PORTRÄT: BADY MINCK: Engagierte Kunst-Netzwerkerin

„Meine Filme überschreiten die Grenzen zwischen den Kategorien, zwischen Fiktion, Dokumentation, Experimentalfilm, Avantgardefilm, zwischen Kurz- und Langfilm.“

„Carte blanche à Bady Minck“ wurde in Zusammenarbeit
mit der Kulturfabrik, der ASTI und dem Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean realisiert.

Vom 14. bis 28. Februar lädt die Escher Kulturfabrik zur „Carte blanche à Bady Minck“ ein. Auf dem Programm stehen eine Reihe von Künstlerprojekten und Diskussionsrunden.

Im Gespräch mit der woxx kommentiert Bady Minck ihre persönliche Film- und Ausstellungswahl und spricht offen über ihr politisches Engagement als Künstlerin.

woxx: Nach welchen Kriterien haben Sie die Künstler ausgewählt?

Bady Minck: Ich interessiere mich besonders für Künstler die inter- und transdisziplinär arbeiten, und deren Kunst nicht eingleisig ist, sondern aus einem Netzwerk von Skulptur, Zeichnung, Performance, Musik, Film und Video besteht. Auch interessiere ich mich für Kunst die Wissenschaft oder Politik wiederspiegelt.

Man kann Sie als „polymediale“ Künstlerin bezeichnen. In diesem Sinne gibt es Gemeinsamkeiten u.a. mit den Arbeiten von Elodie Pong (Performancekünstlerin, Bildhauerin, Filmemacherin) und Thomas Draschan, die auch mit verschiedenen Medien arbeiten. Sehen Sie das auch so?

Ja, das sehe ich auch so. Elodie Pong realisiert auch Installationen und Videokunst, Thomas Draschan wird in der Kufa neben seinen Filmen auch Projektionen seiner Bilder und Collagen zeigen und einen Abend als DJ hinlegen. Zelimir Zilniks Filme oszillieren zwischen Fiktion, Dokumentation, Intervention und Provokation. So hat er vor Jahren einen Film gemacht, in dem er Obdachlose zu sich nach Hause eingeladen hat, um mit ihnen gemeinsam zu wohnen und einen Film zum Thema zu machen. Für einen anderen Film ist er 1993 in der Uniform von Marschall
Tito durch Belgrad gelaufen, um die Reaktionen der serbischen Bevölkerung auf den Auftritt des verehrten, aber längst verstorbenen Staatsgründers zu filmen.

Ich selbst arbeite sowohl als bildende Künstlerin (Objekte, Installationen, Fotokunst, Zeichnung, Performance, Interventionskunst) als auch als Filmemacherin. Meine Filme überschreiten die Grenzen zwischen den Kategorien, zwischen Fiktion, Dokumentation, Experimentalfilm, Avantgardefilm, zwischen Kurz- und Langfilm. „Im Anfang war der Blick“ zum Beispiel wurde sowohl auf Spielfilmfestivals wie Cannes oder Karlovy Vary eingeladen, als auch zu Dokumentarfilmfestivals wie dem Amsterdam Documentary Festival und Doc Aviv, und zu Experimentalfilm- und Medienkunstfestivals wie die VIPER in Basel. Darüber hinaus habe ich meine künstlerische Tätigkeit erweitert, indem ich als Kuratorin tätig bin, wie etwa für die Carte Blanche in der Kufa. Im Herbst kuratiere ich Experimentalfilme für ein Festival in Napoli, letzten Mai habe ich 14 Filmprogramme und Podiumsdiskussionen zum Thema „Relokalisierung“ für die Kurzfilmtage Oberhausen zusammengestellt. Nebenbei co-produziere ich noch mit „Minotaurus Film Luxembourg“ und „amour fou film Wien“ Filme von KünstlerkollegInnen.

In Österreich haben Sie die Wahl von Haider denunziert. Heute setzen Sie sich mit der europäischen Flüchtlingspolitik auseinander. Wie definieren Sie ihr politisches Engagement als Künstlerin?

Als europäische Bürgerin wehre ich mich gegen die Ausländerfeindlichkeit und die restaurativen Absichten der rechtsextremen und rechtspopulistischen Parteien und die Auswirkungen ihrer Propaganda, die leider mittlerweile auch konservative und vermeintlich demokratische Parteien erreicht hat, wie man an der Flüchtlingspolitik Luxemburgs sehen kann. In einem zweiten Schritt fließt diese grundsätzliche Haltung in mein Werk ein – wobei manche Arbeiten in einem direkteren Sinne politisch sind, andere weniger sichtbar „politisch“.

Inwiefern kann man als Künstler in der heutigen Gesellschaft real etwas politischer Ebene bewirken? Wird dieses Engagement auch außerhalb des „Kunstmilieus“ ernstgenommen?

Als KünstlerIn steht man in der Öffentlichkeit, und ich nutze diese Öffentlichkeit, um Fehlentwicklungen der Gesellschaft aufzuzeigen und um die Aufmerksamkeit auch auf unangenehme Fragen zu lenken.

