ANG LEE: Gottsuche mit Tiger

Ein beliebter, doch recht trivialer Roman diente als Vorlage für „Life of Pi“. Dank monumentaler Bildersprache gelingt es dem Regisseur Ang Lee jedoch, den Stoff in ein außergewöhnliches Kinoabenteuer zu verwandeln.

In der Not frisst der Teufel Fliegen, der Tiger Richard Parker wird sich mit (fliegenden) Fischen zufrieden geben.

Beeindruckende 9.000.000 Mal verkauft: Mit seinem 2001 erschienen Roman „Life of Pi“ hat der kanadische Autor Yann Martel einen Bestseller geschrieben, für den er aber auch den renommierten Man Booker Price gewann. Obwohl das Buch von der Kritik zwiespältig aufgenommen wurde, konnte das breite Publikum sich für das surreale Abenteuer des Piscine Molitor Patel begeistern.

Da Hollywood unter einem akuten Mangel an guten Originaldrehbüchern leidet und inzwischen sehr viele Filme Literaturverfilmungen sind, war es nur eine Frage der Zeit, bis jemand den Stoff für die Leinwand verarbeiten würde. Nicht wenige LeserInnen verweigern sich den Literaturverfilmungen der Bücher, die sie verschlungen haben, da die Fantasie des Regisseurs nicht notgedrungen mit der eigenen übereinstimmen muss und das in Bilder gefasste Resultat deshalb meist nur enttäuschen kann. Wie gut, dass die Wahl auf Ang Lee fiel, der schon mit seinen Adaptationen von „Sense and Sensibility“ und „Brokeback Mountain“ eine gute Hand bei der Auswahl seiner Drehbuchautoren bewies. Und dass dem 1954 in Taiwan geborenen Regisseur Kino im Blut liegt und er auch unspektakulärere Geschichten gut und erfolgreich in Szene zu setzen weiß, muss spätestens seit „The Wedding Banquet“ nicht mehr betont werden.

Die Herausforderung, diese ungewöhnliche Suche nach Gott zu verfilmen, schien schon vor Drehbeginn an den enormen Produktionskosten von 120 Millionen Dollar zu scheitern, und Lee musste erst den Verwaltungsrat der 20th Century Fox von seiner Sicht auf den Film überzeugen. Den größten Teil dieser Summe werden wohl der Bau eines 6,5 Millionen Liter fassenden Beckens und die äußerst realistischen Computeranimationen verschlungen haben, denn mit der Ausnahme von Gérard Depardieu in einer kleinen Nebenrolle wurde auf große Stars, und damit auf teure Gagen, verzichtet. Der 17jährige Suraj Sharma gibt – in seiner ersten Rolle überhaupt – einen überzeugenden Pi als junger Schiffbrüchiger. In die Rolle des älteren Pi, des Erzählers, schlüpft Irrfan Khan und lotst die Zuschauer mit angenehmer Stimme und bedächtigen Schilderungen durch die haarsträubende Geschichte.

Die beginnt gemütlich, humorvoll und in wunderschön satten Farben, nimmt aber schnell Fahrt auf, und je stürmischer, spannender und fantasievoller sie wird, umso atemberaubender werden die Bilder. Eine gute Kameraeinstellung jagt die andere, eine gelungene visuelle Umsetzung die nächste. Ein wahres Feuerwerk an Eindrücken; man vergisst glatt die große, unbequeme Brille auf der Nase. Die intelligent und nur sparsam für Angriffe auf das Publikum eingesetzte 3D-Technik erhöht den suggestiven Effekt der Bildkompositionen und verstärkt so die märchenhafte Note der Inszenierung.

Richard Parker – der Tiger – wirkt so echt, dass man stellenweise förmlich seinen Atem im Gesicht zu spüren meint – aber ach, hätte man ihn doch bloß nicht seiner männlichen Attribute beraubt! Leider sind die – bei einem Tier von immerhin 150 kg Lebendgewicht – wohl kaum zu übersehenden Hoden offenbar der amerikanischen Prüderie zum Opfer gefallen, oder waren die vier echten Raubtiere, die als Modelle dienten, vielleicht gar keine Kater?

Beim Verlassen des Kinos kann man sicher sein, einen der schönsten Filme aller Zeiten gesehen zu haben. Trotz der naiven spirituellen Aussage, die schon das Buch ins Triviale abgleiten ließ, bleibt Life of Pi ein einzigartiges Erlebnis, und Ang Lee der innovativste Regisseur seit Jahrzehnten.

Im Utopolis und im CinéBelval.


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