MUSIKTHERAPIE: Stille ist Musik

Es tut wohl fast jedeR: Musik hören, weil sie traurig macht
oder glücklich oder neue Energie gibt. Musiktherapeutin
Martine Wallenborn setzt diese Wirkung bewusst ein.

„Man wird nicht
zufällig Therapeut“ – Martine Wallenborn
stellt in ihrer Arbeit die Bedürfnisse der PatientInnen in den Vordergrund.

Dass auch Stille Musik sein kann, das wussten schon
Simon und Garfunkel als sie vom „Sound of Silence“ sangen. Aber still ist es im 21. Jahrhundert kaum mehr irgendwo, jedenfalls nicht in unseren Breitengraden. Radio oder Fernsehen dudeln überall in Endlosschleifen vor sich hin. „Ich habe gelernt selektiv zu hören“, erklärt die Musiktherapeutin Martine Wallenborn. Wer mehr als 22 Minuten lang ständiger Berieselung ausgesetzt ist, höre ohnehin nicht mehr richtig zu. Sie wohnt mit Mann und Hund in einem Dorf, in der Stadt möchte sie nicht leben, „schon aus akustischen Gründen“. Im Esszimmer steht ein Klavier. Der Hund, „gerade mitten in der Pubertät“, beschnuppert argwöhnisch einen Kontrabass, der sich auf seinem Territorium breit gemacht hat.

In Martine Wallenborns Praxis gibt es eine Gitarre, ein Xylophon, ein Klavier, vor allem aber Instrumente aus anderen Kulturen, die gleich die Neugier der BesucherInnen wecken. „Ein Instrument klingt nicht nur“, sagt sie. Die Materialien, aus denen es gefertigt ist, hätten einen eigenen Geruch, man müsste auch Lust bekommen, es anzufassen. Als Musiktherapeutin hat sie sich mit ihrer eigenen Praxis selbstständig gemacht; daneben arbeitet sie auch in Betzdorf am Institut St. Joseph mit Behinderten.

„Musik wird dort zum Kommunikationsmittel wo keine Worte mehr sind oder noch nie welche waren.“ Besonders Schwerstbehinderte verständigten sich oft ausschließlich durch Laute. Deshalb fällt es Martine Wallenborn auch schwer, ihre Arbeit im Gespräch zu beschreiben: „Vieles geschieht auf einer nicht verbalen Ebene.“ In ihre Praxis kommen Menschen in schwierigen Situationen, häufig auch Kinder, die Verhaltensauffälligkeiten aufweisen. Aber die Therapie heilt nicht nur. Sie soll auch Ressourcen fördern, bei PatientInnen, die sich einfach nur selbst besser kennen lernen möchten. Deshalb gibt es auch keine typische Sitzung; jedeR PatientIn hat andere Bedürfnisse. Manchmal sind nach dem Erleben der Musik – entweder durch das eigene Musizieren oder durch das Hören von CDs – Gespräche nötig um die Erfahrung nachdrücklich zu intensivieren, manchmal erübrigt sich dieser Schritt. Für ältere Menschen ist zum Beispiel das Singen von alten Liedern oftmals eine positive Erfahrung: „Da werden Erinnerungen wach und das setzt wiederum Energien frei“, erklärt Martine Wallenborn. Dann wieder kommen auch PatientInnen in ihre Praxis, die als erstes sagen: „Ditt mech awer lo net sangen, well dat kann ech net.“ Besonders Spaß macht ihr das Arbeiten mit MusikerInnen: „Wer Musik vor allem intellektuell analysiert, braucht lange, um eine emotionale Beziehung zu den Klängen aufzubauen.“ Mit einigen PatientInnen stellt Martine Wallenborn regelrechte Mixtapes zusammen, mit Liedern, die an wichtige persönliche Entwicklungsschritte erinnern.

Schon früh entdeckte Martine Wallenborn die Musik als ihren persönlichen Coach. Sie erlernte selbst ein Instrument, aber „ech war ni mat vir bäi“, sagt sie. Wichtiger sei es ihr gewesen, ihr Empfinden der Musik als Stütze an andere Menschen weiterzugeben. Nach dem
Abitur suchte sie nach einem Studium, das es ihr erlauben würde, Kunst und Therapie zu vereinen. Im Spos (Service de psychologie et d’orientation scolaire) wussten die BeraterInnen nicht weiter. Sie gaben ihr mit auf den Weg, falls sie doch noch Informationen auftreiben würde, diese doch an den Spos weiterzuleiten. „Sou am Genre: Wann Dir eppes erausfannt, da sot eis Bescheed.“ Martine Wallenborn studierte zuerst Psychologie, merkte aber bald, dass ihr der Kontakt zum Gegenüber fehlte. „Es war alles sehr theoretisch, ich konnte mir gar nicht bewusst werden, ob ich für diesen Beruf auch in der Praxis geeignet war.“ Stattdessen ließ sie sich zur Sozialpädagogin ausbilden und studierte danach Musiktherapie.

