WELTERNÄHRUNG: Insekten sind nicht Igitt

Von allen exotischen kulinarischen Gebräuchen ist der Verzehr von Insekten möglicherweise der zukunftsträchtigste. Käfer und Heuschrecken statt Rinder und Hühner zu essen, könnte helfen, die Nahrungsmittelknappheit zu überwinden.

Immer mehr Menschen müssen satt werden, bis 2050 wahrscheinlich neun Milliarden. Aber wovon? Die Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) hat eine Kampagne gestartet, die den Verzehr von Sechsbeinern und deren Larven propagiert. Werden Ameisen und Mehlwürmer unser täglich Brot sein?

Der Proteinanteil von Insekten – zwischen 22 und 91 Prozent ? spricht dafür. Es gibt zum Beispiel die rotbeinige Heuschrecke aus Nordamerika, eine Ernteplage ersten Grades, die weder Klee noch Sojabohnen noch Hülsenfrüchte verschont. Das Insekt weist bei einem Trockengewicht von 100 Gramm einen Eiweiß-Anteil von 75,3 Gramm auf – mehr als ein Kalbsbraten. Auch Stubenfliegen (61 Prozent), Blattschneiderameisen (58) und Honigbienen (49) enthalten viel Protein. Insekten könnten neun Milliarden Menschen ernähren, sagt daher Arnold van Huis von der Universität Wageningen in den Niederlanden: „Sie sind der perfekte Ersatz für Fisch und Fleisch.“

Und hinterlassen darüber hinaus einen kleineren ökologischen Fußabdruck als die bestehende Landwirtschaft. Diese verursacht etwa 22 Prozent der weltweiten Treib-
hausgasemissionen, mehr als Autos, Flugzeuge und Schiffe zusammen. Bei Insekten ist der Ausstoß mindestens hundert Mal niedriger. Auch brauchen Rinder, Schweine, Hühner oder Schafe viel zu viel Land, erklärt der Entomologe. 70 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche beansprucht allein die Viehzucht für sich. Und weil der Mensch immer mehr Fleisch verzehrt, muss immer mehr Wald den Weideflächen weichen ? eine ökologische Katastrophe. Insektenfarmen würden sich nicht so ausbreiten: Eine Mehlwurmzucht von 40 Kubikmetern ? das ist etwa ein halber Omnibus – kann 100 Menschen ernähren.

Insekten mögen es, auf engem Raum gehalten zu werden, anders als Hühner oder Schweine, die in Tierfabriken dicht gedrängt vor sich hinvegetieren. Zwar ist noch ungeklärt, ob und ? falls ja ? wie Insekten Schmerz empfinden. Aber auch die Tötungsmethoden sind im Vergleich zu denen auf Schlachthöfen sanft, meint van Huis: „Wir stecken sie in die Gefriertruhe. Für Kaltblüter ist das so, als würden sie einschlafen.“

Kennen, schützen, essen

Wechselwarme Tiere, wie die Insekten, haben noch einen anderen Vorteil: Sie müssen nicht fressen, um ihre Körpertemperatur zu halten, und können daher viel effektiver gefüttert werden als das Vieh auf der Weide. Bei Grillen werden nur 2,1 Kilogramm Futter gebraucht, um ein Kilogramm Fleisch zu erhalten. Rinder verschlingen für die gleiche Menge 25 Kilogramm Futter. Viele Insekten können auf organischen Abfällen groß gezogen werden, also dem, was die Industrie oder Restaurants und so weiter so übrig lassen. Schwarze Soldatenfliegen sind da Spezialisten. Sie verwerten so ziemlich alle organischen „Reste“: tierischen Dünger, Brauereigetreide, Kartoffelschalen und sogar Ketchup. Diese Kost wird schnell umgesetzt: Die Larven nehmen in wenigen Wochen um das 7000-fache an Gewicht zu.

Die Entomophagie, also der Verzehr von Insekten, würde sicherlich Abwechslung auf den Teller bringen. Von den Eintagsfliegen gibt es zum Beispiel neun verschiedene Spezies, die wir essen können. Die Libellen kommen auf 58 genießbare Vertreter und die Termiten auf 60. Bei den Käfern können sogar an die 595 Arten als Mahlzeit herhalten. Die Liste essbarer Insekten umfasst gut 1.900 Arten. Bei rund 2,5 Milliarden Menschen stehen Sechsbeiner schon seit langem auf dem Speiseplan: Zikaden isst man in Kambodscha, Schmetterlingslarven in Japan, Heuschrecken in Thailand, Stinkkäfer in Mexiko, Bockkäfer in Peru, Gallwespen in Australien und Mopane-Würmer in Südafrika.

Der Mopane-Wurm ist eine essbare Raupe, die auf Bäumen lebt. Im Dezember und im April, wenn sie sich an den Blättern dick und rund gefressen habt, wird die Delikatessen eingesammelt und auf lokalen Märkten verkauft. Allerdings gibt es ein Problem: Die Raupen verschwinden mancherorts infolge Übererntung. Viele Menschen kennen ihren Lebenszyklus nicht, sie glauben, die Larven verkriechen sich zum Sterben in die Erde. Dabei verpuppen sie sich dort unten und kehren als Kaisermotte zurück. Diese legt dann Eier auf den Bäumen ab, aus denen wieder die Raupen schlüpfen. Der Bestand der Mopane-Würmer muss also geschont werden ? das sollen nun schon die Kinder in den Schulen lernen.

Fast die halbe Menschheit – rund 2,5 Milliarden – essen schon Insekten, nur die Europäer nicht. Es ist nicht so, dass uns Insektenmahlzeiten immer fremd gewesen wären. Der antike Dichter Aristophanes spricht von „vierflügeligem Geflügel“ und meint damit Heuschrecken. Und in Frankreich und Hessen soll noch im 20. Jahrhundert ein Bouillon aus Maikäfern gegessen worden sein. Inzwischen gelten Insekten auf dem Tisch aber als tabu.

Wie also sollen Europäern gegrillte Kakerlaken schmackhaft gemacht werden? Es stimmt, sagt van Huis, viele reagieren da mit Ekel. Aber der Forscher ist zuversichtlich, dass psychische Barrieren überwunden werden können. Zum Beispiel mit Hilfe von renommierten Köchen, die Insekten als exklusives kulinarisches Erlebnis einführen. Das Edel-Restaurant „Noma“ in Kopenhagen serviert Speiseeis mit fetten dänischen Waldameisen. Ein Cartoonist hat sich davon schon inspirieren lassen: Da empfängt der verdutzte Kellner eine Ameisenbärenfamilie, die sich das Dessert nicht entgehen lassen will. Vielleicht lassen sich die Konsumenten auch vom Preis überzeugen. Die Vereinten Nationen sagen voraus, dass Rindfleisch der Kaviar der Zukunft wird ? also unerschwinglich. Wenn ein Wanzensteak zehnmal weniger kostet als eins vom Rind, dann würden Insekten vielleicht nicht mehr abgelehnt werden.

Bekanntlich isst ja auch das Auge mit. Wenn Insekten zu Mehl oder Saucen verarbeitet werden, ist von den Sechsbeinern nichts mehr zu sehen. van Huis machte ein kulinarisches Experiment, bei dem die Testpersonen zweierlei Klößchen vorgesetzt bekamen, eines aus herkömmlichem Fleisch und eines mit einem Mehlwurmanteil von 60 Prozent. Welche Speise die Insekten enthielt, wussten die Probanden nicht. Aber neun von zehn fanden das Mehlwurm-Klößchen leckerer.


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