NOUVELLE CHANSON: Eine Schublade voller guter Songs

Man kann Françoiz Breut zwar vorwerfen dem Genre der Nouvelle Chanson verhaftet zu sein – trotzdem hat sich die Sängerin zu einer eigenständigen Persönlichkeit entwickelt.

Seit Mitte der 1990er Jahre für das Nouvelle Chanson unterwegs: Françoiz Breut.

Französin in den besten Jahren singt und verfasst melancholische Popsongs. So könnte eine Partneranzeige für viele Sängerinnen lauten, die man dem Genre Nouvelle Chanson zuordnet. Françoiz Breut ist keine Ausnahme. Aber sie bestätigt auch den Grundsatz, dass wenn die Schublade, in die man gesteckt wird, zwar nicht unwichtig ist, es aber doch in erster Linie auf die Qualität des Inhalts ankommt.

Die Schublade, in der Françoiz Breut steckt, hat sich auf natürliche Art und Weise geöffnet: In den frühen Neunzigern war Breut durch ihren damaligen Verlobten, den Singer-Songwriter Dominique A, als Background-Sängerin zur Musik gekommen. Er ermutigte sie dazu, ein eigenes Album herauszubringen, und war dann an den Kompositionen ihrer ersten drei Alben maßgeblich beteiligt.

Dominique A selbst gilt heutzutage als einer der Vorreiter der Nouvelle Chanson und war damit der erste Insasse dieser Schublade, die die Musikkritiker im Nachhinein für ihn und viele andere aufmachten. Es war der Versuch, ein Sub-Genre zu definieren, das auf dem großen Fundus des klassischen Chansons basiert und die neuen Kreationen mit modernen Elementen, etwa elektronischer oder alternativer Musik, versetzt. Seit Beginn des Jahrtausends erfreut es sich bei französischsprachigen Singer-Songwritern großer Beliebtheit.

Für Françoiz Breut war die Beziehung zu Dominique A extrem hilfreich, denn sie führte nicht nur zu ihrem 1997 erschienenen Debütalbum, das ihren Namen trägt, sondern auch zu weiteren Kooperationen innerhalb der Szene. Bei ihrem zweiten Album wirkten von Philip Catherine bis Yann Tiersen viele Künstler mit, die selbst schon erfolgreich waren. Für das dritte wurde neben alten Bekannten, wie Jérôme Minière und Philippe Poirier, auch die Band Herman Düne verpflichtet.

Irgendwann jedoch spürte Françoiz Breut die Beengung, die ihre Verortung in dem Nouvelle-Chanson-Genre mit sich brachte. Ihre Stimme, die als ihr Markenzeichen gilt und die als kraftvoll, dunkel und geheimnisvoll, ja sogar als unnachahmbar charakterisiert wird, fand nicht genügend Platz in den Kompositionen, die Dominique A und andere routinierte Komponisten für sie zurechtschneiderten. In einem kürzlich geführten Interview bekannte Breut außerdem, dass sie sich in den für sie geschriebenen Texten nicht mehr wiederfand und ihr die persönliche Nähe zu ihnen fehlte.

Die Konsequenz hieraus lag klar auf der Hand: 2008 veröffentlichte Breut das Album „A l’Aveuglette“, an dessen Kompositionen sie zum ersten Mal beteiligt war und dessen Texte sie selbst verfasste. In Zusammenarbeit mit ihrer Band entstanden, bot es einen Eindruck davon, wer Françoiz Breut wirklich ist: Eine eigenständige Künstlerin mit einer beeindruckenden Stimme. „A l’Aveuglette“ konnte somit als ein natürlicheres Produkt als seine Vorgänger gelten. Musikalisch allerdings war es noch fest im Nouvelle Chanson verankert.

Mit dem 2012 erschienenen Nachfolge-Album „La chirurgie des sentiments“ geht Breut nun noch ein Stückchen weiter: Wieder ist die Sammlung in Zusammenarbeit mit den Mitgliedern ihrer Live-Band entstanden, und wieder legt die Sängerin Wert darauf, Persönliches zu vermitteln. Musikalisch jedoch ist dieses Werk abwechslungsreicher. Von den Musikern selbst aufgenommene Samples werden verwendet und Stimmfilter eingesetzt, fröhliche Rhythmen werden mit Keyboardklängen verziert und mit geschmeidigen Bassläufen untermalt, so dass sich insgesamt ein erfrischendes Mosaik ergibt. Zwar öffnet Françoiz Breut mit ihrer Musik keine neuen Genre-Schubladen – aber das ist auch gut so.

Am 19. Februar im Rockhal Café.


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