VITRA DESIGN: Alles so schön bunt hier

Ein Ausflug auf den Campus von Vitra-Design lässt die Professionalität bewundern, mit der das Unternehmen seine Produkte begehrenswert macht. Nur der Aspekt Umwelt wird vernachlässigt.

Architektur und Design verbinden sich in dem skulpturalen Bau von Frank Owen Gehry.

Es ist, als ob man von der Hauptstraße in ein Gewerbegebiet einbiegt, mit unterschiedlichen Fabrikhallen, schmucklosen Rasenflächen und breiten Zulieferstraßen für Lastwagen. Es gibt nichts Bemerkenswertes außer einem Blickfang: das Möbel-Ausstellungsgebäude des Basler Architekturbüros Herzog & de Meuron, das aus zwölf in die Länge gezogenen, zum Teil an den Stirnseiten verglasten Satteldachhäusern besteht, die in fünf Ebenen übereinander geschichtet und ineinander verkeilt sind – das Ganze sieht aus wie ein Haufen überdimensionaler Mikadostäbchen: Es ist der Showroom für die Produkte von Vitra Design in Weil am Rhein. Die letzte Station jeder Butterfahrt, nachdem Besuchergruppen schon eine Architekturführung mitgemacht und das Vitra-Museum besichtigt haben.

Das Vitra Design-Unternehmen, das strategisch vorteilhaft im deutsch-französisch-schweizerischen Dreiländereck gelegen ist, kann mittlerweile auf eine über sechzigjährige Geschichte zurückblicken, in der es Maßstäbe im Bereich des Interieur-Designs gesetzt hat. Die wechselnden Ausstellungen im Firmenmuseum und die Führungen durch den auf dem Firmengelände entstandenen Architekturpark mit Gebäuden von Frank Gehry, Zaha Hadid, Tadao Ando und Herzog & de Meuron, die als Publikumsmagnet jährlich bis zu 400.000 Besucher anziehen, sind Teil einer geschickten Vermarktungsstrategie: Konfrontiert mit der Firmengeschichte, wird der Besucher in die Traditionen von Vitra Design eingeführt – um am Ende dann doch mit einem Möbelstück nach Hause zu fahren?

Vom Vitra-Design und der Kunst seiner Vermarktung konnten sich letztes Wochenende auch die Interessenten ein Bild machen, die mit „Design Friends“ Luxemburg – einer Vereinigung, die sich die inhaltliche Auseinandersetzung mit Design und dessen Förderung auf die Fahne geschrieben hat – den Vitra Campus bei Basel besuchten.

Der Aufstieg der Firma begann eigentlich mit einem Großbrand auf dem Firmengelände vor rund dreißig Jahren, den das Familienunternehmen Fehlbaum für einen radikalen Neuanfang nutzte. Etwa zur selben Zeit setzte der Bauboom ein. Seit 1950 befand sich die Firma, deren Hauptstandort heute in der Schweiz ist, mit ihren Produktions- und Lagerstätten in Weil am Rhein. Nachdem die Betriebsleitung 1977 einige Vertriebslizenzen für innovatives Mobiliar erwerben konnte, darunter die der Designerikonen Charles und Ray Eames, erweiterte sie im Laufe der Jahre die Produktionspalette, das Entwicklungszentrum und die Anzahl der firmeneigenen Designer. Schnell machte das Unternehmen von sich reden und schrieb, z. B. mit dem S-förmigen Kunststoffstuhl des dänischen Designers Verner Panton, der 1967 bei Vitra in Serie ging, sogar Designergeschichte.

Nachdem der Brand einen großen Teil des Firmenareals zerstört hatte, beschlossen die Verantwortlichen, das innovative Design-Konzept von Vitra auch in der Architektur zur Anwendung zu bringen. Zunächst wurde der britische Architekt Nicholas Grimshaw mit dem Wiederaufbau der ersten Produktionshalle beauftragt – es wurde ein schlichter, mit Wellblech verkleideter Zweckbau. Auch war Grimshaw zuständig für die Ausarbeitung des Masterplans. Um diese Zeit nahm die Idee, mit der weiteren Bebauung andere Architekten zu beauftragen, die alle für avantgardistische Ästhetik bekannt waren, Gestalt an – und damit auch der Gedanke, das Firmengrundstück Besuchern zugänglich zu machen.

Da traf es sich gut, dass der Firmeninhaber Rolf Fehlbaum, der über die Jahre eine beachtliche Möbelsammlung angelegt hatte, ein Lager suchte. Die Idee eines öffentlichen Präsentationsortes passte gut ins Konzept. 1989 öffnete das Vitra Design Museum im expressiv geformten Gebäude des kalifornischen Architekten Frank Owen Gehry seine Tore. Der skulpturale Museumsbau war das erste europäische Gebäude des Architekten, der später noch mit weitaus dekonstruktivistischeren Werken, wie dem Guggenheim Museum in Bilbao, bekannt werden sollte.

