VALENTINSTAG UND MEHRFACHBEZIEHUNGEN: Polyamo… was?

„Ich bin eben so.“ Für alle, denen das als Erklärung für Mehrfachbeziehungen nicht reicht, stellt die woxx zu Valentinstag die in Luxemburg kaum bekannte polyamoröse Bewegung vor. In den USA gibt es dazu Bücher, in Frankreich Mythen und in Deutschland Vorträge.

„Hallo, ich bin Polly … und will raus
aus dem Mono-Käfig.“

Stefanie Krüger ist Diplompädagogin, doch in ihrer Freizeit beschäftigt sie sich nicht nur mit erziehungstechnischen Themen, sondern auch mit Problemen von Liebe und Beziehungsstruktur: Warum sollen wir monogam leben? Kann man auch mehr als einen Menschen lieben? Um eine öffentliche Diskussion anzuregen, hat sie gemeinsam mit Bettina Sto?i? einen Vortrag ausgearbeitet. „Wir wollen zum Beispiel darauf aufmerksam machen, dass die Monogamie eine Geschichte hat. In der Antike war es beispielsweise für Männer legitim, sexuelle Kontakte mit Frauen, Männern und Knaben außerhalb der Ehe zu pflegen.“ Im arabischen Raum gebe es die polygyne Ehe, wo ein Mann mehrere Frauen heiratet, im Nepal sei es umgekehrt, führt Stefanie aus. „Dort heiratet in einigen Ethnien eine Frau mehrere Männer, oftmals Brüder. Sie wollen so verhindern, dass das Land unter den Brüdern aufgeteilt werden muss.“

Stefanie hält fest: „Unsere heutige Vorstellung von Beziehung basiert auf der Annahme, dass man jeweils nur zu einer einzigen Person eine intime Beziehung haben kann.“ Sie selbst, Mitte zwanzig, lebt seit zwei Jahren polyamorös – das heißt, sie pflegt. mit dem Einverständnis der Partner, parallele Liebesbeziehungen, die nicht notwendigerweise alle sexuell sind. „Eigentlich finde ich das Label polyamorös albern, ich würde lieber sagen, dass ich in vertrauensvollen nicht-monogamen Beziehungen lebe, aber andererseits brauchen wir einen Begriff, der die Kommunikation zwischen Gleichgesinnten, zum Beispiel über das Internet, ermöglicht.“

Mehrfachbeziehungen gab es natürlich schon, bevor der Begriff Polyamorie durch Internetforen geisterte. Vor allem in den 1970er Jahren wurden sie durch die Befürworter von freier Liebe und offenen Beziehungen, populär. Ein prominenter, noch älterer Fall ist die Verbindung der Schriftstellerin und Philosophin Simone de Beauvoir mit dem Philosophen Jean-Paul Sartre, die beide parallele Liebesbeziehungen unterhielten.

Jean-Paul, Simone, Bianca

Als die beiden Pariser Existentialisten 1929 sich zu einem Paar zusammenfanden, gestanden sie einander weiterhin intime Kontakte außerhalb ihrer Beziehung zu. Geheiratet haben die beiden nie, da sie gegen die „institutionalisierte Einmischung des Staates in Privatangelegenheiten“ waren. Auch zogen sie nie unter ein gemeinsames Dach – Simone de Beauvoir zufolge ein Grund, weshalb die Beziehung 51 Jahre lang, bis zu Sartres Tod, Bestand hatte. Neben der Beziehung zu Sartre unterhielt sie in den 1940er Jahren ein Verhältnis zu dem amerikanischen Schriftsteller Nelson Algren. Einen Ring, den dieser ihr geschenkt hatte, trug sie bis zu ihrem Lebensende. In den 1950ern folgte eine Liebesbeziehung mit dem 17 Jahre jüngeren Schriftsteller und Filmemacher, Claude Lanzmann, mit dem sie sogar einige Jahre lang die Wohnung teilte.

