THEATER: Monolog für Engelmann

Im Alter von nur 35 Jahren erhängte sich der Luxemburger Lehrer René Engelmann. Fast ein Jahrhundert später fragt André Link in einem Theaterstück nach dem Warum.

„Man investiert sich als Autor so sehr in einen Charakter, dass man zeitweise eins mit ihm wird.“: der Schriftsteller André Link

„Wünsche ihm alles Gute, fürchte aber.“ Diesen Satz notierte Jos Robert nach seinem letzten Treffen mit dem Kollegen Engelmann, am 13. August 1915, in sein Tagebuch. Zwei Wochen später wird der als jovial und umgänglich bekannte Gymnasiallehrer erhängt in seiner Wohnung aufgefunden. Engelmann hinterließ keinen Abschiedsbrief, der seine Tat hätte erklären können.

„Mit Selbstmord setzt sich jeder im Laufe seines Lebens auseinander“, sagt André Link. Ihn fasziniert das Thema seit seiner Kindheit. Es ist weniger der Freitod an sich, als seine ungeklärten Umstände, die den Autor beschäftigt haben. Der Luxemburger Literaturwissenschaftler Cornel Meder bröselte bereits vor etlichen Jahren in akribischer Kleinarbeit René Engelmanns kurze Lebensgeschichte auf. Link entschied sich hingegen für die literarische Sezierung. In seinem Ein-Mann-Psychogramm zeichnet er Engelmann, so wie er hätte sein können.

Enge Welt

Die Geschichte des Gymnasiallehrers ist schnell erzählt: Seine Mutter, Caroline Eltz-Engelmann, will, dass ihr ältester Sohn die Welt kennen lernt. Nach dem Abitur 1899 verlässt Engelmann das heimatliche Vianden, um in England, Frankreich und Deutschland zu studieren. Angestellt aber wird er schließlich im Diekircher Gymnasium. Obwohl er am Vereinsleben teilnimmt, fühlt sich der Freigeist eingeengt.

„Ich kenne das klein karierte Diekircher Milieu aus eigener Erfahrung“, sagt Autor Link und lächelt, als verstehe er nur allzu gut, warum Engelmann das Gefühl haben musste, in der Provinz zu versauern.

Nicht nur geografisch strebte Engelmann in die Ferne. Er hatte Ambitionen. Das Gymnasium schloss er als Landesbester ab. Am 16. Oktober 1903 wird er, nur 23-jährig, zum Doktor der Philosophie und der Literatur ernannt, „avec grande distinction“.

„Ich kann die persönliche Verbitterung eines Menschen durchaus verstehen“, sagt Link, „der das Gefühl hat, dass seine Anstrengungen nicht angemessen belohnt werden.“ Nach seinem Tod wird Engelmann in liberalen Kreisen zu einem geschätzten Autor. Zeitlebends aber häuften sich die Absagen und die abgelehnten Manuskripte. Die Lektüre anderer luxemburgischer Literaten wie Norbert Jacques stürzte ihn in Selbstzweifel. Er habe ihn deshalb als „Melancholiker“ darstellen wollen, erklärt Link. Regisseur Charles Müller und Schauspieler Claude Mangen haben die Figur durch ihre Bearbeitung noch einmal verändert. „Er ist exzentrischer geworden“, bemerkt der Autor. Auf der Bühne trägt Mangen einen Zwicker und einen kleinen Schnurrbart.

Eigentlich gibt es drei Engelmänner: Müllers und Mangens Bühneninkarnation, Links schwermütigen Außenseiter und nicht zuletzt die historische Figur. Während Engelmanns literarische Frustration teilweise durch seine Schriften bewiesen ist, stellt das Stück aber auch Hypothesen auf, die sich lediglich auf Vermutungen stützen.

Unglückliche Liebe

Engelmann setzte seinem Leben nur wenige Wochen nach seiner Verlobung ein Ende. Seine Zukünftige, die Tochter des Postdirektors, war es, die den Leichnam fand. In „Engelmann“ erklärt sich der Akt des Protagonisten durch seine Homosexualität, die er weder ausleben, noch sich selbst eingestehen konnte.

