THEATER: Zwergenland?

von | 12.03.2015

In „Furcht und Wohlstand des Luxemburger Landes“ im Kasemattentheater haben Luxemburger AutorInnen ihre unterschiedliche Wahrnehmung der Migration verarbeitet. Ein buntes Kaleidoskop von Integration und Ausgrenzung.

Gruppenbild mit Zwergen: Schauspieler und Regisseurin Carole Lorang (Dritte von rechts) bei den Proben im Kasemattentheater.

Fremd ist immer der andere. Aber wer ist überhaupt der andere, in einem Land, in dem Menschen aus rund 168 Nationalitäten Tür an Tür leben? Mit einem Ausländeranteil von gut 45 Prozent liegt Luxemburg an der Spitze der EU-Mitgliedsstaaten. In der Hauptstadt sind sogar zwei Drittel der Einwohner keine Luxemburger. Täglich pendeln etwa 155.000 Grenzgänger aus Belgien, Deutschland und Frankreich ins Land. Werden sie als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt wahrgenommen? Und wie ist der Blick der Luxemburger auf die hier eingewanderten portugiesischen Gastarbeiter? Oder auf die Menschen, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts herkamen, um in der Stahlindustrie und später im Bausektor zu arbeiten. Gibt es heute überhaupt ein Zusammenleben, herrscht friedliche Koexistenz, oder ist das Verhältnis zwischen Luxemburgern und Ausländern nicht vielmehr von Misstrauen bestimmt? Und ist der Anspruch der Mehrheitsgesellschaft gegenüber Minderheiten, dass diese sich anzupassen haben, überhaupt gerechtfertigt? Das Ausländerwahlrecht spaltet die luxemburgische Gesellschaft und rückt die Frage nach Partizipation und Ausgrenzung im Vorfeld des Referendums in den Vordergrund.

Doch das fĂĽr Luxemburg so charakteristische Phänomen der Migration ist nur selten auf der BĂĽhne behandelt worden. Deshalb hat das Kasemattentheater nun bekannte Luxemburger Schriftsteller gebeten, ihre spezifische Sicht auf das Thema szenisch zu verarbeiten. Texte von Guy Helminger, Nico Helminger, Marc Limpach, Claudine Muno, Nathalie Ronvaux, Sandra Sacchetti, Elise Schmit und Ian de Toffoli sind so in „Furcht und Wohlstand des Luxemburger Landes“ eingeflossen und ergeben ein Gesamtbild, das so bunt und vielschichtig ist wie das Phänomen der Migration selbst.

Auf der Bühne wird Luxemburgisch, Französisch, Deutsch und Englisch gesprochen. Nur Portugiesisch, das man im Alltag überall hört, vermisst man. So trägt die Sprachenvielfalt im Stück der Vielfalt Luxemburgs Rechnung.

Vielschichtiges Gesamtbild

Kaum eine Kulisse könnte hier besser passen als die eines Schrebergartens mit Gartenzwergen – eine universelle Chiffre fĂĽr SpieĂźigkeit, die ĂĽberall funktioniert. Diese kĂĽnstliche Idylle wird im StĂĽck durch „Fremde(s)“ durchbrochen. Der ausländische Asyl-Antragsteller, Arbeit- oder Wohnungssuchende prallt an den Mauern der BĂĽrokratie ab. Er hat es mit bornierten Beamten zu tun, die akribisch ihre Akten sortieren; persönliche Schicksale werden auf einen Vorgang reduziert. „Sie tun uns Leid, Monsieur, aber es gibt Regeln …“, lautet die Abfuhr an den Bittsteller, bevor die Beamtin resolut die prall gefĂĽllten Ordner zusammengeklappt. Denn die Erlaubnis, hier zu arbeiten und zu wohnen, ist an knallharte Bedingungen geknĂĽpft, so die unmissverständliche Botschaft der Autorin Nathalie Ronvaux.

