ERZIEHUNG: Grautöne

von | 19.09.2014

Autonomie, Sprachen, Lehrerausbildung: Der Bildungsminister hat seine Pläne für die kommenden Jahre vorgestellt. Das Bildungssystem soll „zeitgemäßer“ werden.

„Herr Meisch, was ändert sich denn jetzt eigentlich konkret bei Schulbeginn?“ fragte eine Journalistin Bildungsminister Claude Meisch am Ende seiner einstündigen Schulanfangs-Pressekonferenz. Meisch hatte seine Prioritäten und Vorstellungen für die kommenden Schuljahre zwar ausführlich vorgestellt, zu irgendwelchen tiefgreifenden Änderungen in der nahen Zukunft aber nichts verlauten lassen.

Oberste Priorität hat für das Bildungsministerium die „sprachliche Situation“, sprich die Mehrsprachigkeit des Landes, die es zu fördern gelte. Und das soll schon bei der Betreuung der Null- bis Dreijährigen passieren: Den SchülerInnen will Meisch einen „natürlichen Zugang zur Sprache“ bieten, und dazu sollen sie von Anfang an mit Sprachen in Kontakt gebracht werden. Ab 2016 sollen Kinder, deren Muttersprache nicht Luxemburgisch ist, früh an die Umgangssprache herangeführt werden. Luxemburgische Muttersprachler sollen wiederum mit Französisch in Kontakt kommen. Dazu soll gezielt qualifiziertes Personal eingesetzt werden.

Damit eine solche „Frühförderung“ allen zugänglich ist, soll die Kinderbetreuung „langfristig“ – was auch immer das heißt – kostenlos werden. Ganz kostenlos dann aber auch wieder nicht: Sie soll vor allem über die Einführung der ominösen 0,5 Prozent-Familiensteuer finanziert werden, die seit Monaten diskutiert wird, bislang von der Regierung aber nicht offiziell vorgestellt worden ist.

Eine weitere Priorität Meischs ist die Autonomie der Schulen, die auch in den Grundschulen verstärkt zum Tragen kommen soll. Vermehrt sollen dazu „Plans de réussite scolaire“ (PRS) eingesetzt werden, in denen Schulen ihre Stoßrichtung im Hinblick auf den schulischen Erfolg ihrer SchülerInnen definieren und weiterentwickeln können. Bei der Gestaltung ihres PRS sind die Schulen aufgefordert, sich an den „Realitäten der Schulbevölkerung“ zu orientieren. „Bessere Zukunftschancen für Kinder kann es nur geben, wenn die einzelnen Akteure ihre Freiheit haben“, so Meisch. Den Rahmen soll aber immer noch das Erziehungsministerium festlegen.

Auch beim Lehrpersonal der Grundschulen stehen Änderungen an: Die Weiterbildungsmaßnahmen sollen ausgebaut, „concours“ und „stage“ überarbeitet werden. 2015 soll das „Institut de formation de l’éducation nationale“ Arbeit aufnehmen. Sorgen bereitet Meisch die niedrige Erfolgsquote beim letzten „concours“ für GrundschullehrerInnen, deren Ursachen noch nicht geklärt sind.

Neben den Grundschulen sollen auch die Sekundarschulen in Zukunft mehr Autonomie genießen. Um der „Heterogenität“ der Luxemburger Schulen Rechnung zu tragen, werden zurzeit Arbeitsgruppen eingesetzt, die festlegen sollen, wie weit die Unabhängigkeit der Schulen gehen soll. LehrerInnen sind für Claude Meisch nicht nur „Fachexperten“, sondern auch „Experten für Lehren und Lernen“. Dementsprechend soll an der Uni Luxemburg ein „Master in secondary education“ geschaffen werden, den angehende LehrerInnen an ihr fachspezifisches Bachelorstudium anschließen können. Der Fokus soll verstärkt auf „pädagogische und didaktische Aspekte“ gelegt werden.

Keine Einsparungen

Mehr Autonomie soll auch beim Ausarbeiten der Lehrmaterialien verwirklicht werden: Programmkommissionen sollen im Grundschul- wie im Sekundarschulbereich moderne Materialien für die moderne Schule entwickeln. Zusammensetzen sollen sich diese Kommissionen neben den Schulakteuren aus Experten aus sozialen Bereichen, Kultur und … Wirtschaft. Mit Einsparungen beim Budget des Erziehungsministeriums ist laut Claude Meisch nicht zu rechnen, wohl aber mit einem „Screening der Ressourcenverteilung“.

Auf die Debatte um den Werteunterricht ging der Bildungsminister nur zögernd ein. Durchblicken ließ er aber, dass ein solcher Unterricht noch in dieser Legislaturperiode eingeführt werden dürfte und dass die zur Zeit tätigen ReligionslehrerInnen – eventuell nach einer einjährigen Zusatzausbildung – übernommen werden könnten.

Die Debatte um die Schule werde oft sehr undifferenziert, in Schwarz und Weiß geführt, so Meisch. Und es stimme, das Luxemburger Schulsystem habe einige Probleme aufzuweisen. Um voranzukommen, müsse man aber auch die „Grautöne“ sehen.

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