AUSSTELLUNG: Wie Differdingen „judenrein“ wurde

Die Eröffnung der Ausstellung „Judenrein“ in Differdingen war ein Meilenstein. Mit Roberto Traversini entschuldigte sich erstmals ein Luxemburger Bürgermeister offiziell für die Kollaboration mit den NS-Besatzern, und die Süd-Gemeinde stellt sich mittels einer Wanderausstellung ihrer unrühmlichen Vergangenheit.

Keine Effekthascherei: Bürgermeister Traversini bei seiner Rede am 2. Oktober. Foto: Claude Piscitelli

Im Differdinger „Aalt Stadhaus“ prangt über den Ausstellungstafeln bedrohlich ein Reichsadler. Ein gelber Judenstern, überschrieben mit dem Wort „Judenrein“ in altdeutschen Lettern, gibt den Titel der Ausstellung vor. „Bei vielen haben die Einladung zur Vernissage und das Wort „judenrein“ sicherlich Unbehagen ausgelöst“, sagt Michel Braquet, der das Stolperstein-Projekt im April 2013 im Differdinger Gemeinderat durch eine Motion angestoßen hatte und wenig später den Historiker Cédric Faltz für sein Projekt gewann (siehe woxx 1289), der daraufhin ein Jahr lang in Archiven in Luxemburg und Koblenz Dokumente wälzte, um die Schicksale der aus Differdingen deportierten Juden aufzuklären. „Doch vielleicht können wir uns so vorstellen, wie sich Juden seinerzeit gefühlt haben. Wie aber fühlen sie sich heute? Ist die Tatsache, dass 40 Prozent der in Europa lebenden Juden sich heutzutage nicht mehr trauen, religiöse Symbole offen zu tragen, nicht wieder ein Zeichen für wachsenden Antisemitismus?“ Der ehemalige Gemeinderat, dessen Stolperstein-Initiative auf die von Denis Scuto auf RTL publizierte Namensliste von 280 jüdischen Kindern zurückgeht, hat der Lokalpolitik mittlerweile den Rücken gekehrt. Auf dieser Liste hatte er auch die Namen von drei aus Differdingen deportierten Kindern ausfindig gemacht. Dem abtrünnigen DP-Gemeinderat geht es nicht darum, Schuldige an den Pranger zu stellen, sondern um eine ehrliche Aufarbeitung der Vergangenheit seiner Stadt – zu dieser ist es nun gekommen. „Von den elf Kindern, die von der Differdinger Gemeindeverwaltung verraten wurden, starben drei in den Ghettos und Vernichtungslagern Osteuropas; ein Kind starb im Exil an Mangel an medizinischer Pflege“, liest man auf einer der Ausstellungs-Tafeln..

Politischer Drahtseilakt

Doch das Resultat ist keine Selbstverständlichkeit, war das Ausstellungsprojekt doch ein politischer Drahtseilakt, an dem Braquet, der durch seinen Austritt aus dem Gemeinderat vor einem halben Jahr die Machtverhältnisse verändert hatte, sodass heute ein rot-grün-schwarzes Bündnis mit Roberto Traversini als erstem grünen Bürgermeister regiert, bis zuletzt festgehalten hat. – Mit einem Erfolg, den er sich nicht hätte träumen lassen. Rund 200 Besucher aus dem ganzen Land waren am 2. Oktober ins „Aalt Stadhaus“ nach Differdingen geströmt – darunter auch zahlreiche Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft. Viele von ihnen räumten ein, Skepsis empfunden zu haben, als sie die geschmacklose Einladung mit dem gelben Stern im Briefkasten vorfanden. „Judenrein“ – stimmt doch gar nicht!“, scherzte dagegen die ebenfalls zur Eröffnung erschienene Familienministerin Cahen nach einem Blick auf die sich drängenden Besucher. Im bis auf den letzten Platz gefüllten Saal lauschten diese dann den Liedern von Sofia Falkovitch, die aus Paris angereist war, um den Abend mit einer Reihe von jiddischen und hebräischen Gedenk- und Widerstandsliedern aus dem Ghetto zu begleiten. Darunter auch das Kaddish in der Vertonung von Ravel und „Zum Gedenken an die Seelen“, in dem Falkovitch die Namen von Vernichtungslagern nannte. Für die kosmopolitische Kantorin war es „noch eine tiefere Ebene“, dass die Ausstellungseröffnung ausgerechnet auf den Vorabend von Yom Kippur, dem Versöhnungsfest und höchsten jüdischen Feiertag, fiel.

