TANZ: Zwischen Couch und Tanzparkett

Wer bin ich? Das Projekt „Choreography“ des Luxemburger Choreographen Bernard Baumgarten ist der Versuch, die eigene Identität tanzend zu erkunden.

„Choreography“, noch an diesem Freitag, den 10. und am 15. Dezember um 20 Uhr im Escher Theater.

Ein Hinterhof in der Straßburger Straße. Es regnet. Bauarbeiter huschen durch das Halbdunkel. In einem der Gebäude hat sich die Church of God einquartiert. Erst beim näheren Hinsehen entdecke ich die Studios des Théâtre Danse et Mouvement (TDM). Helle Räumlichkeiten mit weiß getünchten Wänden. Dort arbeitet Bernard Baumgarten mit seiner Truppe Unit Control an dem ungewöhnlichen Projekt „Choreography“.

„Make it a cross between a stewardess and a cartoon character“ sagt er zu der kanadischen Tänzerin Yohanna Stange. Na klar, nichts einfacher als das. Die 24-Jährige seufzt: „Kill me now!“ Und versucht die Szene trotzdem noch einmal. Sie stapft durch die Mitte des Raumes und fuchtelt mit den Armen, bis sich die anderen vor Lachen schütteln. Stange ist das Energiebündel der Truppe. Neben ihr stehen noch drei weitere TänzerInnen auf der Bühne: Aglaia Kioussi und Jorgos Fokianos aus Griechenland sowie Krysztof Zawadzki aus Polen. Kioussi ist die Aufbrausende, Zawadzki der Introvertierte. Und Jorgos? „Der ist so etwas wie der Philosoph der Truppe“, erklärt Baumgarten.

Illustre Unbekannte

In der Regel interessieren die ZuschauerInnen solche privaten Informationen über die Akteure auf der Bühne nicht. Aber bei „Choreography“ ist es anders. Hier schlüpfen die TänzerInnen nicht in eine Rolle, sondern spielen sich selbst. Sie „spielen“?

„Gerade das ist die große Frage, die das Stück stellt“, sagt der Choreograph, „wie viel kannst du von dir zeigen, ohne dich zu verstellen?“ Und ohne sich selbst etwas vorzumachen. „Bist du das noch?“ lautet die Frage, die das Team während des Arbeitsprozesses immer wieder stellt.

Nachdem er sich in seinen vorherigen Projekten wie „Pseudo.Krupp“ (über den letzten Nachkommen der Krupp-Familie) oder „Henry/Anais“ (über Henry Miller und Anaïs Nin) mit den Lebensläufen bekannter Persönlichkeiten beschäftigte, hatte Baumgarten eigentlich genug vom Kramen in fremden Nähkästchen. Dann kam ihm die Idee, die Geschichte der TänzerInnen selbst in den Mittelpunkt zu stellen.

„Wir haben die Personen in erster Linie auf Grund ihrer Biographien ausgesucht“, sagt Baumgarten. Vor dem Casting mussten die KandidatInnen einen Text einreichen und einen Fragebogen beantworten. Das tänzerische Können gab dann letztendlich den Ausschlag. Auf der Bühne sind vier Räume sorgfältig aufgeteilt, jedeR Mitwirkende kann seine eigene Privatsphäre individuell gestalten. Sie wählen ihre eigene Musik aus, helfen beim Aussuchen der Accessoires und der Kostüme. „Sie lieferten mir einen Rohdiamanten“, erklärt Baumgarten, „ich musste ihn nur noch in Form bringen.“

Wenn KünstlerInnen ihr Innerstes nach Außen kehren, dann stoßen sie dort häufig auf Schwerverdauliches. Aber „Choreography“ versteht sich nicht als sperriges Psychodrama. „Es gibt intensive, aber auch sehr ironische Momente.“ Die Ironie ergibt sich vor allem aus der Gesell schaftskritik, die Baumgarten neben den intimeren Einsichten aber auch formulieren möchte. Ganz besonders auf dem Kieker hat er das große Auspacken bei den Reality-TV-Shows. Eigentlich ist das Thema ja schon längst gegessen. Gerade deshalb, glaubt Baumgarten, seien die ZuschauerInnen bereit, sich satirisch damit auseinanderzusetzen.

