PIPILOTTI RIST: Im Makrokosmos der Wahrnehmung

Die Schweizerin Pipilotti Rist zählt zu den Pionieren der Videokunst. Mit ihren farbintensiven, stimmungsvollen Arbeiten geht die Künstlerin gegen die gewohnte Wahrnehmung an.

Ob Unterhosen oder Riesentulpen… – bei Pipilotti Rist geht es um Identität und Selbsterfahrung.

„Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf“ so der vollständige Name der jungen Outsiderin, die in den Romanen von Astrid Lindgren nicht nur ihr eigenes Pferd stemmt, sondern auch noch versucht, die Welt fröhlicher zu machen.

Nicht ohne Grund hat die Schweizer Videokünstlerin Rist 1982 ihren Vornamen Elisabeth Charlotte durch Pipilotti ersetzt. Genau wie Pippi scheint sich auch Rist gegen ein vorgeformtes bürgerliches Dasein und Frauenbild zu wehren und hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, gesellschaftliche Sichtweisen auf ebenso naiv-lustvolle wie subversive Weise infrage zu stellen. Pipilotti Rist erschafft ihre eigene Welt, so wie sie ihr gefällt, und verlockt dabei die Zuschauer, ihren Bildern zu folgen, und ihre eigenen Gedanken in Fluss zu bringen. Die fünfzigjährige gelernte Computergrafikerin zählt zu den Pionieren der Videokunst. Seit den 1980er Jahren schafft sie Videoprojektionen und Experimentalfilme, aber auch Skulpturen und Installationen, die durch ihre kreative Ausdruckskraft begeistern.

Unter dem Titel „Augapfelmassage“ veranstaltet die Kunsthalle Mannheim derzeit eine Werkschau, die ein Eintauchen in diese Kunst ermöglicht: In abgedunkelten Räumen, zum Teil von meditativer Musik erfüllt, sind rund 30 Videoarbeiten und Installationen aus über 25 Schaffensjahren zu sehen. Das, was alle Exponate verbindet, ist das „Sehen vor und hinter den Augendeckeln“, wie Rist ihre Titelwahl erläuterte. Die Künstlerin ist sich über all die Jahre darin treu geblieben, dass sie das Sehen an sich neu erfahrbar macht: Nicht nur finden sich ihre Videoinstallationen an den ungewöhnlichsten Orten, etwa als Projektion auf Tellern im Museumsrestaurant, auf Blumenvasen, Stoffbahnen, einem Lüster aus bunten Unterhosen, in Damentaschen und großen Muscheln sondern auch die Formate der Projektionen sind jeweils unterschiedlich: wandhoch, über Eck oder in einem fingergroßen Loch im abgenutzten Museumsteppichbelag, durch das uns die Künstlerin in mehreren Sprachen ein „Rette mich“ aus einer lodernden Feuerhölle entgegenschreit.

Die Filme sind meistens nur wenige Minuten lang, durch technische Eingriffe farblich verfremdet, in der Geschwindigkeit verändert – je größer die Projektion, umso langsamer der Abspann – und mit Musik unterlegt.

Teilweise überlagern die Projektionen sich; es ergeben sich Spiegelungen und Doppelungen, indem die Künstlerin die Beobachterperspektive durch Kameraführung und Schnitt verschiebt oder die Videos auf mehrere im Raum hängende Stoffbahnen projiziert – so etwa in ihrer neueren Arbeit „Administrating Eternity“ (2011). „Die Gardinen erinnern an Gedächtnislücken“, heißt es treffend im Ausstellungskatalog zu Rists Arbeiten. Durch die räumlichen Überlagerungen der Bildprojektionen würden die Bilder genau so verschwimmen wie die Erinnerung an die Vergangenheit.

Oberflächen ergründen

Rist erforscht und reproduziert in ihren Werken die sinnliche, menschliche Wahrnehmung, etwa wenn sie mit ihrer Kamera die Oberflächen abtastet. Immer wieder wechseln Innen- und Außenansichten. „In dem Moment, wo man ganz dicht dran ist, blendet man das Drumherum aus, das Negative oder das, was Angst macht – der Besucher wird wie ein Blutkörperchen, das sich in die verschiedenen Gefässe hineinbewegt“, so Rist zu ihren Ultra-Nahaufnahmen.