Der Beruf des Musiktherapeuten ist in Luxemburg nicht geschützt, im Prinzip könnte jedeR eine eigene Praxis eröffnen. Die Tatsache, dass im sozialen Bereich viele Musik einsetzen, ohne eine therapeutische Ausbildung zu haben, macht Martine Wallenborn Sorgen: „Musik wirkt bei jedem Menschen, da der Hörsinn bereits im Mutterleib durch Geräusche und Stimmen stimuliert wird“, sagt sie und warnt davor, Musik unbedacht zu therapeutischen Zwecken einzusetzen. „Da es eine sehr persönliche Erfahrung ist, kann man den anderen mit Musik auch tief verletzen.“ Um Aufklärungsarbeit über den Beruf zu leisten gründete Martine Wallenborn zusammen mit anderen MusiktherapeutInnen und Interessierten im März die „Gesellschaft fir Musiktherapie zu Lëtzebuerg“ (GML). Zur Zeit wird diese alternative Therapiemethode noch nicht von den Krankenkassen zurückerstattet. Die Selbstständigkeit ist nicht nur deshalb ein Risiko, weil viele Menschen vor dem Unbekannten zurückschrecken. „Sollte sich die wirtschaftliche Situation verschlechtern, dann werden immer weniger PatientInnen es sich überhaupt leisten können, eine Behandlung zu beginnen“, befürchtet sie.

Dabei wird gerade auf diesem Gebiet in Europa momentan viel geforscht. Zum Beispiel untersuchen WissenschaftlerInnen die Wirkung der Stimme der Mutter auf Frühgeborene. Die GML wünscht sich vor allem europäische Richtlinien, was die Ausbildung von MusiktherapeutInnen angeht, da bisher jedes Land das Studium anders ausrichtet. Bei Martine Wallenborn machte die Selbsterfahrung einen wichtigen Teil aus: „Zuerst erschien mir diese Beschäftigung mit mir selbst ein wenig überflüssig.“ Später sei ihr aber bewusst geworden, wie wichtig es ist die Themen, die einen persönlich betreffen, genau zu kennen, um einem anderen wirklich eine Stütze sein zu können. Das kommt besonders beim Heraussuchen von Musikstücken zum Tragen, die in der Therapie eingesetzt werden. „Es gibt Lieder, die ich nie mit in eine Sitzung nehmen würde“, sagt sie, „weil sie mich selbst zu sehr berühren.“

Auch Menschen, die den Begriff der Musiktherapie noch nie gehört haben, setzen die Methoden unbewusst im Alltag ein, sagt die Therapeutin, viele wüssten instinktiv für sich selbst, welche CD melancholisch stimmt, welche die Stimmung aufhellt. „Das Schwierige ist“, so Wallenborn, „auch für die Öffentlichkeit, den Unterschied zwischen Musikkonsum und dem therapeutischen Einsatz von Musik zu definieren.“ Die junge Frau ist sich der Verantwortung bewusst, die ihr Beruf mit sich bringt: „Ich weiß, dass es nicht um die Musik als solche geht. Es geht vor allem um die Seele.“

Die Gesellschaft für Musiktherapie in Luxemburg ist keine Berufsvereinigung, sie steht allen Interessierten offen. Am Freitag, dem 15. Oktober, organisiert die GML um 19.30 Uhr im Bâtiment des Sciences der Université du Luxemburg auf dem Limpertsberg eine Konferenz zum Thema „La musicothérapie a de multiples facettes“. Am Sonntag, dem 24. Oktober, findet eine Studientagung im „Waasserhaus“ in Mondorf statt, bei der verschiedene Aspekte der Musiktherapie vorgestellt werden. Weitere Informationen unter Tel: 23 63 94 33 / 36 07 44 / 26 62 98 21 oder E-mail: musiktherapie@email.lu

Vom 16. Oktober bis zum 4. Dezember organisiert das Info-Video-Center zahlreiche Projekte rund ums bewusste Hinhören. Nähere Informationen unter www.info-video-center.lu


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