FAMILIENMODELLE: Andere Wege

Nicht in allen Familien trifft man auf Vater, Mutter und leibliche Kinder, und nicht immer ist die Mutter die Haupterziehende. Viele Eltern entschließen sich zur Adoption. Immer mehr Väter nehmen eine Elternzeit. Eltern sind zunehmend alleinerziehend. Ist das klassische Familienmodell überholt?

Gibt es sie überhaupt noch, die klassische, heile Familie?

Es ist 19 Uhr, in der schwülen Abendluft ist Carine, in lässiger sommerlicher Arbeitskleidung, gerade dabei, den Rasen zu mähen. Ihr Sohn häuft das schon gemähte Gras auf einen Anhänger. Sie sieht mich und bittet mich, ihr in das Wohnzimmer zu folgen. Das Licht bleibt ausgeschaltet, wir sitzen im Halbdunkeln am Wohnzimmertisch.

Die ausgebildete Krankenschwester, Erzieherin, Trauerbegleiterin und Familienberaterin ist seit acht Jahren alleinerziehend. Ihr Mann ist im Frühling 2005 völlig unerwartet am Arbeitsplatz gestorben. „Ich hab mir nie Gedanken darüber gemacht, wie es wohl ist, alleinerziehend zu sein, ich war in einer glücklichen Beziehung“ sagt die zweifache Mutter.

Heute betrachtet Carine die Sache jedoch auch aus einer beruflichen Perspektive. Als Familienberaterin, vor allem von Familien im Ehescheidungsprozess, und aus persönlicher Erfahrung kann sie einiges über dieses Thema berichten. „Damals vor acht Jahren kam von staatlicher Seite wenig Unterstützung. Es gab beispielsweise noch keine Maison Relais für meine Tochter. Mein Sohn konnte allerdings ins Neie Lycée, eine Ganztagsschule, gehen, in der er auch seine Hobbys ausleben konnte. Doch auch das Neie Lycée gab es damals erst seit einem Jahr.“

„Das soziale Umfeld reagiert ausschließlich positiv auf meine Entscheidung. Einige Väter meinten auch, dass sie es schön gefunden hätten, wenn sie mehr Zeit für ihre Kinder gehabt hätten“.

Sie hatte Glück, versichert sie, dass viele Nachbarn bereit waren, ihr zu helfen. Eine Mutter aus dem Dorf kochte ganz selbstverständlich öfters für ihre Tochter mit. Die ehemalige Tagesmutter, die nur ein paar Häuser entfernt wohnt, holte bei Bedarf die Kinder von der Schule ab. Außerdem veränderte sich die Beziehung zu den Kindern stark. Durch das geteilte Leid festigte sich die Bindung, zusätzlich benötigten die Kinder allerdings auch mehr Sicherheit und Geborgenheit. „Jeder musste zudem seine sozialen und handwerklichen Fähigkeiten neu einbringen.

„Mein Sohn tendierte dabei manchmal dazu, eine Männerrolle einzunehmen. Das wollte ich dann aber eigentlich nicht,“ führt Carine aus. Anfangs fiel es ihr schwer, als Alleinerziehende ganz auf sich allein gestellt zu sein. Zudem befand sie sich damals mitten in ihrer Zusatzausbildung zur Erzieherin, so dass ihre finanzielle Lage etwas prekär war. „Geldsorgen sind zusätzliche Sorgen zu den ohnehin schon vielen Schwierigkeiten, die diese Situationen mit sich bringen. Vor allem geschiedene Frauen haben es schwer, ihre Wohnkosten zu begleichen. In Luxemburg müsste es unbedingt mehr Sozialwohnungen geben,“ erläutert sie. Deshalb entschied sie sich damals, vorübergehend eine Wohngemeinschaft in ihrem Haus zu gründen. Zwei Freundinnen, die ebenfalls den Erzieherberuf erlernten, zogen ein, so fanden alle gegenseitige soziale und finanzielle Unterstützung.