Auch in der raumfüllenden Projektion „Lungenflügel“ wird der Zuschauer in meditative Räume gesogen: In der Ausstellung gibt es eine Liegewiese, wo die Besucher ihre Schuhe ausziehen und es sich auf Teppichboden und Kissen bequem machen können – um sie herum drei Videowände, auf denen sie quasi in einer Makroperspektive üppige Natur erleben: Das satte Grün, das klare Wasser, die überreifen Früchte und die überbordenden lodernden Tulpenfelder künden von Lust. Auch bei „Lungenflügel“ ist die Abfolge der Bilder assoziativ; es gibt keine lineare Erzählung. Rist bietet eher emotionale Projektionsflächen an – die meditative Langsamkeit, in der die Bilder vor unseren Augen ablaufen, und die unaufdringlichen Klanghintergründe lassen die Raumgrenzen vergessen … Und ebendies – Selbsterfahrung zu erzeugen – scheint denn auch ein Ziel der Künstlerin zu sein. Die Besucher sollen, wenn sie die Ausstellung verlassen, neue Energie spüren, bemerkte sie einmal. Überhaupt scheint Rist sehr darum bemüht, Brücken zum Ausstellungsbesucher zu schlagen. Entspannte Körperhaltung bei ihm ist ihr wichtig, denn nur so ist er nach ihrer Auffassung überhaupt imstande, sich auf das Werk einzulassen. „Muskelaktivität bedeutet meistens viel mehr, als einfach nur eine Gehbewegung auszuführen … Alle unsere Gedanken, alles was wir sehen, wovor wir Angst haben, spiegelt sich in unserem Muskeltonus wieder …. unsere Fähigkeit, die Muskeln zu entspannen, wirkt sich auf unser Denken aus. Man nennt das somatopsychisch.“

Um eine enge Verbindung zwischen Werk und Betrachtern herzustellen, macht Rist bei „Lap Lamp“ (2006) die Haut oder die Kleidung des Besuchers zur Projektionsfläche. Setzt er sich, von ihr aufgefordert, auf einen Stuhl, so öffnet sich in seinem Schoß der Blick in die Natur, und seine Beine verwandeln sich in einen Blätterteppich. Ein anderes Beispiel ist das an der Wand fixierte acht Meter lange Dreieck „Eine Spitze in den Westen – ein Blick in den Osten“: Erst, wenn die Besucher den Kopf in die dreieckige Skulptur stecken, sehen sie die darin gezeigten Videos. Andere Arbeiten werden nur in gebückter oder liegender Position sichtbar.

Rist beschäftigt sich in ihrer Kunst unter anderem mit Sexualität und dem Körperbild des Menschen, vor allem der Frau – weshalb sie besonders von der feministischen Kunstkritik schon früh Beachtung erfuhr. Sie selbst verwehrt sich jedoch gegen eine feministische Zuschreibung ihrer Werke. „Wenn eine Nackte vorkommt, dann ist es ?Der Mensch‘, und er steht nicht nur für Frauen. ?Der ohne Kleider‘ bedeutet: ohne soziale Klasse, ohne Geografie …“ International bekannt wurde sie mit „Pickelporno“ (1992), einem Video, das um das Thema des weiblichen Körpers und der sexuellen Erregung kreist, in dem die Kamera sich sehr dicht an den Körpern eines nackten Paares entlang bewegt, so dass die Körperformen überdimensioniert und vieldeutig wirken.

Einklang mit der Natur

Hinter dem psychedelischen Farb-rausch ihrer Videos ist durchaus Kritik spürbar. Etwa in dem Video „I Couldn’t Agree With You More“ (1999), in dem Rist zwei Projektionen übereinanderlegt: Zu sehen ist in Nahaufnahme das Gesicht einer Frau im Supermarkt, auf deren Stirn ein weiteres Video projiziert wird, in dem sich nackte Männer und Frauen im Dunkel der Nacht bewegen. Hier scheint Rist die kapitalistische Warenwelt mit ihren Zwängen in Opposition zu den unbewussten natürlichen Trieben und Bedürfnissen zu stellen. Die Künstlerin verarbeitet hier offenbar ihr Ideal von einer Welt, die sich mit der Natur im Einklang befindet und frei von Konventionen und Normen ist. Die Lust, gegen letztere zu verstoßen und einmal etwas Verrücktes zu tun, ist auch Thema in „Ever Is Over All“ (1997). Es zeigt in Zeitlupe eine fröhliche junge Frau im leichten Sommerkleid, die beschwingt durch die Straßen läuft und mit einer Fackellilie die Fenster geparkter Autos einschlägt. Eine Polizistin nähert sich ihr und geht freundlich grüßend vorüber.

Insgesamt bietet die Ausstellung einen sehr guten Einblick in die inspirierende Arbeit von Rist. Die Kunsthalle Mannheim hat gut daran getan, dabei eher die Erlebniswelten der Künstlerin für sich selbst sprechen zu lassen. Einziges Minus: Die etwas willkürlich angeordneten Erklärungen an den Ausstellungswänden. Auch ist die Ausstellung keine chronologisch detaillierte Werkschau im Sinne einer biografischen Rückblende – Rists Exkurs von 1988 bis 1994 zur Performance-Gruppe „Les Reines Prochaines“ zum Beispiel wird nur am Rande erwähnt. Zu empfehlen ist in jedem Fall, bei der Besichtigung einen Audioguide zu benutzen, der mit vielen O-Tönen von Rist neue Verständnismöglichkeiten erschließt – auch wenn das Abspulen der Infos vor den entsprechenden Installationen sich mangels Hinweisen nicht immer einfach gestaltet.

Aber die Reise durch das Universum von Pipilotti Rist lohnt unbedingt. Und von Saarbrücken gibt es gute Zugverbindungen nach Mannheim.

Noch bis zum 24. Juni 2012 in der Kunsthalle Mannheim.


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