LITERATUR: Ein Kinderbuch ist keine Bonbonfabrik

Martin Klein schreibt Kinderbücher, aber nicht nur: Der ökologisch engagierte Berliner mag keine Etiketten.
In Echternach gibt er sich einen Monat lang die Ehre als Autor zum Anfassen.

„Ich bin kein Schriftsteller im Elfenbeinturm“: Martin Klein sucht den Austausch.

Am Feiertag könnte man doch nach Echternach fahren, um dort ein Eis zu essen. Das dachten sich so manche In- und Ausländer und zwängen sich durch enge Gassen, von der Menschenmasse zum Schlendern genötigt, lauern vor Eisdielen, in der Hoffnung auf einen freien Stuhl. Die Abteistadt probt den Belagerungszustand.

Aber einer hats gut. Martin Klein, seines Zeichens Autor und Diplom-Ingenieur für Garten- und Landschaftsplanung, sitzt abseits von hupenden Blechkolonnen und überfüllten Fußgängerzonen, im Hof eines spätgotischen Patrizierhauses und genießt das schöne Wetter. Einen Monat lang residiert er hier, als Gast der Stadt. Seit nunmehr drei Jahren lädt sich die Stadt Echternach in Zusammenarbeit mit dem nationalen Literaturzentrum und dem Kulturministerium einEn Kinder- und JugendbuchautorIn ein. Ziel der Initiative mit dem Namen ¬Struwwelpippi kommt zur Springprozession« ist der kulturelle Austausch.

Unters Volk mischen soll sich Martin Klein also, und das fällt ihm nicht schwer. Die Nachbarn kennt er schon, vor allem die drei Jugendlichen, die sich an diesem Tag lautstarke Wasserschlachten liefern. Das alles stört den 42-Jährigen nicht. Eigentlich lebt er mit seiner Freundin und seinem Sohn in Berlin, aber vom 16. Mai bis zum 13. Juni hat er in Luxemburg Quartier bezogen. Die Stadt hatte er schon einmal besucht, damals eher zufällig. Im vergangenen Sommer war er mit Freunden auf Wandertour und verbrachte eine Nacht im Hotel „Le petit poète“. Dann erfuhr er von der Ausschreibung der Residenz. Unter 20 Anwärtern wurde er von einer unabhängigen Jury ausgewählt und erhält dafür, neben Kost und Logis, auch noch einen Preis von 5.000 Euro. Er ist sichtlich stolz darauf, eine Zeit lang Autor zum Anfassen zu sein, auch wenn das bedeutet, dass er auf öffentlichen Veranstaltungen herumgereicht wird. Bereits im Vorfeld ist ihm ein umfangreiches Programm von Lesungen und Diskussionsabenden zusammengestellt worden. „Ich bin kein Schriftsteller im Elfenbeinturm“, sagt er. Das Schreiben habe zwar etwas sehr In-Sich-Gekehrtes, um sein Werk dann aber an die Frau und an den Mann zu bringen, müsse man auch einen Weg finden, mit seinem Publikum zu kommunizieren. Natürlich ist er nach Luxemburg gekommen, um aus seinen zahlreichen Veröffentlichungen vorzulesen, wie etwa „Lene und die Pappelplatztiger“ oder „Wie ein Baum“. Aber er möchte auch sein Interesse für die Natur mit den Menschen teilen.
Sich selbst bezeichnete er in seiner Bewerbung für die Kinderbuchautorenresidenz als „Menschpflanzentierwassererdesteinluft-Betrachter“. Die Organisatoren wissen den grünen Daumen ihres Gastes durchaus zu schätzen, und deshalb darf Klein am 10. Juni zusammen mit Schülern des Lycée Technique Joseph Bech in Grevenmacher den Schulgarten begrünen. Gerne würde er noch mehr tun, so zum Beispiel überall in Echternach zusammen mit Schulkindern Sonnenblumen pflanzen. „Die würden im Sommer blühen und man würde sich wieder an meinen Aufenthalt erinnern.“Ein wenig länger als der Sommer darf die Residenz dann doch noch nachwirken. Bedingung ist nicht nur der kulturelle Austausch an sich, die Begegnung mit der Stadt und ihren Einwohnern soll auch im Werk seinen Niederschlag finden.
Kleins Vorgängerinnen Irma Krauß und Regula Venske, die jeweils 2002 und 2003 in Echternach lebten, haben ihre Erfahrungen mittlerweile tatsächlich mehr oder minder konkret in Romanen oder Kurzgeschichten verarbeitet. Schließlich ist kein Mensch eine Insel und Martin Klein lässt sich ohnehin gerne von seinen eigenen Erfahrungen inspirieren. In den Büchern des begeisterten Sportlers geht es besonders oft um Fußball, wie in „Lene und die Pappelplatztiger“, wo ein kleines Mädchen sich einen Platz in einer reinen Jungenmannschaft erspielt, oder in den ¬Torjägergeschichten«. Fast wäre er dann auch professioneller Handballspieler geworden. Ein Sportstudium brach er nach einer Verletzung ab. Trotzdem kann man nicht behaupten, Martin Klein sei auf Umwegen zum Schreiben gekommen. Bereits im Gymnasium dachte er sich Geschichten aus, heute hat er den Sprung zum hauptberuflichen Autor geschafft.

