen aus dem Leben der Verwurzelten den Weitgereisten an eigene Erfahrungen zu erinnern, deshalb verweist ein Fragment aus Acraia auf die mythologische Vorzeit, deshalb erzählen die bruchstückhaften Schilderungen Teodosios und seiner Freunde verschiedene Kapitel der italienischen Zeitgeschichte. Ramondino gelingt es, ein anderes Bild des italienischen Südens zusammenzusetzen, Brüche sichtbar zu machen. Sie verleiht ihre Stimme einem männlichen alter ego und bricht damit nicht zuletzt mit überkommenen Vorstellungen über süditalienische Geschlechterrollen. Teodosio und Onofrio sind keine Machomänner und Rituzza ist weder Ehefrau noch aufopferungsvolle Mutter, mutig und erfinderisch verfolgt sie ihren eigenen Weg der Emanzipation. Ramondino verklärt weder die archaischen Überreste der „Rione Terra“, noch lassen sich die Beobachtungen im „Borgo“ verkürzt als Abgesang auf das heutige Italien lesen. „La Via“ führt nicht in den wohlbekannten, mit Stereotypen belegten Süden, sondern in den wunderbaren Mezzogiorno mit all seinen Widersprüchen.

Fabrizia Ramondino – La Via.
Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Arche Verlag, 352 Seiten.


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