VERKEHRSPOLITIK: Weniger soll mehr sein

Mit über 160 Seiten hat Claude Wiseler das bisher umfangreichste Verkehrskonzept vorgelegt.

MoDu, Tim, Smot ? alle Schaltjahre tauscht das Transportministerium sein Vokabular aus, um dann doch die immergleichen Konzepte zu präsentieren. Alter Wein in neuen Schläuchen? Ein Vorwurf, den Minis-ter Claude Wiseler sicherlich nicht gelten lassen würde. Zwar räumt er ein, von seinen Vorgängern Lux („mobil 2020“) und Grethen (mobilitéit.lu) wichtige Vorarbeiten geerbt zu haben, doch hält er sich zugute, als erster ein Ministerien-übergreifendes Konzept erarbeitet zu haben.

Die Ziele bleiben ähnlich: Bis 2020 – oder vielleicht doch realistischerweise erst 2030? – wird im motorisierten Verkehr ein Modalsplit von 25/75 angestrebt. Eine von vier motorisierten Verkehrsbewegungen soll dann per Bus oder Bahn erfolgen. Werden auch diejenigen VerkehrsteilnehmerInnen mit in die Berechnung einbezogen, die sich nur zu Fuß oder per Rad fortbewegen, dann nimmt sich der statistisch angestrebte Wert optisch sogar noch etwas besser aus: Die jetzt 13 Prozent sanfter Bewegungen sollen auf 25 Prozent anwachsen. Die restlichen Fahrten würden dann zu 19 Prozent mit öffentlichen Verkehrsmitteln und zu 56 Prozent mit privaten Fahrzeugen durchgeführt werden. Das klingt fast revolutionär, bedeutet in absoluten Zahlen aber immer noch ein Anwachsen des motorisierten Individualverkehrs, denn insgesamt wird die Mobilität im wachstumsgeilen Luxemburg weiter explodieren.

MoDu – das Kürzel steht für „stratégie globale pour une mobilité durable“ – hat demnach für alle etwas zu bieten und soll vor allem das Hauptproblem des Luxemburger Verkehrs lösen helfen: die absolute Überlas-tung der wichtigen Verkehrsstränge in den Spitzenstunden.

Mit einer Trambahn in der Stadt, neuen Peripheriebahnhöfen um die Hauptstadt und einem auf sie ausgerichteten Buszubringernetz soll mehr Menschen ermöglicht werden, ihre Arbeitsplätze mit Bus und Bahn zu erreichen. Vorhaben wie die Herstellung der Viergleisigkeit nach Bettemburg oder die bereits begonnene Modernisierung der Verbindung nach Petingen, sollen deshalb durch eine Kapazitätssteigerung mittels höherer Taktraten Abhilfe schaffen.

Keine Zug-Neustrecken

Auch unter dem jetzigen Transportminister wird es keine echte Zug-Neustrecke geben. Denn der Bau der direkten Verbindung von Luxemburg nach Esch ist vorerst auf Eis gelegt. Mit 1,6 Milliarden Euro sei die Investition für die wenigen gewonnenen Fahrminuten zu hoch. Die zigtausend Belval-StudentInnen in spe dürfen sich aber trösten: Die Autobahn nach Esch wird um zwei Spuren, die ganz dem öffentlichen Verkehr und dem „co-voiturage“ vorbehalten bleiben sollen, erweitert.

Auch die geplante Gleisverbindung zu Flughafen und Kirchberg wird zurückgestellt. Dafür bietet MoDu als Kompromiss den neu erdachten Halt an der Roten Brücke an: Mit Lift und Seilbahn sollen zigtausend Schaffende direkt aus den Zügen von Pafendall auf Kirchberg gehievt und dann per Trambahn an ihren Arbeitsplatz gebracht werden. Immerhin: MoDu ist ohne die Trambahn nicht denkbar. Das vom Finanzminister geplante Moratorium dürfte damit definitiv vom Tisch sein.

Neue Straßen wird es aber ebenso geben. „Das ist kein Widerspruch, sondern entspricht der Logik des Ausbaus des öffentlichen Tarnsportes“, so ein fast dialektischer Transportminister. Der Durchgangsverkehr, soll an den urbanen Zentren vorbei geführt werden. In der Hauptstadt besorgen das zweispurige „boulevards périphériques“, andernorts eher umstrittene Umgehungsstraßen.

So schwer MoDu sich mit dem Ausbau der Schiene tut, so scheint sie sich leichten Herzens mit dem aus-ufernden Individualverkehr abzufinden. Auffangparkings und staufreie Boulevards laden ja nicht unbedingt zum Umsteigen ein. Insbesondere dann nicht, wenn dem Bürger die ach so effizienten öffentlichen Verkehrsmittel weiterhin nur am Reißbrett begegnen. Und die vielversprochene Zuverlässigkeit sich in der tagtäglichen Informations- und Verspätungsmisere fortwährend selbst diskreditiert.


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