CID-FEMMES: Anecken erwünscht

Der 3. Girls‘ Day steht vor der Tür, und bei Christa Brömmel laufen die Telefone heiß. Die Mitarbeiterin vom Cid-femmes koordiniert den Mädchentag und ist auch sonst eher eine Macherin.

Ihr geht es um mehr, als die Grenzen zwischen Frauen und Männern zu durchbrechen: Christa Brömmel leitet das einzige Informationszentrum für Frauen in Luxemburg.

„Kaum sind die Handwerker im Haus, bleibt die Klobrille hochgeklappt.“ Die große schlanke Frau mit den braunen Haaren runzelt einen Moment verärgert die Stirn. Männer besuchen ihren Arbeitsplatz nicht sehr oft – und wenn, dann sind es meistens welche von der rücksichtsvolleren Sorte. Christa Brömmel arbeitet als Koordinatorin im Cid-femmes (Cid), dem einzigen Informations- und Dokumentationszentrum für Frauen in Luxemburg. Obwohl sich die 38-Jährige über Mangel an Arbeit wahrlich nicht beklagen kann, hat sie eine Stunde in ihrem übervollen Terminkalender freigeschaufelt, um ein wenig von sich und ihrer Arbeit zu erzählen.

Die Vorbereitungen für den Girls‘ Day am 6. Mai befinden sich in der heißen Schlussphase. Zwischen Telefon, Internet und Presseterminen hetzt sie deshalb die meiste Zeit hin und her. Es ist das dritte Mal, dass Brömmel diesen Tag koordiniert.

Der hat sich längst etabliert. Über 300 Mädchen haben sich dieses Jahr angemeldet, um einen Tag lang in Berufe wie den der Ingenieurin, der Fotografin oder der Polizistin hineinzuschnuppern. Ein Verdienst nicht zuletzt der deutschen Koordinatorin, die beim Girls‘ Day zum zweiten Mal von einer Kollegin der Escher Gleichstellungsstelle unterstützt wird, und die sich die Idee zum luxemburgischen Mädchentag in Deutschland abgeguckt hat. Anders als dort wird es hier zu Lande jedoch auch dieses Jahr keinen Boys‘ Day geben – obwohl viele Jungs genau das wünschen.

„Wenn Jungen den Beruf der Kindergärtnerin, Altenpflegerin oder Putzfrau kennen lernen wollen, warum nicht?“, fragt Christa Brömmel. Immerhin gehe es darum, traditionelle Geschlechterrollen aufzubrechen – „auch bei den Männern“, fügt sie mit Nachdruck hinzu. Die Organisation eines Boys‘ Day in die Hand nehmen, mag sie derzeit aber nicht. Zeit, Geld und Personal sind schon jetzt äußerst knapp bemessen. Es sei deshalb nicht einmal sicher, dass der Mädchentag noch im nächsten Jahr stattfindet.

Wie viele ihrer Kolleginnen fürchtet auch sie, einen Jungentag einzuführen könnte das ursprüngliche Konzept verwässern. Und das sieht nun einmal vor, jungen Frauen, die in der Arbeitswelt bis heute vielfach diskriminiert sind,
bei der Berufsorientierung zu helfen.

Andererseits „geht die Emanzipation der Frauen langfristig nicht ohne die Männer“.

Christa Brömmel muss es wissen. Als erwerbstätige Mutter zweier Söhne erlebt sie jeden Tag, wie wichtig ein partnerschaftliches Miteinander auch mit Männern ist. Schon vor der Geburt des ersten Sohnes, war ihr und ihrem Lebenspartner eines klar: dass sie sich die Erziehungs- und die Erwerbsarbeit gerecht teilen würden. Konsequenterweise entschieden sich beide für
das Teilzeitmodell – sie beim Cid, er beim Dachverband der luxemburgischen Nichtregierungsorganisationen. Ein Glücksfall. Betroffen erzählt Brömmel von berufstätigen Frauen im Bekanntenkreis, die diese Möglichkeit nicht haben: weil der Arbeitgeber Teilzeit ablehnt, weil der männliche Partner um seine Karriere fürchtet oder weil sonst das Geld zum Leben nicht reicht.

Aber trotz emanzipiertem Partner: Wie tief die traditionellen Rollenklischees sitzen, kann Brömmel in ihrer eigenen Familie beobachten. Mit einem breiten Lächeln erzählt sie, wie ihre Mutter, eine Landwirtin im Münsterland, ihr nach der Geburt des zweiten Sohnes in den Ohren lag, sie solle doch endlich mit der Arbeit aufhören und sich ganz der Familie widmen. Oder wie die Männer der Familie den vierjährigen wegen seiner lackierten Fingernägel belächelten. Und dann das: Erst vor kurzem weigerte sich Brömmels Ältester (7), ein von ihm benutztes Handtuch vom Boden aufzuheben. Seine Begründung: „Du bist doch die Hausfrau.“

Im Nachhinein kann sie über die Provokation wieder lachen – im ersten Moment war Brömmel einfach nur geschockt. „Es gibt keine totale Kontrolle“, versucht sie sich das machohafte Verhalten ihres Sohnes zu erklären. Keine noch so geschlechterbewusste Erziehung könne die vielen Faktoren, die das Erwachsenwerden beeinflussen, neutralisieren.

