INTERVIEW: Die Verhältnisse verändern

Woxx sprach mit dem Journalisten Romain Hilgert, dessen Ausstellung „300 Jahre Zeitungen in Luxemburg“ am vergangenen Mittwoch ihre Pforten öffnete.

Vom „Brandstëfter“ über die kommunistische „Zeitung“ zum inoffiziellen Regierungskritiker im „Lëtzebuerger Land“, Romain Hilgert hat als Selbstverleger und Journalist fast alle Facetten des Luxemburger Pressewesens durchlebt.

woxx: War die erste Zeitung, die vor 300 Jahren erschien und eigentlich gar nicht für den Luxemburger Markt gedacht war, eher ein Zufall, oder hat dieses Embryo gleich gefruchtet und schnell zu einer regen Publikationswelle geführt?

Romain Hilgert: Es wäre ein Irrtum „La Clef du cabinet des princes de l’Europe“ als Embryo zu bezeichnen. Sie war ein Meisterwerk das fast ein Jahrhundert lang erschien und es auf insgesamt 112.000 Seiten brachte. Die Embryos kamen danach.

Im Weltmaßstab betrachtet sind Luxemburger Zeitungen natürlich genauso uninteressant wie andere Provinzzeitungen. Interessant ist ihre zentrale Rolle in der öffentlichen Debatte, ihr Beitrag zur Demokratie hierzulande.

Am Ende des 18. Jahrhunderts gab es die ersten Blätter, die sich direkt mit Luxemburg befassten. Der Übergang war graduell. Die französische Revolution brachte dann eine gewisse Modernität nach Luxemburg. Aus dieser Zeit stammt das „Journal du Département des Forêts“ – eine Publikation, deren Existenz bis heute unbekannt war. Überhaupt gibt es eine Reihe von Zeitungen, die zwar hier erschienen sind, von denen aber in Luxemburg nirgendwo mehr Belegexemplare existieren. Es gab dann auch die erste „linke“ Zeitung, die sich als eine Art jakobinistisches Blatt nach dem Abschluss der Revolution mit der Obrigkeit auseinandersetzte – herausgegeben von einem einfachen Drucker, namens Ponce Cercelet. Das ist das faszinierende für mich: Wie mit ganz einfachen Mitteln immer wieder Presseprodukte entstanden sind, manchmal nur mit Auflagen von hundert Exemplaren, die versuchten die politischen Verhältnisse zu verändern.

Im 19. Jahrhundert taucht auf einmal eine Vielzahl an Titeln auf. Demnach war der Luxemburger Pressemarkt doch nicht so eng, als dass er nicht eine gewisse Pluralität zugelassen hat.

Damals war die Pluralität vielleicht sogar größer als heute. Damals war eine Zeitung ein handwerkliches Produkt, während es heute ein Industrieerzeugnis ist. Auch die geografische Ausdehnung war anders: Es gab ungefähr 20 verschiedene Ortschaften in denen Zeitschriften erschienen. Heute findet das, mit einer Ausnahme, alles in der Hauptstadt statt. Clerf, Wiltz, Mersch – ja sogar Stadteile wie Limpertsberg, hatten ihre eigenen Zeitungen.

Die ersten Zeitschriften waren auf Französisch. Wann hat denn der Umschwung ins Deutsche stattgefunden?

Wir dürfen nicht vergessen, dass es eigentlich keine rein deutschsprachigen Zeitschriften in Luxemburg gibt. Neben rein französischen Zeitungen, existieren eine Reihe mehrsprachiger Publikationen, in denen Deutsch zwar dominiert, aber auch Französisch und etwas Luxemburgisch vorkommt. Der erwähnte Umschwung fand Ende des 19. Jahrhunderts statt, als sich der Presse eine breitere Leserschaft erschloss: Der Analphabetismus ging zurück, und das Zensuswahlrecht wurde ausgeweitet. Profitiert haben davon die Liberalen, die die Luxemburger Presselandschaft in dieser Zeit dominierten. Deren französischer „Courrier“ wurde zur „Luxemburger Zeitung“.

Ab wann spielte denn die Werbung eine größere wirtschaftliche Rolle?

Die erste Werbung findet sich Anfang des 19. Jahrhunderts. Allerdings kann das kaum als großer ökonomischer Faktor gewertet werden: Die Tarife waren damals so niedrig, dass man eine Anzeige schalten konnte um sich nach einem verloren gegangenen Schirm zu erkundigen.

Die Werbung gewann erst später an Bedeutung, als den Bürgern in den Städten die Produkte der Industrie schmackhaft werden sollten.

Wann gab es denn die ersten „Berufs“-Journalisten, die von ihrer Zeitungsarbeit leben konnten?