Historischer Höhepunkt des Abends war danach die Rede Roberto Traversinis. Denn erstmals entschuldigte sich ein Politiker auf Gemeindeebene und nannte die Kollaboration seiner Stadt in ihrer ganzen Tragweite beim Namen. Die Differdinger Gemeinde habe damals in vorauseilendem Gehorsam eine Liste aller im Ort ansässigen Juden zusammengestellt. Die Informationen, die Differdinger an andere Differdinger weitergaben, hätten ermöglicht, dass nach und nach jüdisches Eigentum konfisziert und Menschen deportiert wurden. Dem Eifer dieser Bürger ist es zu verdanken, dass eine Liste all jener Menschen, die das Land nach dem September 1939 verlassen haben, angefertigt wurde. „Es waren keine deutschen Polizisten, sondern Differdinger Polizisten, die die Umfragen gemacht haben und Listen über die Präsenz in Differdingen lebender jüdischer Mitbürger angefertigt haben“, räumte Traversini in seiner Rede ein. Differdingen sei damit weitergegangen als andere Gemeinden. Denn die Einwohner der Südgemeinde hätten der Verwaltung unter Bürgermeister Pierre Gansen nicht nur die Namen, sondern auch die Religionszugehörigkeit der jüdischen Auswanderer mitgeteilt. Und sie hätten ihnen „gemeldet“, welche Familienmitglieder noch in Differdingen zurückgeblieben waren. So viel sei aber gar nicht gefragt worden, und in anderen Gemeinden ist man auch nicht so weitgegangen. Also sei klar: Die Gemeinde Differdingen hat kollaboriert! Differdingen habe heute Verantwortung zu tragen für etwas, das sich nicht wieder gutmachen lässt, schlussfolgerte Traversini. „Heute wissen wir, dass nicht alles schwarz oder weiß war. Wir wissen, dass es eine Grauzone gibt. Und dass Differdingen, genauso wie andere Städte, es nicht fertiggebracht hat, seine jüdischen Mitbürger zu schützen“, so Traversini.

Kein falsches Pathos

Es sei den Nazis darum gegangen, die jüdische Bevölkerung auszulöschen. „Indem wir unsere Schuld anerkennen, bewirken wir, dass sie nicht erreicht haben, was sie wollten“, so der grüne Bürgermeister, der nicht will, dass seine Entschuldigung populistisch aufgenommen wird. Nach außen hin mag Traversinis Geste bedeutungsschwer und pathetisch wirken, doch ist sie Ergebnis eines langen gedanklichen Prozesses. Nach einem Treffen mit Cédric Faltz und Michel Braquet sei ihm klar geworden, dass der Tag kommen werde, an dem er Position beziehen muss. Lange habe er sich gefragt, ob eine solche Entschuldigung angebracht sei, so Traversini gegenüber der woxx. Daher habe er sich über diese Frage mit mehreren Historikern besprochen. Und noch bis er am Rednerpult stand, habe er gezögert, berichtet der grüne Bürgermeister, der nach der Ausstellungseröffnung Einblick in sein Skript gewährte, das an einer Stelle mit drei Kreuzen gekennzeichnet war. „Ich hab mir gesagt, wenn du es sagst, dann hier“, sagt er mit Verweis auf die markierte Stelle in seinem Manuskript. Ihm politisches Kalkül vorzuwerfen, erscheint damit unangebracht. Vielmehr hat sich Traversini, der noch einen Tag vor seiner öffentlichen Entschuldigung landesweit mit seinem Beschluss zum Schutz von Einfamilienhäusern und einer lokalen Modifizierung des PAG die Gemüter erhitzt hatte, sich von Faltz‘ Recherchen überzeugen lassen und entsprechend reagiert.