Leider wird die Sammlung modernen Möbeldesigns, in der alle wichtigen Stile vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis heute vertreten sind – von frühindustriellen Bugholzmöbeln über Stahlrohrmöbel der 1920er Jahre und Meisterstücke des skandinavischen und italienischen Designs bis zu den neuesten Entwicklungen – mittlerweile nur noch selten gezeigt. Der Schwerpunkt liegt auf wechselnden thematischen Ausstellungen, so etwa der aktuellen mit dem Titel „Zoom“, die die Bedeutung der Mailänder Fotografen Aldo Ballo und Marirosa Toscani Ballo für die Wahrnehmung des italienischen Designs beleuchtet.

Gleich neben dem üppigen Formenpalast von Gehry führt ein spartanischer, schmaler Betonweg mit scharfen 90 Grad-Winkeln zum minimalistisch konzipierten Konferenzpavillon des Japaners Tadao Ando. Auf dem schmalen Betonweg müssen BesucherInnen hintereinander gehen – die scharfen Kurven sollen die bösen Geister in die Irre führen. Auch an anderen Stellen des aus Sichtbeton gebauten, introvertierten Pavillons spielen Vorstellungen dieser Art eine Rolle: So hat der Japaner ein Ankerloch im ansonsten regelmäßigen Raster des Sichtbetons ausgelassen, um mit dieser kleinen Unvollkommenheit größeren Schaden abzuwenden.

Weniger abergläubisch, wenn auch nicht weniger anspruchsvoll, ist die aus dem Irak stammende Architektin Zaha Hadid, die die Vitra-Feuerwache gebaut hat – ein Gebäude, das zwar architektonisch den Höhepunkt der Führungen auf dem Vitra-Campus bildet, ansonsten jedoch kaum nutzbar ist. Das Design entspricht weder den Sicherheitsnormen einer Feuerwache – diese wurde nach drei Jahren anderswo eingerichtet – noch eignet sich der Bau, der nur mangelhaft abgedichtet ist, als Ausstellungsgebäude. Die Feuerwache mit ihren wie durch eine Explosion auseinanderstrebenden Wänden ist das allererste Projekt Hadids, deren Entwürfe vielen Bauherren lange Zeit als zu kühn erschienen. Ihre architektonischen Vorbilder sind vor allem die russischen Suprematisten und Konstruktivisten wie Kasimir Malewitsch oder El Lissitzky, deren Credo „Wir können nur dann Raum wahrnehmen, wenn wir uns von der Erde loslösen, wenn der Auflagepunkt verschwindet“ sich in Hadids Abneigung gegen den Primat des rechten Winkels wiederfindet. Wenn man etwa in den engen Duschräumen der Feuerwache, deren Wände nach außen kippen, steht, hat man das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren, und stemmt sich unwillkürlich dagegen.

Viel schlichter und aus demontierbarem Design der fünfziger Jahre bestehend, ist die kleine Tankstelle des französischen Architekten Jean Prouvé, die Fehlbaum auf dem Firmengelände hat aufbauen lassen. Ebenso dekontextualisiert wirkt die kuppelförmige Zeltkonstruktion des amerikanischen Architektur-Visionärs Richard Buckminster Fuller. Die aus rechteckigen Stofffragmenten bestehende Kuppel sieht von innen betrachtet aus, als werfe man einen Blick durch ein gigantisches Kaleidoskop.

Der Vitra-Komplex hat also schon einige Kostbarkeiten im Bereich der Architektur zu bieten. Schade nur, dass man neben diesen aufwendigen Bauten mit ihrer Hingabe an die reine Form keine Architektur auf dem Gelände findet, die eine Auseinandersetzung mit aktuellen, gesellschaftsrelevanten Themen, etwa dem der Nachhaltigkeit, reflektiert. Auch in der aktuellen Designkollektion des Möbelherstellers, die im Herzog & de Meuron-Haus zu sehen ist und die von der Produktion der wichtigsten Klassiker der modernen Möbelgeschichte bis zu Accessoires reicht, scheint das Thema Ökologie kaum vorzukommen. Und dabei hätte ein Unternehmen, das führend im Design ist – und das durchaus nicht selbstlos die Rolle eines Design-Museums übernommen hat – zweifellos die Mittel und Möglichkeiten, die innovative Kraft von Design nicht nur bei der Gestaltung von Objekten, sondern auch bei der Bemühung um Nachhaltigkeit und den Ressourcenschutz wirksam werden zu lassen.


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