Der erste Luxemburger Journalist war Claude Jordan, der die „Clef du cabinet des princes“ verfasste. Er hatte einen Vertrag mit seinem Herausgeber, der ihm für jede Nummer einen bestimmten Betrag auszahlte. Im 19. Jahrhundert war die Situation eine andere: Damals musste man nebenbei arbeiten um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, oder man hatte von Hause aus genug Geld.

Um die Jahrhundertwende gab es die ersten Journalisten, die nicht auch noch Drucker oder sonst etwas waren.

Das Bewusstsein eines eigenständigen Berufes entstand aber wohl erst viel später. Hier weist Luxemburg einen Rückstand auf, der bis heute nachwirkt. Die Drucker bildeten die erste gewerbeübergreifende Gewerkschaft hierzulande, die Journalisten haben es bis heute nicht geschafft.

Einen weiteren Umbruch hat es nach dem Zweiten Weltkrieg gegeben. Wie ist diese Presselandschaft, die ja in großen Teilen bis heute andauert, entstanden?

Der markante Aspekt der Nachkriegszeit ist der Niedergang der liberalen Presse. Sie dominierte im 19. Jahrhundert und hatte auch noch in der Vorkriegszeit einen gewissen Einfluss mit der „Luxemburger Zeitung“, die nach dem Krieg nicht wieder erscheinen konnte. Die liberale „Obermoselzeitung“ wurde mit der „Unio’n“ zum „Journal“ verschmolzen, das aber nie wieder an alte Zeiten anknüpfen konnte. Aber auch die zahlreichen Lokalblätter verschwanden. Auf der anderen Seite verfügten die Parteien, die im Abgeordnetenhaus vertreten waren, über
ihre eigene Zeitung und ihre eigene Druckerei. Diese Aufteilung galt mit wenigen Ausnahmen bis zum Ende des kalten Krieges.

Es ist doch aber auch die Zeit der Dominanz eines „Luxemburger Wort“ …

Im Gegensatz zu dem was oft gemeint wird, war das „Luxemburger Wort“ nicht von Anfang an eine Success-Story. Erst mit der Einführung des
allgemeinen Wahlrechtes 1919 gewann die katholische Bewegung zu Lasten der liberalen Konkurrenz an Gewicht. Es bleibt als Fazit, dass die katholische Partei das letzte Jahrhundert dominierte und Entsprechendes galt für ihre Presse.

Und es ist nicht so, dass das „Wort“ keinen Einfluss mehr hätte.

Das Aufkommen neuer Medien – Radio und Fernsehen – haben die Informationshegemonie des „Wort“ zurückgedrängt. Aber die Vormachstellung, etwa im Bereich der Anzeigen, bleibt bestehen. Und die heutige Auflage dürfte so hoch sein wie kaum je zuvor.

Überall sonst auf der Welt geht die Rede vom Zeitungssterben. Gibt es auch in diesem Punkt einen Luxemburger Sonderweg?

Es gilt aufpassen was hier miteinander verglichen wird. International sind die großen, nationalen Zeitungen in der Krise. Das gilt aber nicht für die Provinzblätter. Die Luxemburger Presse ist gleichzeitig National-, Provinz- und Parteipresse. Vor allem die kleinen Zeitungen funktionieren entsprechend einer politischen Logik, die sich nicht mit normalen wirtschaftlichen Kriterien vergleichen lässt.

Daneben ist die Luxemburger Presse weit weniger professionell. Sie arbeitet mit weniger festem Personal, setzt viel mehr auf Selbstausbeutung, Korrespondenten und sonstige Zuarbeiter, die kein oder nur wenig Geld kosten. Es gibt keine Auslandskorrespondenten, es brauchen keine Büros in Paris oder in New York unterhalten zu werden.

Die LeserInnenzahl ist aber doch begrenzt. Und nur Papier zu bedrucken, macht ja keinen Sinn.

Eine naive Analyse würde ergeben, dass alle 20 Jahre eine Art Saturation entsteht, die aber wieder durch Märkte, die neu erschlossen werden abgeschwächt wird. So haben in den letzten Jahren „Le jeudi“, „La Voix“ und „Le Quotidien“ neue Leserschaften erreicht, die vorher der „Républicain Lorrain“ nicht hatte.

Die beiden größten Erfolge in dieser Hinsicht in den letzten 25 Jahren sind „Télécran“ und „Den neie Feierkrop“. Ende der 70er Jahre hätte niemand voraussagen können, dass neben der Revue eine zweites Wochenmagazin Bestand haben könnte. Auch die Auflagenstärke des „Feierkrop“ über so viele Jahre hat niemand erwartet. Die größte Wochenzeitung des Landes ist der portugiesische „Correio“, der überlebt auch ohne Pressehilfe.


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