ROTONDES: Keine runde Sache

In reduzierter Form und vier Jahre später als vorgesehen sollen die Rotunden 2014 endlich wiedereröffnet werden – vorraussichtlich. Unbekannt ist, ob das alte Hollericher Schlachthaus dann zum Konzept dazu gehört.

Obwohl die Möglichkeiten der Rotunden als Kulturstätten 2007 voll zur Geltung kamen und von vielen Besuchern geschätzt wurden, ist ihre Wiedereröffnung erst für 2014 vorgesehen. Zudem werden sie dann nur begrenzt nutzbar sein.

Noch immer sind auf der Internetseite der Regierung Vorschläge zu lesen, wie die zwei großen, 1875 erbauten Lokomotivrundschuppen hinter dem Bahnhofskomplex genutzt werden könnten. Die Anregungen reichen von einem Planetarium über eine überdeckte Markthalle, ein Museum für Miniaturzüge bis zu einer „maison d’accueil pour primo-arrivants pour les aider dans les démarches administratives“. Die Diskussion um diese ausgefallenen Ideen liegt geraume Zeit zurück. Schon 1990 hatte die Denkmalschutzinitiative „Stoppt de Bagger“ einen Antrag auf Klassierung gestellt. Doch die Regierung ließ sich dadurch weder zu einer ganzheitlicheren Betrachtung der Schutzbedürfnisse von Eisenbahnarchitektur noch zu halbwegs promptem Handeln drängen: Rund 21 Jahre sind seit der Klassierung (18.1.1991) mittlerweile ins Land gegangen, und die sogenannten „Rotondes“ stehen – abgesehen von einem kurzzeitigen Intermezzo im Europäischen Kulturjahr 2007 – noch immer leer. Auch nach 2007 ist wenig geschehen, lediglich der Boden der Gebäude wurde dekontaminiert. Die Rotunden reihen sich somit in die lange Reihe jener Projekte ein (darunter z.B. die Tram), für die im Vorfeld lange gekämpft, umfangreiche Studien in Auftrag gegeben wurden – und deren Realisierung dann auf unabsehbare Zeit aufgeschoben wurde.

„Ich finde es unglaublich, dass mitten in Luxemburg-Stadt ein solcher Ort brachliegt. Das hat nichts mit der aktuellen Wirtschaftskrise zu tun, sondern es ist ein generelles Phänomen, dass Industriegeschichte keinen Stellenwert hat“, so der Direktor der CarréRotondes, Robert Garcia, der auf andere Beispiele verweist, wie etwa die Anlagen der Stahlindustrie in Esch-Belval. Nichtsdestoweniger ist der ehemalige Generalkoordinator des Kulturjahres 2007 und erste kurzzeitige Nutzer der Rotonden nicht unzufrieden: Das lange Warten scheint nun doch ein Ende zu haben, auch wenn der Umzug in die Rotonden bisher schon mehrmals – von 2010 auf 2012 und zuletzt auf 2014 – verschoben wurde. „Ich hoffe, dass sie nicht noch irgendwelche Gräber unter den Rotunden finden“, schmunzelt Garcia, der fest entschlossen ist, Anfang Oktober 2014 die provisorische Produktionsstätte – in Anlehnung an die Rotunden wurde das rechtwinklige Provisorium „CarréRotondes“ getauft – in den Paul-Wurth-Gebäuden in Hollerich zu verlassen, wo sein Team seit dem Kulturjahr untergekommen ist. Mit rund 50.000 Besuchern im Jahr konnten er und sein Team seither die Öffentlichkeit hinlänglich von der Notwendigkeit seiner Kulturinstitution mit ihrem Kinder- und Jugendprogramm „Traffo“, den Musikveranstaltungen, Diskussionsabenden und Ausstellungen überzeugen.

Das war anfangs nicht unbedingt der Fall. 1995 hatte Garcia mit anderen Mitstreitern vorgeschlagen, statt das damals stark umstrittene Pei Museum zu bauen, ein Kunstmuseum in den Rotunden einzurichten. In seinem damals vorgelegten Gesetzesprojekt ging Garcia sogar über die ursprüngliche Idee eines Museums hinaus und plante eine Art „cité de l’action culturelle, du livre et de la musique“.

