Colin Barretts Romandebüt: Wilder Westen

von | 19.06.2026

„Wilde Häuser“ ist ein pfiffiger Roman über das Gaunermilieu einer irischen Kleinstadt. Dem begnadeten Autor Colin Barrett ist damit ein großer Wurf gelungen.

(Foto: Chris Lauer/woxx)

Nach Revolverhelden sucht man in Colin Barretts Roman „Wilde Häuser“ zwar vergebens, dafür geht es im westlich gelegenen irländischen Städtchen Ballina so turbulent zu wie in den besten Cowboy-Geschichten der Vereinigten Staaten: Zwei kriminelle Brüder entführen einen Teenager, um seinen Bruder zu erpressen. Später findet ein Überfall mit Geldraub statt, es wird hemmungslos getrunken und geraucht und Ganoven jeglicher Couleur lassen ihre Fäuste sprechen – wobei die wahren Kämpfe oft in den mit Spitzen durchsetzten Dialogen ausgetragen werden. Beim Lesen drängt sich unweigerlich der Gedanke auf, dass man mit einer Kugel sein Ziel wohl eher verfehlen würde als mit so mancher hier lapidar geäußerten Replik. Und das ist große Kunst.

„Wilde Häuser“ ist das Romandebüt des irisch-kanadischen Schriftstellers Colin Barrett, doch mitnichten sein erstes Werk. Der Langform gingen zwei Kurzgeschichten-Bände voraus: „Young Skins“ (2013), für den Barrett mehrfach ausgezeichnet wurde, und „Homesickness“ (2022). Ihre deutsche Übersetzung erschien – wie das aktuelle Werk – jeweils in hochwertigem Leineneinband im Steidl Verlag. Meisterhaft übersetzt wurden die Texte von Hans-Christian Oeser und, im Falle des Romans, auch von Claudia Glenewinkel. Sie machen das Lesevergnügen für ein deutschsprachiges Publikum erst möglich.

Und dieses Vergnügen hat es in sich: Man merkt dem Roman an, dass hier jemand schreibt, der sein Handwerk meisterhaft versteht und nicht nur mithilfe der kurzen Form ein unbeirrbares Gespür für das pacing, das Setzen des richtigen Tempos, entwickelt hat, sondern auch präzise einzuschätzen weiß, welche Story-Elemente an welcher Stelle auserzählt gehören oder welche Leerstellen der Erzählung zuträglich sind. Barrett macht sich das fragile Gleichgewicht zwischen dem Abrunden einer Episode und dem Offenlassen von Einzelheiten zunutze, um Spannung zu erzeugen und dort Literarizität und Komplexität zu schaffen, wo andere, weniger virtuose Autor*innen in die Banalität abgeglitten wären.

Wie in seinen Vorgängerwerken wendet sich Barrett mit fast soziologischem Erkundungswillen dem in der Peripherie angesiedelten Gaunermilieu zu. Abgehängte, abgebrühte Typen und schräge Vögel bevölkern seinen Text, aber mit Dev, einem sanften Riesen, findet sich auch ein Repräsentant eines anderen Menschenschlags im Buch: dem der Leidgeprüften, der Feinsinnigen mit den zerfetzten Seelen, für die der Schriftsteller Barrett ebenfalls ein Faible hat.

„Wilde Häuser“ wurde mit dem Nero Book Award ausgezeichnet und stand unter anderem 2024 auf der Longlist des Booker Prize. Zu Rrecht, denn neben der unglaublich reichhaltigen, ausdrucksstarken Sprache und dem raffinierten Witz, der den Szenen eine spürbare Lebendigkeit verleiht, ist es die Figurenzeichnung, durch die Barretts Werk brilliert: Seine Protagonist*innen wirken nicht deswegen wie Menschen aus Fleisch und Blut, weil ein so großer Fokus auf das Körperliche gelegt wird – die Ganovenbrüder Sketch und Gabe Ferdia gehen nicht zimperlich mit ihren Opfern um –, sondern weil alle Handlungsträger*innen auf eine Weise miteinander agieren, die sie als eigene Charaktere profiliert. Ein charmantes Buch, dessen spitzzüngige Figuren man gerne, weil durch den Sicherheitsabstand der Buchzeilen geschützt, an sich heranlässt.

Colin Barrett: „Wilde Häuser“, Roman, Steidl Verlag, Göttingen 2025, 256 Seiten, 25 Euro

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