Wirkliche Belege für diese Vermutung gibt es jedoch nicht. „Nichts bestätigt meine Theorie“ räumt Link ein, „aber es liegt doch nahe, dass die Verlobung direkt oder indirekt der Auslöser gewesen sein muss.“

Im Stück beschäftigt Engelmann in den letzten Stunden die unglückliche Liebe zu seinem Schulkollegen Paul. Eigentlich muss sich Link den Vorwurf gefallen lassen, dass dieser Erklärungsversuch mittlerweile in Film, Literatur oder Theater bereits zum vielzitierten Topos geworden ist. Unterdrückte Leidenschaften müssen zwangsläufig tragische Konsequenzen bergen und die, aus welchem Grund auch immer, aus der Gesellschaft Ausgeschlossenen, wählen häufig als letzten Ausweg den Selbstmord. Engelmann lebte um die Jahrhundertwende. Zu dieser Zeit war es durchaus denkbar, dass ein Mensch seine sexuellen Neigungen unterdrücken musste. Heute scheint die Gesellschaft offener geworden zu sein. „In gewissen Kreisen wird Homosexualität dagegen nach wie vor totgeschwiegen“, meint jedoch Link.

Er wollte ein tragisches Schicksal beschreiben: ein ernstes Ein-Mann-Stück. „In der Theatergeschichte sind die meisten Monologe weibliche Rollen.“ Diese eher sperrige Form, die dem Buch näher ist als der Bühne, fasziniert den 55-jährigen Autor. „Es ist eine sehr intime Form.“ Bereits beim Schreiben dachte er daran, Claude Mangen die Rolle anzubieten. Der luxemburgische Schauspieler hat in seiner Doppelrolle in „Du bist meine Mutter“ (2000) eindrucksvoll bewiesen, dass Monologe nicht zwangsläufig dröge und schwer verdaulicher Stoff sein müssen.

Ausweglosigkeit

Eigentlich spricht Mangen alias Engelmann gar nicht in erster Linie mit sich selbst. Er führt Gespräche mit Abwesenden, versucht das Unausgesprochene in letzter Sekunde doch noch in Worte zu fassen. An Mutter, Vater und Freunde richtet er imaginäre Briefe. „Ich habe selten erlebt, dass sich jemand so intensiv mit einem Stück auseinander setzt“, wundert sich Link angesichts der Herangehensweise von Mangen und Müller. Bereits im Sommer begannen sie mit den Proben, jeder Satz wurde unter die Lupe genommen, die persönliche Entwicklung des Protagonisten immer wieder hinterfragt.

Die Nachkommen des wirklichen René Jean Engelmann hat Link nicht kennen gelernt. Vor ihrer Reaktion hat er keine Angst – „sein“ Engelmann scheint für ihn längst eine eigenständige Figur geworden zu sein: „Man investiert sich als Autor so sehr in einen Charakter, dass man zeitweise eins mit ihm wird.“ Wer Links erstes aufgeführtes Stück „De Keller“ (2002) gesehen hat, weiß, dass die Figuren gewisse Gemeinsamkeiten haben.
Auch die einsame alte Frau (Monique Reuter), die dem Publikum ihre Lebensgeschichte erzählt, konnte ihre Liebe zu einem versteckten Soldaten nicht ausleben und wird schließlich wahnsinnig. Im Keller liegen die Leichen – im wirklichen wie im übertragenen Sinn.

Als Theaterautor musste Link in der Vergangenheit teilweise recht harsche Kritiken einstecken. „Den André Link ka keng Stécker schreiwen“, schrieb Romain Hilgert nach der Premiere von „De Keller“ beim Stengeforter Theaterfestival. Link, der selbst Kritiker ist, zuckt nur mit der Schulter. Die Geste ist deutlich: Manchen Leuten kann man es halt nicht recht machen.

Aber auch Hiebe unter die Gürtellinie können ihm seine Faszination für das Medium Theater nicht nehmen. „Für mich ist es immer wieder spannend, live zu erleben, wie der Zuschauer auf ein Stück reagiert.“ Bei seinen Prosaveröffentlichungen (zuletzt „Feuerspiegel“) vermisst er den direkten Dialog mit dem Publikum. Link lässt seine Texte los, mischt sich als Autor nicht ein, immer wieder erstaunt darüber, wie sich das Original letztendlich auf der Bühne verwandelt: „Die Inszenierung ist eine Metamorphose“, sagt er.

„Engelmann“ mit Claude Mangen, in einer Inszenierung von
Charles Müller am 20., 26. und 27. November um 20 Uhr und am 21. und 28. November um 16 Uhr im Schloss Vianden.


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