DESIGN: Im Dienst des Kommerz

Ist Design nicht der vollendete Ausdruck eines dekadenten Lebensstils? Wer braucht schon Designermöbel, Designerklamotten oder das luxuriöse Teekännchen? Niemand! Schon gar nicht in der Krise, lautet die Antwort der Ausstellung „Never for Money, Always for Love“ im Mudam. Statt auf überteuerten Tand zu setzen, präsentieren die luxemburgischen und portugiesischen KünstlerInnen der Schau nachhaltiges Design.

Beichtstuhl aus Kork von Bruno Carvalho

Spiegelt „Design“ unser Konsumverhalten wider? „Jede Ästhetik, alle Kultur steht im Dienste des Kommerzes“ so die zugespitzte These Anselm Jappes‘. In der heutigen Zeit ist Design Sinnbild des Turbokapitalismus in der Kunst, meint der Philosoph, dessen These(n) dreizehn DesignerInnen aus Portugal und Luxemburg gewissermaßen als Leitmotiv genommen haben. Mit ihren Entwürfen setzen sie bewusst einen Kontrapunkt zum herrschenden Konsumzwang, indem sie traditionelle Produktionsformen des Designs in den Blick nehmen und versuchen, Alternativen zum dekadenten Design zu finden.

In der Ausstellung „Never for Money, Always for Love“ haben die dort mit ihren Entwürfen vertretenen DesignerInnen versucht, Projekte zu entwickeln, bei denen „Kreativität Hand in Hand mit gesellschaftlicher Verantwortung geht und die auf Werten wie Nachhaltigkeit, Interaktion und Partizipation beruht“, fassen es die Kuratoren der im Rahmen von „Design City 2014 – LXBG Biennale“ konzipierten Schau zusammen. Die größtenteils eigens für die Ausstellung im Mudam realisierten Projekte kreisen so um zentrale Erfordernisse, denen sich ein „nachhaltiger Designansatz“ zu stellen hat, also die Entwicklung alternativer Strategien mit den verfügbaren Ressourcen, die Rekontextualisierung traditioneller Objekte und Know-hows, eine neue Wertschätzung für limitierte Auflagen und Einzelstücke sowie die Einbeziehung sozialer Arbeit in die Entwicklung ihrer Projekte.

So hat Bruno Carvalho einen Beichtstuhl, Inbegriff eines strenger sozialer Kodierung unterworfenen Möbelstücks, in ein Designobjekt aus dem für Portugal typischen Werkstoff Kork verwandelt. Auf beiden Seiten des Beichtstuhls befindet sich eine eingebaute Kamera, die den Betrachter filmt. Gewitzt macht Carvalho so deutlich, wie sehr durch die neuen Kommunikationstechnologien Realität, Virtualität und Spiritualität zu einem Amalgam verschmelzen und wie selbstverständlich mittlerweile die virtuelle Projektion für das wahre Abbild des Gegenübers gehalten wird. Mit „Revolution“ reagiert Bernardo Gaeiras auf die maßlose Überproduktion von Konsumartikeln, indem er die Aufgabe des Designers, Form zu geben, auf den Bereich der Illusion ausweitet. Gilles Gardula hat ein symbolisches Objekt konzipiert, in dem sich die luxemburgisch-portugiesischen Beziehungen und der Wert manueller Kunstfertigkeit widerspiegeln. Die äußerst ökonomisch zu betreibende Heizglocke hat einen isolierten Boden aus Kork, einen eisernen Wärmekörper, der in der luxemburgischen Gießerei Massard von portugiesischen Gastarbeitern angefertigt wurde, und einen Glaskörper, der aus bauchigen portugiesischen Weinflaschen besteht.

Auch „Copier/Couler“ von Anne Genvo und David Richiuso, ein Projekt erklärten Anti-Designs, verweigert sich explizit den Verfahren der üblichen industriell-normierten Massenproduktion. Die KünstlerInnen führen einen alternativen, einfachen Mechanismus vor, mit dem in einem vereinfachten Abdruckverfahren individuell geformte Gefäße in Gips, Beton, Ton oder ähnlichen Materialien hergestellt werden. Und selbst beim Kleidermode-Design haben die KünstlerInnen die Nachhaltigkeit in den Vordergrund gestellt. Für „Coco“ arbeitete die Luxemburger Designerin Anne-Marie Herckes mit der Burel Factory zusammen, die seit 2010 im portugiesischen Dorf Manteigas in der traditionsreichen Wollfirma Lanificios Império Textilien und Filzprodukte herstellt und so lokale Arbeitsplätze und handwerkliche Kultur bewahren hilft. Herckes greift mit „Coco“ auf ihre Methode zurück, Ikonen der Modegeschichte miniaturhaft zu neuen Formen zu arrangieren. Die vervielfältigte Silhouette des berühmten Chanel-Kostüms wird so zu einem Wandbehang aus Filz. Les M (Céline Merhand & Anaïs Morel) haben sich Gedanken zum übermäßigen Wasserverbrauch von Toilettenspülungen gemacht, der gerade in Luxemburg einen europäischen Höchstwert erreicht. Als formschöne Boje verdrängt ihr Projekt „Balise, 2014“ im Spülkasten Wasser und ist zugleich korrosionsfester und beständiger als die dort üblicherweise deponierten Gegenstände.

Eine überzeugende Verbindung von sozialer Arbeit und nachhaltigem Modedesign bietet das Projekt von Lynn Schammel, das in Zusammenarbeit mit der Modedesignerin Daniela Pais entstanden ist und von Léa Goeders von der Association Autisme Luxembourg betreut wird. Beliebteste Form des Ausdrucks für eine junge autistische Frau sind farbige Punkte, bevorzugt auf T-Shirts. Im Medialab kann man in einem Video sehen, wie diese Frau die T-Shirts mit Punkten bemalt. Schammels Szenographie „Elementum“ veranschaulicht, wie gut die Wiederholung bestimmter Gesten zu Pais‘ Kleiderstücken passt und zugleich autistischen Menschen als kreative Ausdrucksform dienen kann.

Ganz im Sinne Jappes‘ folgen die Projekte der DesignerInnen so einem nicht-künstlichen Design-Konzept, das auf Recycling, Verwendung natürlicher Materialien und bewusster Kargheit beruht. Doch obschon die Idee überzeugt, wirken die diffus arrangierten Design-Projekte im Mudam wenig nach. Was bleibt, ist vielmehr Skepsis, ob Design in einer nachhaltigen Variante tatsächlich eines Tages in den Dienst der Gesellschaft gestellt wird oder es nicht vielmehr das Wesen des Designs ist, (Kunst-)Stil einer Konsumgesellschaft zu sein, die auf Geld und Ware basiert. Doch wann, wenn nicht jetzt nach der Krise, soll der rechte Zeitpunkt sein, eine Kultur der Wiederverwertung und Sparsamkeit zu etablieren, in der umwelt- und sozialverträgliches Handeln groß geschrieben wird? Wenn Design bis dato Spiegelbild des Konsums war, wird nachhaltiges Design im besten Fall die Einstellung betuchter KunstliebhaberInnen verändern.

Bis zum 15. Juni im Mudam.


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