Das „Elektrofrühstück“, das ich in den Jahren 2000 und 2001 als Reaktion auf die Regierungsbeteiligung der FPÖ in Österreich geschaffen habe, ist das beste Beispiel dafür, dass Kunst und KünstlerInnen weit über das Kunstmilieu hinaus wirken können. Das „Elektrofrühstück“ hatte mehr als 15 000 Konsumenten, zusätzlich hat die Website http://elektrofruehstueck.netbase.org tausende Besucher informiert. Diese 15 000 LeserInnen in zirka 10 Ländern waren Menschen, die in den verschiedensten Berufen und Disziplinen tätig waren, und die wiederum die Nachrichten weiterverbreitet haben. Die „Elektrozellen“ und „Elektrointerventionen“, die ich im Kontext dieses Internetkunstprojekts in fünf Ländern installiert habe, hatten viel „Laufkundschaft“, also Besucher, die zufällig des Weges kamen, und eine breite Medienpräsenz – ein weiteres Zeichen dafür, dass das „Elektrofrühstück“ reale Auswirkungen hatte.

Die Filme der österreichischen Avantgarde die am 27. Februar gezeigt werden, beschäftigen sich ebenfalls mit politischen Themen. Wie definieren Sie die Avantgarde Österreichs?

Der österreichische Avantgardefilm hat seine Wurzeln in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts. Er ist gekennzeichnet durch radikale ästhetische Innovationen und durch die Tatsache, dass die Avantgarde in radikalem Widerspruch zum damals in Österreich herrschenden, rückwärtsgewandten politischen Klima stand. Noch in den 1960er und 1970er Jahren wurden Avantgardefilmer und Künstler im Umfeld des Aktionismus in Wien für ihre Werke angeklagt, nicht wenige haben Österreich deswegen verlassen müssen (u.a. Kurt Kren und Oswald Wiener). Die Tradition der österreichischen Avantgarde ist eine subversive, eine per se politische, die weit über die Positionen einzelner KünstlerInnen oder einzelner Themen hinausgeht. Heute mischt sich die Szene aus FilmemacherInnnen, die rein formal experimentell- avantgardistisch arbeiten und aus anderen, die ihre formale Innovationskraft mit eindeutigen, andere wieder mit untergründig politischen Inhalten verknüpfen.

Im Vorfeld des Rundtischgesprächs „Le sort des réfugiés: les artistes s’en mêlent“ am 28.2. wird der Film „Kenedi goes back home“ von Zelimir Zilnik gezeigt. Warum haben Sie ihn ausgewählt?

Zelimir Zilniks Film zeigt die Schicksale hinter den nackten Zahlen der europäischen Rückführungs- und Abschottungspolitik gegenüber den Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien. „Kenedi goes back home“ ist eine ebenso intelligente wie spannende Dokumentation der Folgen einer absurden und menschenverachtenden europäischen Politik. Zilnik hat Menschen mit der Kamera begleitet, die am Belgrader Flughafen nach ihrer Rückführung aus verschiedenen EU-Ländern stranden und nicht wissen wo und wie sie die nächsten Wochen überleben werden.

Ich lade Minister Frieden ein, den Film im Kreise von betroffenen Flüchtlingen und Zelimir Zilnik anzusehen, damit er die Auswirkungen der inhumanen Rückschiebungen für die Familien, die davon betroffen sind, einmal klar erkennen kann.

Wie stehen Sie zur Flüchtlingspolitik in Luxemburg, in Europa?

Die Zwangsrückführungen sind vom moralischen Gesichtspunkt aus beschämend und vom politischen Standpunkt aus ein großer Fehler. Haben wir vergessen, dass viele unserer Eltern und Großeltern im zweiten Weltkrieg selbst auf der Flucht waren und in anderen Ländern Schutz gefunden haben?

Ich kann und will es nicht akzeptieren, dass ein reiches Land wie Luxemburg hunderte, ja tausende Menschen, die seit Jahren hier leben, die Arbeit finden würden und deren Kinder hier in die Schule gehen und integriert sind, unter Zwang in Gebiete zurückschickt, in denen Armut und Gewalt warten.

Noch vor vier Wochen sind vor der Küste Italiens 21 Flüchtlinge, die aus Albanien und Montenegro kamen, ertrunken. Diese Menschen sind bereit, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um der Misere und Bedrohung zu entkommen, und nicht selten endet die Flucht tödlich. Die Vorstellung, dass Menschen sterben, weil das reiche Europa das teilen verlernt hat, ist für mich skandalös.

Noch absurder wenn man bedenkt, dass diese Länder in einigen Jahrzehnten zur EU gehören werden und diese Menschen sich dann sowieso frei entscheiden können wo sie leben möchten.

Darüber hinaus werde ich das Gefühl nicht los, dass die Luxemburger Regierung in der Frage der Rückführungen anders handeln würde, wenn es sich um katholische und nicht muslimische Flüchtlinge handeln würde. Hier möchte ich an die katholische Kirche appellieren, dass sie sich auf ihre Nächstenliebe besinnt und Position für die Integration der Flüchtlinge bezieht.


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