AUSSTELLUNG: Vorbild Documenta

Verhaftungen von Bloggern und Dissidenten, Behinderung der Arbeit von NGOs, schwere Einschränkungen der Meinungs-freiheit ? liest man aktuelle Berichte von Nichtregierungsorganisationen zur Situation in den Vereinigten Arabischen Emiraten, kommt man nicht gerade auf den Gedanken, dass die Situation für Gegenwartskunst dort besonders günstig ist. In Sharah findet in diesem Jahr bereits zum 11. Mal eine Kunst-Biennale statt. Die woxx sprach mit Danijel Benjamin Cubelic über Zensur und moderne Kunst im arabischen Raum.

Ernesto Neto: While Culture Moves Us Apart, Nature Brings Us Together, 2013

woxx: In Sharjah, einem der sieben Emirate der V.A.E., findet bereits zum 11. Mal die größte und ehrgeizigste Kunstausstellung der Arabischen Welt statt. Ist ein freies und unabhängiges künstlerisches Arbeiten in den autoritär regierten, konservativen Emiraten überhaupt möglich?

Danijel Benjamin Cubelic: Die Menschenrechtssituation in den Vereinigten Arabischen Emiraten ist nicht unproblematisch und hat auch Auswirkungen auf die dortige Kunstszene. Der langjährige Direktor der Sharjah Biennale, Jack Persekian, wurde noch während der letzten Biennale 2011 auf persönliche Anweisung des Herrschers von Sharjah, Sheikh Sultan bin Mohammed Al-Qasimi III, entlassen. Ursache hierfür war die in der Ausstellung gezeigte Installation „Maportaliche / It Has No Importance“ des algerischen Künstlers Mustapha Benfodil, die Textpassagen enthielt, die von Besuchern als blasphemisch empfunden wurden. Die Arbeit wurde umgehend entfernt.

Ist eine große Kunstausstellung, wie die Sharjah Biennale, also lediglich Marketing, um zahlungskräftige Kulturtouristen anzuziehen und in den internationalen Medien die Menschenrechtsprobleme zu überspielen?

Ich glaube, die Situation ist wesentlich komplexer. Die Präsidentin der Sharjah Art Foundation, die die Biennale organisiert, Sheikha Hoor Al-Qasimi, ist eine Tochter des Herrschers von Sharjah und hat selbst Kunst in London studiert. Dass die Biennale sich von einer regionalen Veranstaltung zu einem global beachteten Kunstevent entwickelt hat, ist ihrem Ehrgeiz zu verdanken. Ihr erklärtes Ziel ist die Förderung von Kunst aus der MENASA-Region (Mittlerer Osten, Nordafrika und Südasien). Als Vorbild für die Sharjah Biennale nennt sie z.B. die Documenta, auch was das Aufwerfen gesellschaftlicher Fragen betrifft.

Aber die Documenta wäre in den V.A.E. allein auf Grund der Zensurvorschriften undenkbar!

Natürlich ist das eine Gratwanderung. Die Sharjah Art Foundation arbeitet in einem äußerst konservativen gesellschaftlichen Klima, in dem die Biennale Akzeptanz finden muss. Die diesjährige Kuratorin, Yuko Hasegawa, Chefkuratorin des Museum of Contemporary Art Tokyo, ist eine Meisterin der Zwischentöne. Bei den über 100 Künstlern und in den 40 speziell für die Biennale in Auftrag gegebenen Arbeiten finden sich zahlreiche Positionen, die sich kritisch mit religiösen und gesellschaftlichen Entwicklungen arabischer Gesellschaften auseinandersetzen. Kritik muss zwar ungleich subtiler geäußert werden, ist aber dennoch auf der Biennale präsent.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel beim Thema Frauenrechte: In der Videoarbeit „Saudi Automobile“ wendet sich die saudische Künstlerin Sarah Abu Abdallah gegen das Autofahrverbot für Frauen in ihrer Heimat, indem sie ? in das traditionelle schwarze Gewand, die Abaya, gekleidet ? ein offensichtlich fahruntüchtiges Autowrack pink bemalt und danach sichtbar wütend auf dem Rücksitz Platz nimmt ? dem ihr in der saudischen Gesellschaft zugewiesenen Platz. In der Installation „sound cells: FRIDAYS“ kritisiert der Ägypter Magdi Mostafa das in einer Freitagspredigt einer Kairoer Moschee vermittelte Bild der Frau als „leeres Gefäß für die Fortpflanzung“, indem er die aus Lautsprechern dringende näselnde Stimme des Predigers durch den Lärm ebenfalls leerer alter Waschmaschinen konterkariert.

„Die Menschenrechts-situation in den Vereinigten Arabischen Emiraten ist nicht unproblematisch und hat auch Auswirkungen auf die dortige Kunstszene.“

Können auch kritische Themen bezüglich der Golfstaaten aufgegriffen werden? 

Ja, wenn auch vorsichtig. So dokumentiert Ahmed Mater die Schattenseiten des Höher-Schneller-Weiter-Baubooms in den Staaten der Arabischen Halbinsel schonungslos am Beispiel der Umwandlung von Mekka in eine Art Pilger-Las Vegas, in dem globale Hotelkonzerne wie Hilton gewachsene Stadtstrukturen beseitigen und dafür in ihren Hotels Zimmer in direkter Nachbarschaft der Moschee und mit Blick auf das Allerheiligste, die Kaaba, für 3000 Dollar pro Nacht anbieten.