Die Initiative der Kinderbuchautorenresidenz ist nicht unumstritten, das geben sowohl Martin Klein als auch die Verantwortlichen der Gemeinde Echternach zu. Teilweise könnten sich vor allem luxemburgische Autoren nur schwer mit dem Prinzip anfreunden und fragten sich, warum die Förderung nicht der nationalen Literaturszene zu Gute kommt. Aber auch hier ist die Antwort wieder der Austausch, der vielleicht auch luxemburgischen Kinderbuchautoren den Weg ins Ausland eröffnen könnte. Martin Klein weiß, dass die Situation für ihn als professionellen Schriftsteller einfach anders ist: „Man ist ständig auf der Suche nach Förderung.“ Die Echternacher Initiative ist vor allem auch wegen ihrer relativen Einzigartigkeit mittlerweile gut bekannt. Um die Sichtbarkeit zu erhalten, wollte sich Echternach bewusst von anderen Residenzen abgrenzen, in dem es sich ausschließlich auf Kinder- und Jugendliteratur konzentriert.

Dabei sieht sich Martin Klein gar nicht in erster Linie als Kinderbuchautor. „Es gibt nur Geschichten“, sagt er. „Wenn morgen ein Außerirdischer auf der Erde landen würde, dann fände er nur Geschichten, aber er könnte sie nicht wie wir sofort in Schubladen stecken.“ Vielleicht genießt Klein deshalb einen derartigen Erfolg bei Kindern, weil er sie ernst nimmt. Der Schutz der Natur ist ihm wichtig, obwohl er zugibt, dass „Umwelt in der Postmoderne kaum mehr ein Thema ist“. Er fügt aber auch geschichtliche und politische Ebenen in seine Erzählungen ein, die sich den Lesern vielleicht nicht sofort erschließen. In „Stadt der Tiere“ geht es um eine Tierbande, die von dem Vierbeiner Sandino angeführt wird. Für Kinder ist es bloß ein Name, für Martin Klein ein
Querverweis auf die Sandinisten-Bewegung. Ein alter Wachhund nennt sich Honecker. 1989 verliert er bezeichnenderweise seinen Job. „Ich schreibe moderne Fabeln“, erklärt Klein.

Auch das Etikett des sozialkritischen Schriftstellers mag er nicht. Er hat Anliegen, natürlich, aber er versucht nicht bewusst kritische Themen anzusprechen. Seine Haltung entsteht aus seinem Verständnis des Schreibens: „Wenn man seine Geschichte ernst nimmt, dann wird es keine Bonbonfabrik.“ In Berlin arbeitet Martin Klein häufig mit dem Künstler Ben Wagin zusammen. Sie haben ein Buch geschrieben „Gingko-Botschaften“, in dem Wagins Installationen in Wort und Bild festgehalten wurden, so zum Beispiel ein Garten, mit Texten den der Künstler an der Berliner Mauer unweit vom Reichstag anlegte, genannt „Das Parlament der Bäume“. Fast scheint es als liege Klein das Organisieren und die Teilnahme an Happenings noch mehr am Herzen als seine literarische Tätigkeit.

Über Sinn und Zweck einer Autorenresidenz kann man sich sicher streiten, und sich fragen ob es wirklich möglich ist, innerhalb eines Monats eine Stadt oder ein Land mit seiner besonderen Situation kennen zu lernen und ob die Präsenz eines international bekannten Autors die scheinbar eingeschlafene Lesefreude der Kinder wieder wecken kann. Es hätten sich auch noch wesentlich bekanntere Autoren beworben, erklärt die Stadt Echternach. Große Namen, die lediglich über ihren Verlag oder ihre Sekretärinnen kommunizierten. Aber die wollte man nicht. Denn es gehe nicht um das Prestige, heißt es, sondern darum Spuren zu hinterlassen. Martin Klein fragt sich, ob es ihm die Stadt wohl erlauben wird seine Sonnenblumen zu pflanzen. Er wird es darauf ankommen lassen.


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