Deshalb an einen biologischen Determinismus zu glauben, wonach Männer und Frauen quasi von Geburt auf bestimmte Eigenschaften festlegt sind, davon ist die gelernte Biologin allerdings weit entfernt. Christa Brömmel zitiert den berühmten Satz von Simone de Beauvoir: „Wir werden nicht als Frau geboren, sondern dazu gemacht.“ Der hängt in ihrem sonnendurchfluteten Büro, gleich neben zwei Lady-Di-Briefmarken aus Bangladesh und diversen bunten Frauen-Kampfplakaten.

Wer jetzt meint, vor einer Feministin der ersten Stunde zu sitzen, irrt aber. Die Texte von de Beauvoir, Monique Wittig oder Judith Butler, allesamt Klassikerinnen der (post-)modernen Frauenbewegung, hat Christa Brömmel erst vor wenigen Jahren in der Bücherei des Cid entdeckt, und noch längst nicht alle gelesen.

Denn obwohl sie sich jahrelang für Frauenbelange einsetzt und sich auch öffentlich immer wieder kompetent zu Frauenfragen äußert – zum Feminismus fand Brömmel eher zufällig. Über eine Arbeit bei der Dritte-Welt-Organisation ASTM und bei Greenpeace lernte sie viele Leute aus der alternativen Szene kennen, darunter auch engagierte Feministinnen.

Das Cid-Mitgliedsheft, das Cid-Info, bekam sie damals nach Hause geschickt. Als dort dann eine Stelle inseriert wurde, das war im Jahr 2000, bewarb sich Brömmel, wohlwissend, dass der Wechsel von der Umwelt- in die Frauenbewegung einen gewissen Karriereknick für die gelernte Biologin und Umweltwissenschaftlerin bedeutete. Sie wurde trotz der fehlenden Erfahrung in feministischer Theorie genommen – und identifizierte sich zunehmend mit den frauenpolitischen Forderungen des Zentrums.

Allerdings wünscht sie sich eine vielfältigere Ausrichtung des Vereins. Im Cid arbeiten und engagieren sich überwiegend gut situierte weiße Frauen aus Luxemburg und der Grenzregion. Frauen anderer Hautfarbe und aus sozial benachteiligten Schichten hingegen finden selten den Weg ins Cid. Ernsthafte Auseinandersetzungen um das Zusammenwirken von Geschlecht, Klasse und Hautfarbe, wie sie in Deutschland, Frankreich und Großbritannien bereits Anfang der 90er geführt wurde, hat es in Luxemburg bis heute nicht gegeben.

Mit ein Grund, warum Christa Brömmel im vergangenen Jahr gemeinsam mit anderen Frauen das Fotoprojekt „Regards des Femmes“ ins Leben rief. Darin erzählen Frauen unterschiedlichster Nationalitäten über ihr Leben in Luxemburg.

Ob das aber reicht, die Grenzen zu durchbrechen, ist nicht so sicher. Inzwischen geht es um mehr – das Verständnis von Feminismus selbst. Gemeinsam mit anderen Kolleginnen muss auch Christa Brömmel feststellen: Die alten Ideen ziehen nicht mehr, der Nachwuchs fehlt … das Zentrum muss sich die Frage gefallen lassen, ob es nicht mittlerweile zu brav und bieder geworden ist. Verhindert etwa die finanzielle Abhängigkeit von Zuschüssen insbesondere aus dem Frauenministerium radikaleres Auftreten?

Christa Brömmel schüttelt den Kopf. „Jede Gesellschaft hat die Frauenbewegung, die sie verdient“, lautet ihre Analyse. Besonders irritiert zeigt sich die Wahlluxemburgerin über das Luxemburger Modell. Streit um jeden Preis zu vermeiden, und die institutionalisierte Suche nach dem Konsens und der Kooperation habe vor der Frauenbewegung nicht Halt gemacht. Anecken sei einfach nicht angesagt. Im Gegenteil, es scheint, als hätten viele Frauen altmodische Rollen von der fürsorglichen – und friedfertigen – Frau selbst verinnerlicht.

Sogar jene, die es nun wirklich besser wissen müssten, greifen mitunter gerne in die Klischeekiste: Als eine Erzieherin bemerkte, dass einer der Brömmel-Söhne lieber im Sitzen pinkelt, verdonnerte sie den Vater gleich zur Nachhilfe. Dabei lehnt der die „stehende Geflogenheit“ vieler seiner Geschlechtsgenossen ebenfalls ab. „Ganz ohne Nachhilfe“, schwört Brömmel und lacht.


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