„Mein Apfel ist verschwunden. Wo ist mein Apfel?“, fragt die 3-jährige Leonie. „Ah, hier ist mein Apfel! Und warum sitzt Du eigentlich bei uns im Wohnzimmer?“, will der Krauskopf anschließend wissen. Ich erkläre ihr also, dass ich von ihrem Vater erfahren möchte, wie das so ist, wenn man im Vaterschaftsurlaub ist.

Ganz enthusiastisch beginnt Philip, der ausgebildete Jurist, zu erzählen: „Der Vaterschaftsurlaub ist eine tolle Sache. Jeden Tag passiert etwas Neues. Zwar braucht man eine Engelsgeduld, aber vieles geht von selbst.“

Der junge Vater arbeitet einige Stunden pro Woche von zu Hause aus als Softwareentwickler, gesteht aber ein, dass er, wenn er alleine mit den Kindern ist, neben dem Haushalten und der Kinderbetreuung nichts parallel erledigen kann.

Seit ihrer Geburt kümmert sich der Vater um Leonie und die ein paar Monate alte Elisa. Er dachte anfangs, dass die Kinder möglicherweise anders auf die Betreuung durch den Vater reagieren würden als auf die durch die Mutter, aber das habe sich nicht bestätigt. „Und sie interessieren sich für alles. Für die Werkzeuge, die ich brauche, wenn ich am Auto rumschraube, was sich in welchem Schrank in der Küche befindet und was die Frau an der Kasse nebenan im Supermarkt einkauft.“

„Ich wollte eigentlich schon immer ein Kind adoptieren, und nachdem mein erster Sohn geboren war und ich wusste, dass ich auf biologischem Weg keine Kinder mehr bekommen würde, haben wir ein Kind adoptiert.“

Regelmäßig nimmt er an Workshops und Spielnachmittagen der Initiative Liewensufank teil – einem Verein mit der Zielsetzung, die Bedingungen rund um Geburt und Elternschaft zu verbessern. Ihm ist der Austausch mit anderen Vätern und Müttern wichtig, denn „auf Google findet man zum Teil abstruse Ratschläge. Vor allem, wenn man etwas über mögliche Krankheiten herausfinden möchte, findet man jegliche Diagnosen. Da bringt ein Gespräch mit anderen Eltern schon mehr.“ Zudem rät er angehenden Eltern, den Kindern zu vertrauen und auch sich selbst zuzutrauen, dass man intuitiv vieles richtig macht.

„Man braucht viel Geduld, zuerst die jahrelange Vorbereitung, und wenn es dann fast soweit ist, wartet man sehnsüchtig auf die endgültige Adoption.“

Von den staatlichen Institutionen fühlt er sich ausreichend unterstützt, die Familie ist finanziell abgesichert, in der Gemeinde Oberanven befindet sich ein großer Spielplatz, „und es gibt eine Windelprämie; die Entsorgung der Windelberge ist in dieser Gemeinde günstiger,“ lacht er.

Philip kennt nur drei bis vier Väter, die wie er Vaterschaftsurlaub genommen haben „doch das soziale Umfeld reagiert ausschließlich positiv auf meine Entscheidung. Einige Väter meinten auch, dass sie es schön gefunden hätten, wenn sie mehr Zeit für ihre Kinder gehabt hätten“. Leonie ist müde und hungrig und fängt an, mit einem roten Tretauto kreuz und quer durch die Wohnung zu rasen. Es wird Zeit zu gehen.

„Ich wollte eigentlich schon immer ein Kind adoptieren, und nachdem mein erster Sohn geboren war und ich wusste, dass ich auf biologischem Weg keine Kinder mehr bekommen würde, haben wir ein Kind adoptiert“ erläutert Marion Stehr (Name von der Redaktion geändert).

