RÉCKBLÉCK: Unwörter des Jahres

2013 war nicht nur das Jahr der ungeplanten Neuwahlen, es brachte uns auch einige neue Wortschöpfungen. Oder es wurden alte, tabubehaftete Begriffe aus der Mottenkiste des politischen Diskurses wiederbelebt. Vor 2014 kann uns nur Angst und Bange werden.

Silosmentalitéit

(rg) – Was Juncker die „Konsensanalyse“ ist Bettel die „Silosmentalitéit“. Immer dann wenn der alte und später der neue Premierminister in den vergangenen Monaten vor die Presse traten, entglitt ihnen dann und wann ihr ganz persönliches Unwort des Jahres. Doch während die Konsensanalyse – gemeint war der nicht näher beschriebene Prozess, wie die Gewerkschaften dazu gebracht werden könnten der Abschaffung des Index in der bekannten Form, die sowieso stattfindet, zuzustimmen – sogar Eingang ins CSV-Wahlprogramm erfuhr, tauchte die Silomentalität bei Bettel nur in der gesprochenen Kommunikation auf. Doch das gleich mehrfach, nämlich anlässlich fast jeder Pressekonferenz, die er im Laufe der Koalitionsverhandlungen abhielt. Da Inhaltliches nicht verraten werden durfte, hob Bettel vor allem methodologische Neuerungen hervor. Und eine Änderung sollte eben das einseitige, nur auf den eigenen Nabel gerichtete Denken in den Ministerien betreffen: Statt wie hinter hohen Silowänden zu sitzen, sollen die Regierungsmitglieder, aber auch die Verwaltungen, mehr zusammenarbeiten. Nun geht es Bettel sicherlich um mehr, als den Spaß bei der Arbeit. Andere nennen diese Form der politischen Zusammenarbeit auch ein Streben nach mehr Kohärenz. Dass die eine Hand weiß, was die andere tut. Ob es Bettels Team aber gelingen wird, die Silowände ein für alle mal abzureißen? Den entscheidenden Schritt, ein Staatssekretariat für Kohärenzfragen einzurichten, hat Blau-Rot-Grün jedenfalls nicht getan. Dafür bekommt der Premier aber jetzt einen „Dir. Comm.“, der vorher Radiochef war. Vielleicht werden dann zumindest die Reden kohärenter.

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Vrai de vrai

(lc) – Ce n’est probablement pas le mot le plus marquant contenu dans le programme gouvernemental. Mais cela n’empêche pas le lecteur de buter souvent sur ce gentil petit mot multi-cartes, qui peut servir aussi bien d’adjectif que de nom masculin et d’adverbe. Et on est dans le droit de se demander ce qu’un mot pareil vient faire dans un programme gouvernemental, surtout si son usage est tellement hypertrophié. Si on regarde de plus près, on constate qu’il est surtout utilisé dans des contextes où le nouveau gouvernement veut se démarquer de l’ancien. Ainsi quand, dans le chapitre dédié à la culture, le gouvernement promet la mise en place d’« une vraie politique culturelle », qu’est-ce que cela veut dire ? Que les gouvernements précédents avaient tout faux ? Ou que le présent gouvernement a pris un abonnement à tout ce qui est vrai et beau de surcroît ? Ce sont un peu ces deux idées qu‘insinue ce choix linguistique. Mais attention, cela peut très bien se transformer en handicap de taille – il est toujours facile de parler du « vrai », de désigner le « vrai ». Mais les problèmes commencent quand il faut le faire… vraiment.