Einen nostalgischen Blick auf seine Familiengeschichte wirft Ian de Toffoli in seinem narrativen Beitrag. Zwei Figuren erinnern sich an die Ankunft ihrer GroĂźeltern in Luxemburg und rekapitulieren erste EindrĂĽcke und Erfahrungen. „An dem Tag, an dem mein italienischer GroĂźvater sein erstes luxemburgisches Gehalt bekam, änderte sich schlagartig sein Leben. Von nun an aĂź er jeden Tag Fleisch, konnte seiner Frau eine Uhr schenken…“ De Toffoli gibt Erinnerungen wieder, durch seine Anekdoten werden die „Arbeitergeschichten“ seiner italienischen Vorfahren plastisch. Zugleich wirft seine Erzählung die Frage auf, ob frĂĽhere Generationen sich fĂĽr die nachkommenden aufgeopfert haben.

Auf witzige Weise nähert Claudine Muno sich dem schwierigen Thema. In ihrer Erzählung begibt sie sich auf die Suche nach der Herkunft eines Fernsehers. Nach der langen Fahrt von SĂĽdkorea ĂĽbers Meer ist das Gerät nun in Europa angekommen und erleidet hier eine Identitätskrise. „Ich fĂĽhl mich desorientiert“, tönt es aus dem Kasten. „Es war eine lange Reise ĂĽbers Meer – beste Aussichten wurden uns versprochen – uns wurde gesagt, dass wir zu Leuten kommen, die uns wertschätzen, und stattdessen wurden wir nur zusammengepfercht.“ Raffiniert hat Muno die Doppeldeutigkeit in ihrem Text herausgearbeitet. Der Vergleich des Schicksals eines Fernsehgeräts mit den von mittelosen Migranten liegt auf der Hand.

Guy Helminger inszeniert in seinem Text dagegen ein Fußballspiel, in dem er den geballten Ressentiments der Luxemburger Prolls freien Lauf lässt. Beim Spiel (in der Minette?) geht es derbe zu, und die Vorurteile fliegen einem nur so um die Ohren.

So spiegelt sich der spezifische Zugang eines jeden Autors in den Texten wider. Man bemerkt zudem, dass die Autoren aus verschiedenen Disziplinen kommen, wie Regisseurin Carole Lorang erklärt. „Es ging uns darum, das Thema in seiner Vielfalt zu zeigen“, und natĂĽrlich habe man die meisten Texte noch kĂĽrzen mĂĽssen – wodurch die Aussagen aber auch zugespitzt worden seien. Es sei schwierig gewesen, einen roten Faden auszumachen, denn jedes StĂĽck funktioniere fĂĽr sich. Lorang hat dies dadurch gelöst, dass sie die Texte jeweils querlesen lieĂź. Hierbei wurden zuweilen BezĂĽge deutlich, die die Autoren dann in ihre eigenen Texte einflochten.

Luxembuger Sicht auf Migration

Die meisten Texte sind aus der Sicht von Luxemburgern geschrieben. Allein Marc Limpachs Beitrag nimmt die Sicht von auĂźen ein. Leila Schaus spielt in der Szene eine ĂĽberdrehte Amerikanerin, die sozusagen Integrationstipps gibt. Sie erklärt Ausländern Luxemburg. Die Ironie dĂĽrfte vor allem deswegen funktionieren, weil Schaus den Text fast atemlos vorträgt. Die Sätze sprudeln förmlich aus ihr heraus. „Luxemburg ist eines der Länder mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen, aber ĂĽber Geld spricht hier keiner“ erklärt sie etwa. Das Land ist noch immer katholisch geprägt, aber der Premier und der Vizepremier sind offen homosexuell. Der Vizepremier ist zwar Sozialist, fährt aber einen Rolls Royce“ benennt sie die WidersprĂĽche. Und trotz aller Freundlichkeit blieben die Luxemburger dann doch am liebsten unter sich: „Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so allein, wie in Luxemburg!“

Die Realität fĂĽr viele Migranten ist aber eine andere: lange Fluchtwege, schickanierende Prozeduren und am Ende die Abschiebung in Länder, die die EU fĂĽr sicher erklärt. Einen ungeschönten Blick darauf zeigt eine Szene, die die Abschiebung einer Kosovarin dokumentiert. Zwei Mädchen berichten in dem auf Zeugenberichten basierenden Text ĂĽber die Abschiebung in den Kosovo. Die transkribierten Berichte konfrontieren einen mit der bitteren Realität von Asylbewerbern. So wird das Publikum eben nicht nur bespaĂźt, sondern auch mit einem Ausschnitt aus der Realität konfrontiert. Die Szene lebt von ihrer Authentizität, denn sie hätte sich – so wie sie erzählt wird – ĂĽberall in den AsylunterkĂĽnften Luxemburgs zutragen können. In anderen Szenen hilft gerade die plakative Darstellung von Klischees, diese aufzubrechen. Gerade deshalb hat Lorang die Kulisse als Schrebergarten angelegt; dass in vielen Szenen Bier getrunken und gefrotzelt wird, trägt nur dazu bei, das Lokalkolorit noch zu verstärken. Durch die Vielfältigkeit der Autorenansätze wird auĂźerdem klar, dass es die eine, gĂĽltige Sicht auf das Phänomen der Migration nicht gibt.