Im Oktober 2010 reiste Marion nach Haiti, um ihren Sohn Johnny zum ersten Mal zu sehen. Viele Fotos und Berichte hatte die Familie in den Jahren zuvor erhalten, um sich auf die Adoption vorzubereiten. Doch die Zeit zwischen Oktober und der eigentlichen Adoption, die im Dezember stattfand ? nach weiterer Verzögerung wegen des Erdbebens in Haiti ?, war sehr schwer: „Man braucht viel Geduld, zuerst die jahrelange Vorbereitung, und wenn es dann fast soweit ist, wartet man sehnsüchtig auf die endgültige Adoption.“

In der Vorbereitungszeit wurden sie von Psychologen und Sozialarbeitern der Croix Rouge begleitet. Diese prüfen regulär Antragsteller auf ihre Eignung. Insgesamt 113 Familien haben 2012 einen Antrag auf Adoption bei der Croix Rouge gestellt. Nur sieben haben schließlich ein Kind adoptiert.

Die Croix Rouge führt psychologische Tests durch, bewertet die finanzielle Lage der zukünftigen Eltern und besichtigt regelmäßig ihre Wohnungen. „Es werden auch Kurse angeboten für zukünftige Eltern, aber ich weiß nicht, ob die so viel bringen, denn auf den Willen zu adoptieren kommt es an, und wer adoptieren will, kniet sich ins Thema rein und informiert sich,“ meint die gelernte Kauffrau dazu.

„Als ich den Adoptionsvorschlag mit dem Foto in der Hand hielt, hab ich gesagt: jetzt sind wir zum zweiten Mal Eltern geworden!“

Familie Stehr hat sich zudem ausgiebig mit dem Land Haiti beschäftigt, „denn zu Beginn hatte Johnny noch andere Gewohnheiten. Zwar verträgt er alle Lebensmittel unserer Breitengrade, doch die Kälte unserer Winter – 2010 kam er bei -20° nach Luxemburg – hat ihn deutlich zum Bibbern gebracht“ erklärt sie. Sie hofft, dass sich ihr Sohn später mit seinem Herkunftsland beschäftigt. Über das Kinderheim könnte sogar der Kontakt zu seiner Großmutter in Haiti hergestellt werden. Diese hatte ihn, nachdem die Mutter verstorben war, wenige Monate nach seiner Geburt ins Heim gebracht. „Manche Menschen führen bestimmte Eigenschaften des Kindes auf seine Adoption zurück, z.B. dass er vielleicht manchmal distanzierter ist. Doch das ist nur eine mögliche Erklärung, es kann auch ganz einfach sein Charakter sein. Ich kann nicht ständig behaupten, er sei anders, weil er adoptiert ist, denn dann würde ich ja bewusst einen Unterschied zwischen ihm und meinem ersten Sohn machen.“ Wenn eine Frau ein Kind zur Welt bringt, weiß sie normalerweise bei der ersten Berührung des Kindes, dass sie Mutter geworden ist; adoptiert man ein Kind, ist das anders: „Als ich den Adoptionsvorschlag mit dem Foto in der Hand hielt, hab ich gesagt: jetzt sind wir zum zweiten Mal Eltern geworden!“, erläutert Marion Stehr.

Die Croix Rouge vermittelt keine Adoptivkinder an Eltern, die lediglich Heimkindern helfen wollen, dies sei eine falsche Motivation. Trotzdem bleibt es schwer, sich von karitativen Gedanken gänzlich frei zu machen. So berichtet Stehr, dass luxemburgische Adoptiveltern die A.S.B.L. Angels for Haiti gegründet haben. Diese Organisation unterstützt Geschwister und Verwandte von Kindern, die nach Luxemburg zur Adoption gegeben wurden.

An dem großen Holztisch, an dem das Gespräch mit Marion Stehr stattfand, können mindestens acht Personen sitzen. Kein Zufall, denn bald werden die Stehrs zwei weitere Kinder zur Pflege aufnehmen. Eine Großfamilie sein zu können, betrachten Marion und ihr Partner als Bereicherung – ganz unabhängig davon, auf welchem Weg die Kinder unter ihr Dach kamen.


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