HISTORISCHE FOTOGRAFIE: El condor pasó

Mehr als 30.000 Menschen ließen die argentinischen Militärs während ihrer Diktatur von 1976 bis 1983 spurlos verschwinden, darunter viele Jugendliche. Ehemalige Schüler gedenken ihnen in einer Ausstellung, die jetzt auch in Buchform vorliegt: „Buena Memoria“.

Marcelo Brodsky: Buena Memoria. Hatje-Cantz, Ostfildern 2003, 96 Seiten, 144 farbige Abb., 14,80 €

„Wir Kinder sind mit der Angst groß geworden, die immer noch zu spüren war, weil der Putsch so brutal gewesen ist“ erklärte Andrés, Schüler des Colegio Nacional in Buenos Aires. Nicht nur in Chile, auch in mehreren anderen lateinamerikanischen Staaten putschten sich in den siebziger Jahren ultrarechte Militärs mit Unterstützung der USA an die Macht, um die linke Opposition niederzumachen.

Damit die „Desaparecidos“, die Verschwundenen, nicht vergessen werden oder nur als namenlose Opfer an sie erinnert wird, hat Marcelo Brodsky gemeinsam mit anderen ehemaligen Schülern des Colegio Nacional 1996 Fotos und Erinnerungen an die 105 namentlich bekannten, verschwundenen ehemaligen Mitschüler ausgestellt. In „Buena Memoria“ beschreibt Andrés, wie diese Fotos auf ihn wirkten: „Sieht man einen Jugendlichen auf einem der Fotos, denkt man an einen der eigenen Mitschüler. Auf den Tafeln liest man von Situationen, die wir so heute noch erleben. Man kann es nicht vergessen. Man kann nicht wegschauen und behaupten, es sei nichts geschehen.“

Marcelo Brodsky hat während der Ausstellung Schüler dabei fotografiert, wie sich ihre Gesichter beim Betrachten auf dem Glas der Fotos aus den siebziger Jahren spiegeln. Diese sind als „Brücke der Erinnerung“ Teil der Ausstellung, die hier dokumentiert wird. Auch der kurze Text von Andrés ist aus dem zweiten Teil der Ausstellung. Im ersten Teil geht Brodsky vom Klassenfoto seiner Einschulung 1967 in die 8. Klasse aus. Die meisten Köpfe sind eingekreist und mit Notizen versehen.

Zwei sind durchgestrichen – die Verschwundenen aus seiner Klasse. Er porträtierte die ehemaligen Klassenkameraden einzeln vor einer Vergrößerung des alten Fotos. Über Nestor, Verwalter eines Lagerhauses, steht neben seinem Portrait, er hätte Angst gehabt und deshalb lange gezögert, sich fotografieren zu lassen. Eduardo war mehrere Jahre als politischer Häftling im Gefängnis und arbeitet heute als Psychologe. Silvana arbeitet im Bildungsministerium an Schulprogrammen. Leonor war nach Israel ausgewandert, ist dort arbeitslos geworden, nach Argentinien zurückgekehrt und arbeitet als Psychologin. Alfredo ist der einzige, der noch in einer linken Partei aktiv ist, der FREPASO, Front für ein solidarisches Land, in der unter anderem die Kommunistische Partei mitwirkt. Claudio ist tot: „Als die Faschisten eines Tages an die Tür des Colegio kamen, stellte er sich ihnen mit erhobenen Fäusten entgegen, und sie schlugen ihm den Kopf ein.“ Das war noch vor dem Militärputsch. Martin Bercovich wurde 1976 entführt und ist seither verschwunden. „Martin war der beste Freund, den ich im Leben hatte. Ich träume noch oft von ihm, obwohl schon zwanzig Jahre vergangen sind, seit sie ihn mitnahmen“, schreibt Brodsky.