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Soziale Selektivität

(avt) – Wahrscheinlich ist es mal wieder meine selektive Wahrnehmung, aber bei „Selektion“ (lateinisch: Auslese) denke ich an tolle Weine oder aber – na ihr wisst schon: die Guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Bei „sozial“ , was der Duden als „wohltätig und gemeinnützig“ übersetzt, landläufig jedoch viel positiver besetzt ist – obschon durch die Loscht-op-Muer-Sozialisten ebenfalls pervertiert – und im allgemeinen Sprachgebrauch eine eher karitative Bedeutung hat, spontan an alle Parteien in Luxemburg. Mal im Ernst „soziale Absichten“ haben doch nach eigener Bekundung alle. Die soziale Selektivität hat allerdings die DP für sich gepachtet. Aber wie kommt man nur darauf, zwei so gegensätzliche Begriffe zu einem Wahlkampf-Schlagwort zu machen? Wen bitte schüttelt es nicht bei „sozialer Selektivität“? Heißt das nicht, die Un- oder „Asozialen“ werden ausgesondert und nur die Besten und Leistungsstärksten sollen künftig von Papa Staat profitieren? Schon gut, ich habe es mittlerweile verstanden. Die DP (in ihrem Wahlprogramm) und Gambia (im Koalitionsabkommen) meinen es nur gut. Sie meinen mit diesem verschwurbelten Begriffskonstrukt, das sich aus zwei antithetischen Begriffen zusammensetzt, eigentlich das Gegenteil, nämlich: Auch die sozial Schwachen sollen in den Genuss einer guten Ausbildung kommen. Leistung spielt dabei dann doch irgendwie eine Rolle, denn wer besser ist, als die anderen, bekommt bessere Chancen. Richtig? Aber warum sprechen sie dann nicht gleich von „gezielter Förderung“? Oder, wenn es denn partout ein cooler englischer Begriff sein soll, von „social targeting“?

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Blocages

(lm) – Le renouveau politique annoncé par le gouvernement est dirigé contre les « blocages » qui empêchent les changements nécessaires. L’impression d’un Luxembourg verrouillé par la domination du CSV n’est pas fausse, encore faudrait-il savoir de quels blocages on parle… et lesquels on passe sous silence. Pour l’IVG, l’éducation aux valeurs, le mariage homo et d’autres sujets sociétaux, les choses vont bouger… mais il faut admettre qu’elles bougeaient déjà (un peu) avec le CSV. Côté transparence, protection de la vie privée, style politique, il s’agissait de laisser-aller plutôt que d’un blocage – espérons que le gouvernement fera le ménage. Quant aux blocages inspirés du libéralisme économique, comme l’idée fixe de la désindexation, le tabou de l’imposition des ménages aisés, l’approche marchande des défis du logement, ce n’est pas ce gouvernement qui les surmontera. Pas plus que le blocage européen en matière de fiscalité de l’épargne, que le nouveau gouvernement s’est engagé à maintenir. Par contre, il a promis de débloquer les procédures en matière d’aménagement du territoire – au service du secteur privé et de la croissance. Justement, l’obsession de croissance et la dépendance du pétrole ne bloquent-elles pas la transition économique indispensable ? Et quid des réformes scolaires qui risquent d’être… rebloquées ?

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“Fräie Mann”

(rw) Endlich frei! Während andere Männer sich beherzt die Zwangsjacke der Regierungsverantwortung überziehen, atmet Jean-Claude Juncker tief durch. Ah! Schluss mit der Verantwortung: Soll Luxemburg doch sehen, wie es zurecht kommt ohne seine väterliche Führung der letzten drei Jahrzehnte. Schluss mit der lästigen Kontrolle des Geheimdienstes,  dieser Ansammlung von Unfähigen. Schluss mit dem permanenten Argwohn, in anderer Leute Armbanduhren, Handys, Feuerzeugen oder Füllfederhalter könnten Wanzen versteckt sein, um des Premiers unergründliche Wege zu kontrollieren. Ich ticke, wie ich will! Schluss auch, nun kann er es ja sagen, mit dieser Gurkentruppe von CSV-Fraktion. Jean-Claude Juncker ist ein freier Mann: Ok, die Wahlen hatte er gewinnen wollen mit seinem immerwährenden Einsatz für die Heimat, doch wie stets hatte niemand bei seinen gedrechselten Aussagen das Kleingedruckte mitgekriegt. Aber nun ist es Zeit für die Auflösung des Juncker’schen Worträtsels. Also, es war so: Er wäre nur Oppositionsabgeordneter geworden, wenn die CSV zur Zehnprozentpartei geschrumpft wäre und er Michel Wolter losgeworden wäre. Man kann es nicht oft genug sagen: „E fräie Mann“ ist er, und für den ist es Zeit, die Pferde zu satteln. Es lockt der Geschmack von Freiheit und Abenteuer  – in den Brüsseler Korridoren.


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