ZEITGENÖSSISCHE MUSIK: Recyclingkünstler

Als Allroundtalent mit einer über fünfzigjährigen Karriere kann Michael Nyman auf ein riesiges, abwechslungsreiches Repertoire von moderner klassischer Musik und Filmmusik zurückgreifen, die er nicht nur selber komponiert hat, sondern auch – mit seiner Hausband ? selbst spielt.

Kreativer Umgang, sogar mit den eigenen Kompositionen: Michael Nyman

Obwohl Nyman, veritables Londoner Urgestein und Träger des Verdienstordens Order of the British Empire, hauptsächlich für seine Musik bekannt ist, hat er im Verlauf seiner Karriere doch noch in vielen anderen Rollen agiert. Als Musikkritiker hat er den Begriff des musikalischen Minimalismus eingeführt, der auch auf viele seiner eigenen Werke zutrifft. Als Autor eines Buches über den Einfluss von John Cage auf Komponisten klassischer Musik hat er zur Erweiterung dieses Begriffs beigetragen. Als Fotograf hat er seine Leidenschaft für Musik in Bildern festgehalten und als Filmemacher seine eigene, moderne Interpretation alter experimenteller Dokumentarfilme geschaffen. Und schließlich hat er sich auch für die Legalisierung von Marihuana eingesetzt.

Im Mittelpunkt seines kreativen Schaffens stand jedoch immer die Musik. 1961 wurde der junge Nyman an der Royal Academy of Music angenommen und spezialisierte sich auf Barockmusik und Klavier – das Instrument, an dem er bis heute seine Musik komponiert. 1976 gründete er die Campiello Band, den Vorgänger der Michael Nyman Band, mit der er seitdem tourt und für die er viele Stücke, von Kammermusik bis zu Liedzyklen, schrieb. Darüber hinaus schuf er Opern, war Hauskomponist am Badischen Staatstheater in Karlsruhe und arbeitete mit Künstlern wie Blurs Damon Albarn und Sänger David McAlmont zusammen.

Bekannt ist Michael Nyman aber vor allem für seine Filmmusik. Die Soundtracks, die er für seinen Freund, den Filmregisseur Peter Greenaway, in den 1980ern und 1990ern schuf, zeigen unverwechselbar seine Handschrift. Die Musik zu Filmen wie „The Draughtsman Contract“ und „The Cook, the Thief, his Wife and her Lover“ hat deutlich barocke Züge und zeichnet sich durch einen kreativen Gebrauch der Instrumente aus. „Ein Instrument kann in einem Moment perkussiv sein, im nächsten lyrisch, es kann die Melodie tragen und plötzlich zur Rhythmusgruppe werden“, erklärte Nyman in einem Interview. „Da sich meine Musik direkt aus dem Klavierspiel entwickelt, denke ich eher im Sinne von Ansatz, Dynamik und Artikulation als daran, wie die Klangfarben wirken.“

Andere seiner Filmmusiken, zum Beispiel die für den Hollywoodfilm „Gattaca“ von Michael Winterbottom, für die Kinder-Fernsehserie „Titch“ oder Neil Jordans „The End of the Affair“, basieren zwar auf der gleichen Vorgehensweise, sind jedoch von den Wünschen und Bedürfnissen der Regisseure und ihrer jeweiligen Filme beeinflusst. In einem Interview verglich sich Nyman, der zu jedem Film eine passende musikalische Adaption zu finden scheint, mit einem Zehnkämpfer, der aus bestimmten Gründen gezwungen ist, sich auf lediglich drei Sportarten zu beschränken. Sein bisher erfolgreichster Soundtrack, der mehr als drei Millionen Mal verkauft wurde, ist „The Piano“. Es stellt gleichzeitig die anspruchsvollste Filmmusik seiner Karriere dar, da das Klavier im Film als Stimme des stummen Hauptcharakters fungiert und so persönliche Emotionen und Gedanken musikalisch ausdrückt.

Nymans endlos erscheinende Schaffenskraft und Kreativität sind nicht göttlichen Eingebungen zu verdanken, sondern seinem genialen Hang zur Wiederverwertung. Jedes seiner Stücke, so Nyman in einem Interview, enthalte Materialien, Ideen oder kleine Details, die, in einem anderen Licht gesehen, zu einer neuen Kreation werden können. „Oft merke ich, dass besonders modulare Motive oder harmonische Sequenzen aus einem Werk herausgenommen und in ein anderes eingesetzt, auf den Kopf gestellt und auf eine komplett andere Art gesehen werden können.“ So zieht der Komponist seine Inspiration sowohl aus den Filmen und der Produktion seiner Kollaborationspartner als auch aus dem eigenen Oeuvre.

Wer wissen möchte, welche Stücke er für sein Konzert mit der Michael Nyman Band am Samstag in der Rockhal aus der Recycling-Schublade zieht, geht am besten selbst hin.

Am 9. November in der Rockhal.


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