Letztlich tragen die Rollen, in die die Schauspieler schlĂĽpfen, auch zu ihrer eigenen Reflexion ĂĽber Migration und Fremdenfeindlichkeit bei. „Wenn man die Sprache erlernt, hat man schon eine Chance, sich zu integrieren, meint etwa EugĂ©nie Anselin, und Leila Schaus gibt zu bedenken, dass die meisten Ausländer dann doch in ihrem Milieu bleiben und es weitgehend geschlossene Gesellschaften seien – auch die Luxemburger blieben ja unter sich. „Im Grunde genommen sind wir hier alle Ausländer“, bringt Raoul Schlechter die multikulturelle Realität Luxemburgs auf den Punkt.

„Rassimus hat primär etwas mit den sozialen Schichten zu tun und mit dem Wohlstand des Landes“, resĂĽmiert Regisseurin Lorang. Kommt es wieder zu einer Krise, wird sich der Rassimus wahrscheinlich verstärken.“ Und da die nächste Krise vor der TĂĽr steht, bleibt nur zu hoffen, dass die szenisch kluge Reflexion ĂĽber Migration von vielen wahrgenommen wird. Denn nicht nur bei den französischen Nachbarn gedeiht der Rechtsextremismus; in diesen Tagen kommt er aus der Mitte der Gesellschaft. Nur allzu deutlich macht das TheaterstĂĽck klar: Auch ein Zwergenstaat wie Luxemburg ist gegen Xenophobie nicht gefeit. In diesem Sinne kann das StĂĽck auch als Warnung begriffen werden. Denn Toleranz war vielleicht schon gestern. Während Dornröschen schläft, regen sich die eifrigen Zwerge und verteidigen nach Kräften ihre Privilegien und ihren Wohlstand. Und dann?

Premiere am 17. März um 20 Uhr; Weitere Spieltermine: 20., 24., 26., 27. und 30. März um 20 Uhr im Kasemattentheater.

Dat kéint Iech och interesséieren

KULTUR AM ALLGEMENGEN

Assises sectorielles du chant choral: Junge Chorsänger*innen gesucht

Die „Assises sectorielles du chant choral“ vom vergangenen Samstag offenbarten, wo den Chören hierzulande der Schuh drĂĽckt. Es mangelt an Sichtbarkeit, pädagogischem Know-how und vor allem an Nachwuchs.   Wie bei Rundtischgesprächen ĂĽblich, boten die „Assises sectorielles du chant choral“ vergangenen Samstag einen Morgen voller leiser...

KULTUR AM ALLGEMENGEN

Dag vun der Lëtzebuerger Sprooch: Luxemburgisch im Fokus

Die Luxemburger Sprache soll ab diesem Jahr jeden 26. September gefeiert und gefördert werden – und zwar mit Kulturevents, Aktivitäten und Diskussionsrunden. Das Programm der Erstauflage des „Dag vun der Lëtzebuerger Sprooch“ wurde am Montag bei einer Pressekonferenz vorgestellt. „Sprache ist der Schlüssel zur Welt“, sagte bereits Wilhelm von...

KULTUR AM ALLGEMENGEN

Staffelfinale „And Just Like That”: Vergessene Vorläufer

Allzu schwer fällt er nicht, der Abschied von der Serie „And Just Like That“ – sie hat den Charme des Anfangs eingebüßt. Interessanter ist ein Blick auf die Ursprünge: Mit Mary McCarthys Buch „The Group“ fing alles an. Und einfach so ist alles vorbei: Mit dem Staffelfinale des „Sex and the City“-Sequel „And Just Like That“ schließt das...