„Ich denke, dass diese ganzen Diskussionen viel in Bewegung gesetzt haben“, so Garcia. Sie hätten dazu beigetragen, dass die Idee einer kulturellen Umnutzung an Wirkung gewonnen hat. Kein Wunder also, dass die Baulichkeiten bei den Vorplanungen zur Kulturhauptstadt 2007 wieder ins Auge gefaßt wurden. „Sites et monuments“ habe mit der Restaurierung der ersten, westlich gelegenen Rotunde begonnen. Die östlich gelegene wurde noch bis 2006 als Reparaturwerkstatt für die Busse der CFL genutzt, bevor auch sie dem Kulturjahr zur Verfügung gestellt wurde. Ein Kommodo-Verfahren von zweimal sechs Monaten ermöglichte eine provisorische Nutzung der Gebäude während des Kulturjahres 2007, trotz ihrer Kontaminierung mit Schwerölen, die eine gründliche Sanierung in den Folgejahren unumgänglich machte. „Seit 2008 ist in unseren Statuten der Umzug zurück in die Rotunden als eines unserer Ziele festgehalten“, betont der Kulturdirektor.

Bauplanung abgeändert

Der ursprüngliche Bauplan von 2008 für die Rotunden wurde jedoch fallengelassen: Nach diesem sollte die Rotonde 1 (an der Passerelle) für größere Veranstaltungen genutzt werden und die andere zwei Bühnen für das Traffo-Programm sowie kleinere Module für Kinder-Ateliers beherbergen. Zudem sollten im Zuge des ehrgeizigen Projekts „Luxemburg-Central“ – das vorsah, die Gleise am Hauptbahnhof zu überdachen, – Arkaden bis zu den Rotonden gezogen werden, wodurch weitere Räumlichkeiten entstanden wären. Doch daraus wurde nichts, diese Projekte wurden auf Eis gelegt. Auch das Budget schrumpfte zusehends: Während ursprünglich rund 23 Millionen Euro für die Bauarbeiten und die Sanierung vorgesehen waren, wurde diese Summe infolge der Wirtschaftskrise und in Absprache mit den CarréRotondes auf 16 Millionen Euro reduziert. Garcia staunte nicht schlecht, als er im Oktober 2010 beim Studium des Staatsbudgets sah, dass die Regierung vor 2015 überhaupt keine Ausgaben für die Renovierungsarbeiten der Rotunden eingeplant hatte.