Der 1,58 Meter kleine Sartre, von dem Beauvoir selbst sagte, er sei „nicht besonders attraktiv und zumeist schlecht gekleidet“, zudem „frigide“, blieb dennoch für sie immer der zentrale Lebenspartner. Sie liebte ihn wegen seiner Intelligenz und seiner Zärtlichkeit. Er seinerseits liebte nebenher die Schauspielerin Dolores Vanetti Ehrenreich und diverse Studentinnen. Als unproblematisch erschienen Beauvoirs und Sartres Liebesaffären allerdings nur in ihrer eigenen Sicht. Diese Art, Beziehungen zu führen, konnte für andere durchaus verletzend sein. Das wissen wir heute aus Bianca Lamblins „Mémoires d’une jeune fille dérangée“, wo sie beschreibt, mit welch gemischten Gefühlen sie als junge Frau zugleich ein Verhältnis mit Beauvoir und Sartre hatte.

Für die beiden Frauen, mit denen ich mich in der Leipziger Szenekneipe Puschkin unterhalte, hat die Möglichkeit der Polyamorie zunächst einmal etwas Befreiendes. Der 26-jährigen Sabine war bereits in ihrer Jugend klar, dass ihre Liebesfähigkeit polyamoröser Natur ist: „Als ich 16 war, war ich plötzlich in einer Dreierbeziehung. Es hat sich damals sehr natürlich angefühlt, und ich hab` den Leuten einfach gesagt, dass ich eben so bin. Aber heute, wo ich all die Theorien zu Polyamorie kenne, würde ich anders antworten. Ich würde jetzt erläutern, was Polyamorie ist, denn ich möchte es bewusst leben.“  Mit Stefanie ist sie sich einig, dass Liebe und Vertrauen in einer Partnerschaft das Wichtigste ist. „Solange diese Werte in einer Beziehung gefestigt sind, empfinde ich auch kaum Eifersucht, wenn mein Partner oder meine Partnerin auch mit Anderen sexuelle Kontakte hat“, erklärt Sabine und fügt hinzu: „Oftmals kann ich mich sogar mitfreuen.“

Wie die Hälfte aller Polyamoren ist Sabine bisexuell orientiert. Stefanie ihrerseits bedauert, dass die Medien vor allem heterosexuelle Beziehungen unter Polyamoren thematisieren: „Obwohl wir so viele sind, die gleichgeschlechtlich begehren, bleibt unsere Liebe unsichtbar.“ Was Stefanie noch stört, ist, dass in den Medien die Machtungleichgewichte innerhalb von Beziehungen wenig thematisiert werden. Auf institutioneller Ebene ist für Personen in Mehrfachbeziehungen vieles ungeklärt, etwa was das Sorgerecht für Kinder oder das Erbschaftsrecht betrifft. Stefanie glaubt nicht, dass es bald juristische Änderungen geben wird, denn: „In Deutschland sind die Polyamoren zu lose vernetzt. Wir können nicht von einer Bewegung mit konkreten politischen Forderungen reden.“ In persönlichen Beziehungen zu Anderen will sie der Frage nachgehen, welche Rolle die Attraktivität, das soziale Umfeld und die berufliche Eingebundenheit einer Person dabei spielt.

Polyamor machtblind?

Ausgerechnet diese Fragen würden in „The Ethical Slut“, von vielen als „Bibel der polyamorösen Bewegung“ bezeichnet, kaum ernsthaft behandelt, bemängeln Feministinnen. In diesem 1997 erschienenen Selbsthilfebuch stehen Aussagen wie: „Abuse doesn’t change the basic wonderfulness of any of these things: the danger lies in the motivation of the abuser, not the nature of the item.“ Dass Sex kein „item“, sondern eine intime Begegnung ist, die in unserer Gesellschaft eng mit Hierarchien verknüpft und allzu oft missbraucht wird, wird von den Autorinnen Dossie Easton und Janet Hardy dabei ausgeblendet.

