THEATER: Ich glaub, mich tritt ein Mensch

Der erste Teil von Anne Simons Diptychon über Männer, Pferde und Ideale, nach einem Stück von Sam Shephard, heißt „Begrabt mein Pferd in La Mancha“. Die woxx hat sich die Proben angeschaut.

Der Don darf hier ncht rein …

Wie immer redet sie schnell: Wer Anne Simon in ihrer Argumentation folgen will sollte ausgeschlafen sein, denn es ist eine wilde Fahrt durch die Literaturgeschichte, in der Assoziationen geknüpft werden, die von der hiesigen Kulturszene bis hin zum Olymp der zeitgenössischen Kunst reichen. „An sich wollte ich ja Don Quijote inszenieren. Da dieses Werk aber so massiv ist, fragte ich mich, wovon ich ausgehen könnte. Zwei Dinge habe ich zurückbehalten: Kafkas Idee, nach der Don Quijote nur eine Erfindung von Sancho Pansa sei – eine Fantasiegestalt, mit der er sich über seine traurige Existenz hinwegtrösten wollte. Und dann, wenn man von Sancho Pansa ausgeht, der sein Leben im Schatten des Pferdes seines Meisters fristet, haben wir – Steve Karier, mein Hauptdarsteller und ich – uns gefragt, was passieren würde, wenn das Pferd den Geist aufgibt. Und von diesem Bild ausgehend, ist mir wieder eingefallen, dass der Schriftsteller Ian De Toffoli mir ein Theaterstück empfohlen hatte, in dem ein Mann und sein ?totes Pferd die Hauptrollen spielen“, erklärt sie.

Das Werk nennt sich „Kicking a Dead Horse“ von Sam Shephard. Im Stück versucht Hobart Struther, ein gescheiterter Kunsthändler, die Authenzität des Lebens wiederzufinden, indem er mit seinem Pferd durch die Wüste galoppiert. Leider verschluckt sich das Tier an einem Haferballen und fällt tot um. Struther muss nun das Pferd, mitten im Nirgendwo, beerdigen und beginnt einen Monolog, besser gesagt, einen Selbstdialog, über den amerikanischen Traum – den er schlussendlich zusammen mit dem Pferd begräbt. Und hier landen wir wieder, per Analogie, bei Don Quijote – so sieht es zumindest Anne Simon: „Was mich hier interessiert, ist der Unterschied zwischen dem amerikanischen und dem europäischen Traum. Don Quijote verkörpert für mich den, zwar auch unerfüllten, aber trotz allem edlen Traum des europäischen Rittertums. Des Kampfs gegen Windmühlen und für Ideale. Ideale die so stark sind, dass sie auch bei Sancho Pansa eine Änderung der Geisteshaltung verursachen. Versucht dieser am Anfang noch, seinen Meister davon abzuhalten, sich in aussichtslose Kämpfe zu stürzen, so feuert er ihn am Ende selbst an. Wohlgemerkt, dies soll kein Kommentar zu den politischen Zuständen in der europäischen Union sein. Auf der amerikanischen Seite ist dieser Traum von Anfang an korrupt, weil er auf Mord, Landraub und (Selbst)lüge basiert“.

Also Amerika pfui, und Europa hui? Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, bedarf es nicht unbedingt einer Achterbahnfahrt durch unzählige Referenzen. Trotzdem, Anne Simons Stück ist doch mehr als ein simplistisches politisches Statement. Das wird spätestens klar, wenn man die ersten Szenen sieht. Steve Karier torkelt auf dem schmalen Grat zwischen Tragik und Komik durch einen Monolog in bester Beckett-Tradition und gibt tiefe Einblicke in die geschundene Seele eines vom Träumen müde gewordenen, vom Leben angewiderten Menschen im Niemandsland. Die Musik von Emre Sevendik, mit einem Hauch von Folk und Western, ummantelt dieses traurige Spiel diskret und effektiv. Das von Anouk Schiltz erdachte, verträumte Bühnenbild tut dasselbe auf seine Weise. Wer den Untergang des „American Dream“ nicht verpassen will, sollte sich nächste Woche im Kapuzinertheater einfinden. Wer eher auf den edlen Euro-Ritter abfährt, muss sich bis März 2014 gedulden – dann kommt Don Quijote, mit Alexander Scheer (bekannt aus dem Film „Sonnenallee“) und Steve Karier in den Hauptrollen. Im März wird „Begrabt mein Pferd in La Mancha“ übrigens noch einmal gespielt.

Im Kapuzinertheater am 18. und 25. November.


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