Letztlich hat sich die Regierung dann doch auf den Kompromissvorschlag von 4,2 Millionen Euro eingelassen, der Bautenminister Claude Wiseler im März 2011 unterbreitet wurde. So wird die Kulturinstitution ihr bisheriges Programm auch weiterhin fortführen können – aber mit nur eingeschränkter Nutzung der Rotunde 2. „Meiner Meinung nach wäre es für den Staat sicher billiger geworden, gleich alles in Stand zu setzen, statt die Rotonde 2 nur für eine eingeschränkte Nutzung herzurichten“, so Garcia. Für die 2.200 m2 große Rotunde 1 ist also wieder das ehemalige „Cerf Bleu“-Restaurant geplant, auch wenn es nun eher als Bar fungiert, in der auch Konferenzen abgehalten werden sollen. Im Zentrum des Baus soll eine große Bühne mit Zuschauerraum für 300 Leute für die Traffo-Veranstaltungen installiert werden mit angrenzenden Künstlerlogen. Im Außenraum der Rotunden ist ein Ausstellungsbereich geplant, der laut Garcia nicht wesentlich kleiner sein wird als der gegenwärtige Raum in den Paul Wurth-Gebäuden. „Das einzige Problem, das wir haben, ist das Nebeneinander der drei Veranstaltungsorte unter einem Dach. Da es keine geschlossenen Räume sind, wird es schwer werden, einerseits eine Konferenz abzuhalten und gleichzeitig ein Theaterstück aufzuführen, während sich daneben Besucher Ausstellungen anschauen“, so Garcia. Die zweite Rotunde soll dagegen nur begrenzt genutzt werden, zumindest solange keine weiteren Gelder zur Verfügung stehen. Lediglich ein Veranstaltungsort für 450 Besucher mit Bar und Erzählcafé und einem Konzertraum soll als schalldichter Raum einen Teil der Rotunde 2 belegen, die ansonsten für Besucher nicht zugänglich ist. „Neben aktueller Musik soll dann das Programm auch um neue Stile, wie neuer Jazz, Chanson, Neofolk oder Hiphop, erweitert werden. Wir wollen auch ein junges Publikum zwischen 16 und 25 Jahren ansprechen“, so Garcia. Im Gegensatz zum aktuellen Angebot sei jedoch vor allem ein Ausbau der Atelierprogramme für Kinder geplant. Dafür soll zwischen den beiden Rotunden eine Art Containercity auf zwei Etagen errichtet werden mit Atelierräumlichkeiten, in denen Workshops zur Bühnenkunst angeboten werden. Für die erste Etage ist außerdem eine Art Großraumbüro oder „salle associative“ vorgesehen. „Die Idee ist, dass jungen Vereinen oder einem Künstlerkollektiv, die ein Standbein suchen, während einer begrenzten Zeitspanne von drei Monaten bis zu zwei Jahren das Büro und die Ateliers quasi gratis zur Verfügung gestellt werden“, erklärt Garcia. So könne etwa eine Vereinigung, die Breakdance macht, die Räumlichketen für einen mäßigen Preis nutzen. „Das Gute ist, dass Jugendliche dann auch tagsüber da sind“, so Garcia. Neben den Ateliers sollen auch die Radioleute von Graffiti dort ihren Sitz bekommen. Außerdem ist in der Containercity ein Theater „pour la petite enfance“ für maximal 80 Kinder geplant. „Wir können in der ersten Rotunde keine zwei Veranstaltungen parallel organisieren, und für die ganz kleinen Kinder ab drei Jahren ist der Raum etwas zu groß.“ Diese Planung setzt allerdings voraus, dass auch ein dauerhaftes Budget für die arbeitsintensivere Betreuung im Rahmen der Ateliers bewilligt wird. „Wir haben ein Dossier eingereicht mit allen Posten, die wir dann brauchen“, meint Garcia.

Mehr Jugendarbeit in Ateliers

Unklar ist weiter, ob das alte Schlachthaus in Hollerich zum Konzept der Rotunden hinzugefügt wird – was eine neue, ganz andere Planung notwendig machen würde. In diesem Fall nämlich brauchte keine Containercity in den Rotunden errichtet zu werden, und es stünde ein größerer Raum für Vorstellungen, Theater und Musik zur Verfügung. „Wir haben im Frühjahr letzten Jahres dem damaligen Bürgermeister vorgeschlagen, dass das Schlachthaus und die Rotunden eine einzige Struktur darstellen könnten: In den Rotunden könnte das stattfinden, was größer und professioneller ist, und ins Schlachthaus könnten Workshops, Ateliers und Skater kommen“, so Garcia. „Unsere Idee war, eine Art Curriculum zu entwickeln: Als Jugendlicher gehst du zuerst nach Hollerich zum Skaten und besuchst Workshops. Und falls dann einer seine Bühnenkünste professionell ausbaut, kann er in den Rotonden auftreten.“ Schon immer sei es das Ziel des „CarréRotondes“ gewesen, nach Exzellenz zu streben: „Wir sind kein Jugendzentrum. Und wir sind nicht da, um Jugendliche zu beschäftigen, sondern wir wollen ein Maximum aus ihnen herausholen.“ Spezifische Fähigkeiten, wie Theaterspielen, Tanzen oder Musizieren, sollen im Sinne einer Bewusstseinserweiterung gefördert werden.

Es ist also noch einiges ungewiss bei den Rotunden. Und so richtig sind sie auch kein Thema – weder beim Kultur- noch beim Bautenministerium noch bei der Stadt Luxemburg. Wirklich schade, wenn man bedenkt, wieviel Idealismus und kulturelles Input durch diese Haltung in seiner Verwirklichung behindert wird.


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