Kritisiert wird an dem Buch außerdem, dass – neben vielleicht ganz sinnvollen Ratschlägen, wie man sexuelle Beziehungen zu mehreren Partnern auf eine faire und ehrliche Art aufrechterhalten kann – das Hauptaugenmerk oft auf simpler „Spaßmaximierung“ und „Selbstoptimierung“ liege. Beides sei, so vermittelt das Buch, leicht über positive Gedanken und ein paar Kommunikationstricks zu erreichen. Kaum verwunderlich, dass sich vieles um die Attraktivität und das Selbstbewusstsein einer Person dreht. Die Autoren coachen die LeserInnen mit Sätzen wie: „Wenn du denkst, jemand sei doof weil er dich attraktiv findet, sorgen wir uns um dein Selbstwertgefühl.“

Ich will, muss, darf dich

Stefanie möchte keine Selbsthilfe-Ratschläge erteilen, sondern durch ihre Vorträge „Diskussionen auslösen und Denkanstöße geben“. Sabine stellt klar: „Wir wissen sehr wohl, dass polyamoröse Beziehungen nicht immer einfach sind.“ Und fügt schmunzelnd hinzu: „Aber kann man von monogamen Beziehungen etwas anderes sagen?“ Die beiden Frauen sind sich einig, dass romantische Liebesvorstellungen, wie sie zum Valentinstag verbreitet und vermarktet werden, leicht über die Fallstricke monogamer Beziehungen hinwegtäuschen können.

Warum viele Menschen einen ironischen Blick auf romantische, monogame Liebesbeziehungen pflegen, ist bekannt. Sie wissen: Zu Beginn wird, trotz uneingestandener Zweifel, erwartet, dass die neue Liebschaft wie Fallschirmspringen im LSD-Rausch ist. Und irgendwie klappt das eine Zeit lang. Doch dann entpuppt sich der lässige Prinz oder die lustige Prinzessin als gewöhnlicher Mensch, unordentlich und fehlerhaft. Zusätzlich hapert es mit der geschworenen ewigen Treue – jeder dritte Deutsche geht fremd. Die Seitensprünge hinterlassen zumindest Verletzungen; wird am Ende eine Ehe geschieden, so erlebt es einer, oft beide, als schweren Schicksalsschlag. Die Scheidungsrate liegt in Frankreich bei 45 Prozent, in Deutschland bei 50 Prozent und in Luxemburg bei 54 Prozent.

Gerade die Frauen sind die Verliererinnen in monogamen heterosexuellen Beziehungen, schreibt die israelische Soziologin Eva Illouz in „Warum Liebe weh tut“. Sie will auf das Verhängnisvolle der Tatsache aufmerksam machen, dass die Beziehung der Geschlechter durch einen Markt bestimmt wird, auf dem sich jeder durch außergewöhnliche Qualitäten an den Mann oder die Frau bringen muss. Dieser permanente Druck, sich als begehrenswert hinstellen zu müssen, löst einen regelrechten Konsumzwang aus: Man gibt Geld aus, um erfolgreich und sexy zu wirken und damit andere an sich zu binden. Und da die heutige Freiheit bei der Partnerwahl zu einer Valorisierung der „attraktiven“ Personen führt, sind die Männer generell im Vorteil. Während der Körper der Frauen früh zum Alteisen gezählt wird, steht den Männern, dank ihrer festeren Verankerung im Berufs- und öffentlichen Leben, eine breitere Altersgruppe offen. Besonders schwer haben es, Illouz zufolge, Frauen, die eine Familie gründen wollen: Vor noch nicht allzu langer Zeit trug es zum Ansehen der Männer bei, wenn sie einen Haushalt gründeten. Heute gewinnen Männer mit höherem Einkommen jedoch ihren Status – abgesehen vom beruflichen Erfolg – vor allem durch demonstrativen Frauenkonsum. Mit der Familiengründung lassen sie sich Zeit. Die Frauen dagegen stehen unter Zeitdruck. So kommt es zu neuen Formen der ungleichen Machtverhältnisse.

Viele, die Bedenken gegen monogamen Beziehungen hegen, lehnen trotzdem die alternative polyamoröse Liebesweise ab. In Internetforen werden die Polyamoren bezichtigt, die permanente Therapie, die ständige Selbsterfahrung, die emotionale Überwachung und die unablässige Kommunikation der eigenen Gefühle zum wichtigsten Lebensinhalt zu machen.   Darauf angesprochen, schüttelt Stefanie den Kopf: „Das finde ich übertrieben. Wir sind doch nicht ständig auf der Suche nach neuen Partnern, wir wollen nur nicht zwanghaft unsere Gefühle unterdrücken.“


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