Das letzte Foto

Auf dem letzten Foto von Martin ist ein 21-jähriger großer Junge zu sehen, der mit seinen Eltern segelt. Durchschnittlicher argentinischer Mittelstand, wie die ganze Klasse. Und alle kennen jemanden, den die Militärs als Subversiven verschwinden ließen. In dem Abschnitt „Nando, mein Bruder“ sind private Fotos der Eltern von Marcelo und Fernando Brodsky zu sehen. Fernando trägt auf einem Foto ein T-Shirt mit Che Guevara drauf. Das letzte Foto von Fernando hat ein Mitgefangener in der Marineschule für Mechanik aufgenommen und herausgeschmuggelt. Fernando schaut traurig in die Kamera. Die Mutter hat einen Ort der Erinnerung gestaltet: „Diesen kleinen Altar errichtete Mama im Esszimmer ihrer Wohnung neben einer Büste von Fernando, die sie selbst anfertigte. Die Menorah und die kleinen Einwandererpuppen mit der Torah unter dem Arm erzählen davon, wie meine Eltern in den Jahren der schlimmsten Angst Zuflucht in den Traditionen und einer gewissen Abgeschiedenheit der jüdischen Gemeinde fanden.“

Die Erinnerung bleibt

Das Erinnern in „Buena Memoria“ an die Verschwundenen der Militärdiktatur in Argentinien ist eindrücklich, auch wenn deren politische Vorstellungen kaum vorkommen. Politische Hintergrundinformationen kann und will Buena Memoria nicht geben, es geht darum, mit welcher staatsterroristischen Totalität und Gewalt die Militärdiktatur in das Leben ganz gewöhnlicher Jugendlicher aus Mittelschichtsfamilien eingriff. Die Innenseiten des Umschlages zeigen braune Wellen. Hinten steht: „Sie warfen sie in den Fluss. Er wurde zu ihrem Grab, das nicht existiert.“ Die argentinischen Militärs warfen ihre Verhafteten, nachdem sie sie gefoltert hatten, oft über dem Meer oder dem La Plata lebendig aus Flugzeugen oder Hubschraubern ins Wasser. Trotz dieser Zustände fand in Argentinien 1978 die Fußballweltmeisterschaft statt. Die BRD spielte dort mit und kooperierte auch sonst, ebenso wie die USA, mit der Militärdiktatur. Aber dies ist nicht das Thema des beeindruckenden Ausstellungsbuches. Brodskys Buch lässt sich entnehmen, was die prowestliche, antikommunistische Militärdiktatur an „freedom and democracy“ für Jugendliche bedeutete, die sich für linke Bewegungen interessierten.

Dabei gibt es in der Erinnerung an die Diktatur und ihre Opfer auch in Argentinien eine Tendenz zur Versöhnung, zur Nivellierung. Sogar in einem (einzigen) Text in „Buena Memoria.“ Der Journalist Martin Caparrós beendet seinen Beitrag so: „Heute leben wir in einer Zeit, die so anders ist als die damalige und doch so gleich. Mir gefällt die Vorstellung, dass die heutige Zeit unter anderem auch aus dieser Konfrontation hervorgegangen ist – aus der Konfrontation dieser Gesichter, die für das Argentinien von damals und von heute stehen und miteinander reden und manchmal sogar, fast ohne es zu bemerken, einen Konsens erreichen.“

Konsens worüber? In einem Gedicht von Marcelo Brodsky wird die Ambivalenz deutlich, mit der der von der ultranationalistischen Militärdiktatur Unterdrückte und für Jahre ins Exil Getriebene trotzdem an dem für argentinische Linke so typischen positiven Bezug auf die Nation festhält: „Tote, Tote / auch das gabst du mir, Argentinien / und es ist nicht so, dass ich dich nicht liebe / aber diese Freunde, diese wenigen Freunde / die Brüder, die nicht wieder geboren werden / wofür? Wofür? / für nichts.“

José Pablo Feinmann, der dies in seinem Vorwort zu Buena Memoria zitiert, personalisiert den Nationalstaat, in dessen Namen die Militärs wüteten, ebenso wie Brodsky, wenn er über dessen Gedicht schreibt: „Es ist ja nicht so, dass er Argentinien nicht lieben würde, schließlich lieben wir alle dieses Land, aber Brüder werden nur einmal geboren.“


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