Eine Geste, die die Mehrheit der Anwesenden positiv aufnahm. „Keine philosophischen Ausschweifungen, kein falsches Pathos, keine leeren Luftblasen, sondern einfach, authentisch und prägnant“ fasste der Präsident des Vereins „MemoShoah Luxembourg“, Henri Juda, seine Wertschätzung von Traversinis Rede in Worte. Der Bürgermeister habe mit seiner Entschuldigung einen Meilenstein gesetzt.

Nüchtern nannte Faltz in seinem eigenen Redebeitrag schließlich die Schicksale verschiedener aus Differdingen Deportierter: „Das der Eheleute Aronow/Hertz, die 1941 aus Differdingen nach Litzmannstadt deportiert wurden; das der Familie Finkelstein, von denen drei Generationen ausgelöscht wurden; das der Familie Lazard, Metzger in der Sankt Nikolausstraße, nebst ihrer kleinen Tochter Renée, die im Exil aus Mangel an medizinischer Versorgung verstarb; ihre Eltern wurden mit ihrem Onkel nach Auschwitz gebracht.“ All diese Schicksale gelte es beim Gang durch die Ausstellung im Hinterkopf zu behalten, so Faltz. Bedingt durch eine starke Einwanderungswelle aus Deutschland nach Erlass der Nürnberger Gesetze lebten 1940 rund 90 Juden in Differdingen. „Die Reklameschilder, die die Stahlarbeiterstadt vor dem Krieg noch zierten, lauten: „Hôtel du Parc“ (Inh. Moyse-Block), „Grand Bazar G. Nussbaum“, „Grands magasins Sternberg Frères“ oder „Maison Moderne E. Lazard“, erfährt man in der schlichten Ausstellungs-Broschüre, die den Namen „Aufklärungsakte – zum Gedenken an die Opfer der Shoa aus Differdingen“ trägt und maßgeblich auf Faltz‘ Recherchen basiert. Die Tragweite der Kollaboration wird in der recht überschaubaren und nach zeitlichen Etappen sehr klar strukturierten Ausstellung im Differdinger Stadthaus auf rund 15 deutsch-französischen Texttafeln deutlich. Die letzte Person jüdischen Glaubens, die aus Differdingen deportiert wurde, war die Witwe Bella Fuhrleiser, die krank im Differdinger Spital lag. Trotz ihrer Ganzkörperlähmung wurde sie am 6. August 1942 ins Sammellager nach Fünfbrunnen gebracht. In der Terminologie der Nationalsozialisten war die Gemeinde Differdingen damit ab Anfang August 1942 „judenrein“. Neben den schlichten Zeittafeln aus Pappe, deren Umsetzung die in der Kreativfabrik „1535°“ ansässige Agentur für Kommunikationsdesign „kontext“ verwirklicht hat, sind vor allem historische Dokumente aus verschiedenen Archiven sowie historische Fotos ausgestellt. Das Ausstellungskonzept sieht vor, dass die Stellwände in den nächsten Monaten als Wanderausstellung an verschiedenen Orten, zum Beispiel an Schulen, gezeigt werden. Erste Anfragen aus dem Lycée technique Mathias Adam (LTMA) in Petingen hat es bereits gegeben. Am 28. Oktober wird schließlich der Künstler Gunter Demnig nach Differdingen kommen, um in einer ersten Etappe 15 „Stolpersteine“ vor den damaligen Wohnhäusern von Deportierten zu verlegen; 2015 sollen die restlichen Erinnerungssteine folgen. Traversini hofft, dass viele Interessierte den Weg ins Aalt Stadhaus finden werden. Braquet habe schließlich, als er von Antisemitismus sprach, von der Gegenwart gesprochen und nicht von der Zeit vor 70 Jahren. Die Besucher sollten, so Traversini, merken, „dass sich Geschichte wiederholen kann, wenn man nichts unternimmt.“

Entschuldigung Luxemburgs?

