„Ich duze sogar die Queen“

(RK) – Internationale Politik ist eine ernste Angelegenheit, und Jean Asselborn ein fähiger Politiker. Diese Überzeugung wird man nicht mehr aufrecht erhalten können, nachdem man die jüngste Feierkrop-Buchveröffentlichung „Hôtel St Max“ gelesen hat. Es handelt sich um eine Zusammenstellung der wöchentlich in dem Satireblatt erschienenen kurzen Comicstrips von September 2010 bis September 2012, in denen ein gewisser Jean Quasselborn die Hauptrolle spielt.
Doof, aber nicht unsympathisch, so könnte man die Figur zusammenfassen. „Hei zu Lissabon hu se op d’mannst en Tram, och wann en e bëssen al ass“, sagt während einer Portugalreise mit Tramfahrt der immer gut gelaunte Außenminister zum Wirtschaftsminister. Und verkörpert damit den 08/15-Luxemburger, der überall hinreist, über alles Bescheid weiß und sich nicht von Details ablenken lässt. Mehrfach schlüpft Quasselborn auch in die Rolle der Gegenfigur zum Finanzminister und vor allem zum Premierminister, die als zu glatt oder als realitätsfern charakterisiert werden.
„Das ist Völkermord in höchster Potenz“, posaunt ein mit Kochmütze ausgestatteter Jean Quasselborn, bevor er sich daran macht, einen Entenbraten aufzuschneiden. Die unnachahmliche Rhetorik des Aussenministers ist die Zielscheibe so mancher Gags. Ein Strip besteht gar nur aus Abwandlungen des ominösen Libyen-Zitats: „Das ist Hölterpolter in frechster Demenz!“, beim Üben vor dem Spiegel, und „Das ist Völkerball im Sommer und Lenz!“, auf der Uno-Tribüne.
Die Bildsprache des Zeichners Moe Skifati geht teilweise weit über die Persiflage der Protagonisten hinaus: Der Strip zu Asselborns Kubareise besteht aus Montagen mit fotoähnlichem Hintergrund, Zeitungszitaten und einer knallroten Fahne mit dem Kopf des Außenminister als Che Guevara. Doch im abgedunkelten letzten Panel trifft der sich selber gerne als Revoluzzer inszenierende Politiker den Generalvikar von La Habana – und beichtet seine Sünden.
Im allgemeinen übt sich die Serie in linker Kritik an der politischen Aktualität – Autor ist immerhin der Feierkrop-Journalist Jacques Drescher. Der häufige Bezug auf die Tagespolitik birgt die Gefahr, Monate später passé zu wirken, doch Strips wie die zur peinlichen Rolle Luxemburgs beim arabischen Frühling oder Asselborns Griechenschelte behalten ihre Ausdruckskraft.
Wenn Quasselborn spricht, stellt er aber nicht nur die Eigenarten des Außenministers bloß. Die Mischung aus Platitüden wie „D’Nato huet changéiert“ oder „Mir brauchen en Equiliber“ und Schmarrn wie „Wir machen den Ouzo ins Dippen drin und rühren mit dem Bengel, damit der Euro nicht schwabblig wird“ erinnern daran, dass der außenpolitische Jargon vor allem dazu dient, den Unteren die Machenschaften der Oberen zu verklickern. Und wenn die Politikerfigur versichert, „Wat ech méi domm schwätzen, wat ech éischter Premier gin“, sind wir uns überhaupt nicht mehr sicher, wer über wen lachen kann.

Hôtel St Max, Den Neie Feierkrop 2012. Der 99-seitige Hardcover-Band kann bei www.feierkrop.lu für 20 Euro plus Versand bestellt werden.


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