Ist es nicht überraschend, dass konservativen Gesellschaften wie Saudi-Arabien so wenig an der Erhaltung des eigenen Erbes liegt?

Ein gesellschaftliches Bewusstsein für Denkmalschutz, das mit unserem vergleichbar ist, entsteht in den Staaten der arabischen Halbinsel erst langsam. In den vergangenen Jahrzehnten des Wirtschaftsbooms hat man die Städte zu einem Experimentierfeld globaler Architektenteams und neoliberaler Stadtplanung gemacht ? unter völliger Missachtung regionaler Architektur-Traditionen oder klimatischer Vorraussetzungen. Das Ergebnis sind neben den bekannten Superlativen, wie künstlichen Inseln und rekordverdächtigen Hochhäusern und Malls, auch weltweite Spitzenplätze beim Verbrauch von Wasser und Energie sowie eine zunehmend kritische Einstellung der einheimischen Bevölkerung, die sich den Städten gegenüber entfremdet fühlt. Nachhaltigkeit wird im Moment auch in den Golfstaaten ein Thema, auch kultursensitives Bauen. Gerade hier sind arabische Künstler gefordert, Diskussionen um die Gestaltung des Gemeinwesens und öffentlicher Räume aufzunehmen und ästhetische Formen zu entwickeln, die auf regionale Vorstellungen eingehen und nachhaltig und zukunftsorientiert sind. Auf der Biennale finden sich zahlreiche Überlegungen dazu. Die Organisatoren der Biennale beauftragten auch das dänische Künstlertrio Superflex mit der Gestaltung eines öffentlichen Platzes. Die Lösung bestand in ­einem Ensemble von Sitzmöglichkeiten und einem Spielplatz, für dessen Ausgestaltung das Trio migrantische Bewohner aus der Umgebung befragten. Der Platz wurde ausnahmsweise von Gastarbeitern nicht nur aufgebaut, sondern auch selbst designt. Die Gestaltung des öffentlichen Raums wird so als demokratisch aushandelbar erfahren.

Sie haben es gerade angesprochen: Migration ist ein weiteres sensitives Thema in den Emiraten. Schlagzeilen machte die Situation der ausländischen Arbeiter ausgerechnet beim Bau der Prestigeprojekte Louvre und Guggenheim Abu Dhabi. Müssen sich Künstler hierzu nicht äußern?

Die oft sozial und rechtlich prekäre Situation der Arbeitsmigranten wird in den Emiraten nicht gerne diskutiert. Die an der Biennale beteiligten Künstler richten den Blick zwar nicht direkt auf die Probleme der meist südasiatischen Migranten, einige der Arbeiten sind aber in direktem Austausch oder in Kooperation mit ihnen entstanden. In seinem Film Dilbar ? meines Erachtens eine der berührendsten Arbeiten der Biennale ? zeichnet Cannes-Preisträger und Documenta-Teilnehmer Apichatpong Weerasethakul ein persönliches Portrait eines Arbeiters, der an der Baustelle eben jener Ausstellungsgebäude beschäftigt war, in der die Biennale jetzt stattfindet. Damit holt Weerasethakul aber auch die Migranten aus ihrer Gesichtslosigkeit hervor und zwingt die emiratische Gesellschaft, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Wer sind die Besucher der Biennale? Wird sie vor Ort wahrgenommen?

Genaue Besucherzahlen gibt es nicht, da die Biennale kostenlos ist. Die Sharjah Art Foundation versucht dezidiert, die Bewohner für die
Biennale zu begeistern. In der ganzen Stadt wird über die Veranstaltung informiert, und es gibt zahlreiche museumspädagogische Angebote. Dennoch ist die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst und das Konzept der Biennale als einer Plattform, in der trotz der Zensur wichtige Themen für die Zukunft der Emirate auch von den Besuchern kritisch diskutiert werden können, für viele Emiratis ungewohnt. Aber genau hier wird es ja spannend: Mit dem ökonomischen Aufstieg der Emirate, aber auch Chinas, Indiens und Südostasiens seit den frühen neunziger Jahren haben sich Kunstinstitutionen, wie Messen, Biennalen, Akademien und Galerien, in rascher Folge global verbreitet. Damit einhergehend findet aber auch eine Veränderung der Produktionsbedingungen von Kunst und ihrer Kommunikation statt. Auch Kunst ist heute global, die Sharjah Biennale ist hierfür ein Beispiel: Sie hat das ehrgeizige Ziel, neue Netzwerke zwischen Kunstproduzenten Afrikas, arabischer Gesellschaften und Asiens zu schaffen. In Metropolen wie Dubai bildet sich eine neue Schicht von Künstlern und Konsumenten, die neue Zugangsformen zur Gegenwartskunst entwickeln. Welche Rolle Kunst in diesen Gesellschaften spielen wird und ob sie ihr kritisches Potenzial erhalten kann, wird sich erst noch zeigen müssen.

Die Kunst-Biennale in Sharjah läuft noch bis zum 13. Mai 2013.


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