Seine Entschuldigung auf Gemeindeebene könnte außerdem ein erster Schritt für eine entsprechende auf nationaler Ebene sein. Die Minister Cahen und Meisch wollten am Rande der Ausstellung hierzu nicht Stellung beziehen. Auf Regierungsebene könne man sich erst positionieren, wenn die Analyse vollständig abgeschlossen sei und man sich ein komplettes Bild gemacht habe, so Bildungsminister Meisch, der in seiner Zeit als Bürgermeister von Differdingen die Recherchen von Cédric Faltz unterstützte, indem er ihm auch Zugang zu bis dato verschlossenen Archiven gewährte. „Ich bin der Meinung, dass niemandem ein Zacken aus der Krone fällt, wenn er sich entschuldigt“, meinte hingegen seine Partei- und Amtskollegin Corinne Cahen, die dies jedoch ausdrücklich nicht als Stellungnahme der Regierung, sondern als persönliche Äußerung verstanden wissen wollte. Am Beispiel Differdingens könne man sehen, dass es eben auch Leute gab, die über das, was von den Nazis gefordert wurde, hinausgingen. Cahen, die gerade, weil sie selbst einen Großteil ihrer Familie im Zweiten Weltkrieg verloren hat und sich von den Gedanken daran nicht zermürben lassen will, eine gewisse Distanz zur Thematik bewahrt, ist der Meinung, dass „man 70 Jahre danach effektiv Schlüsse ziehen könne. „Und ich habe mich auch dazu entschlossen, mich politisch zu engagieren, weil ich in die Zukunft blicken will und nicht in die Vergangenheit“, fügte Cahen in zukunftsoptimistischer liberaler Rhetorik hinzu. Ende Dezember wird die Historikerkommission rund um Vincent Artuso dem Premier ihren Abschlussbericht zur Kollaboration Luxemburgs während der NS-Zeit vorlegen. Ob dann die Zeit reif ist für eine Entschuldigung Xavier Bettels?

Die Recherche zur Vergangenheit Differdingens, deren Ergebnis die Verlegung der Stolpersteine sowie die Ausstellung ist, bleibt in jedem Fall eine lokale Studie, die auf das Einzelengagement Weniger, wie das des Historikers Faltz, zurückzuführen ist. Seine Forschungsergebnisse könnten etwa auch eine Umbenennung der „Rue Pierre Gansen“ in Niederkorn zur Folge haben. Mit „Judenrein“ ist es Faltz gelungen, die Lupe auf einen verdrängten Abschnitt der Geschichte seiner Stadt zu richten und einen Teil der Kollaboration im Süden Luxemburgs zu beleuchten, der bisher weitgehend unerforscht war und der Legende von der allgemeinen nationalen Resistenz widerspricht. Die Ausstellung hält der Süd-Gemeinde den Spiegel vor: Sie hat zu jener Zeit nichts unternommen, um ihre jüdischen Mitbürger zu schützen, sondern sie vielmehr ans Messer geliefert und eifrig dabei mitgeholfen, dass im Ort ansässige Juden und solche, die dort auf der Flucht Station gemacht hatten, an die Besatzer ausgeliefert und schließlich in Vernichtungslager deportiert wurden. Es ist eine unbequeme, doch mutige Ausstellung, die das Unrecht zwar nicht ungeschehen machen kann, aber eine ehrliche Auseinandersetzung mit der jüngsten Geschichte fördert. Denn die Opfer zu vergessen, bedeutet, ihnen noch einmal ihre Würde zu nehmen. Worum es im Kern geht, hat der vor einer Woche gekürte Literaturnobelpreisträger Patrick Modiano in seinen Romanen nur allzu klargemacht: „C’est l’oubli le fond du problème, pas la mémoire.“

Bis zum 2. November im Aalt Stadhaus in Differdingen.


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