Dass die ZuschauerInnen sich vielleicht gar nicht für die Erlebnisse der vier TänzerInnen interessieren könnten, das fürchtet der 40-Jährige nicht. „Allein dadurch, dass sie Künstler sind, unterscheiden sie sich vom Otto-Normalverbraucher.“ Sie sind alle viel gereist – sie fühlen sich oftmals entwurzelt. Eine der Fragen, die das Stück stellt, ist deshalb auch, warum sich die vier für diesen eher unsicheren Lebensweg entschieden haben. „Choreography“ endet, ganz wie im richtigen Leben, mit dem Aufeinandertreffen der vier KünstlerInnen. Das ist aber eigentlich das einzige Element der Interaktivität. Im Laufe des Projektes bleibt jedeR allein, die anderen sind lediglich Werkzeug zum Erzählen der eigenen Geschichte.

Kein Tanztheater

Durch Bewegung allein ist dieses komplexe Gebilde von Lebensgeschichten kaum auszudrücken. Deshalb greift Baumgarten auf andere Ausdrucksformen zurück, in besonderer Weise auch auf den Text. Jedoch, die TänzerInnen sind keine SchauspielerInnen. „Wir machen kein Tanztheater“, betont Baumgarten. Es ist ein schmaler Grad zwischen den Genres, und der Choreograph hat die Aufgabe einen roten Faden in die Vielfalt zu bringen. Natürlich haben LiebhaberInnen des zeitgenössischen Tanzes im Publikum einen Heimvorteil, aber eigentlich soll „Choreography“ für jedeN nachvollziehbar und auch ansprechend sein. „Spannend wird es wenn die Identifikation beginnt.“ Denn jedeR identifiziert sich zwangsläufig mit einem der vier ProtagonistInnen. Und beginnt vielleicht über seine eigene Lebensgeschichte nachzudenken.

Für Kioussi, Stange, Fokianos und Zawadzki ist die Arbeit an „Choreography“ eine neue, aber keine vollkommen ungewohnte Erfahrung. „Wer zeitgenössischen Tanz betreibt, muss sich zwangsläufig mit sich selbst auseinandersetzen“, sagt Baumgarten. Für die Improvisation sei es wichtig, sich seine eigene Vergangenheit zu Nutze zu machen. Die russische Schule wandte dieses Rezept bereits in den Siebzigern an. Der Choreograph ist gespannt, ob der Funke überspringt, ob sich das Publikum auf das Spiel einlässt.

Reality-TV, zeitgenössisches Crossover zwischen den Genres, schön und gut, aber eigentlich interessiert sich Baumgarten aus einem ganz einfachen, fast rückwärtsgewandten Grund, für die Thematik von „Choreography“. Er stellt fest, dass sich der Gebrauch des Geschichtenerzählens innerhalb der Familie mehr und mehr verliert. Eine Tatsache, die er bedauert: „Vielleicht sind wir deshalb so scharf auf Reality-Shows.“ Er selbst hat es als Jugendlicher genossen, wenn sein Großvater alte Kriegsgeschichten hervorkramte und dabei vielleicht so manches Detail ein wenig ausschmückte. „Ich mag diese ganz eigenen Familiensagen.“ Auch Bernard Baumgarten könnte einiges erzählen, von gefährlichen Aufenthalten an der russischen Grenze oder Irrungen durch den indischen Dschungel.

Aber es reicht ihm mittlerweile, die anderen erzählen zu lassen. Er selbst möchte nicht mehr als Tänzer auf der Bühne stehen. Als Choreograph packt ihn manchmal die Ungeduld, da möchte er die Szenen am liebsten gleich wieder ändern – bloß weil er sie schon ein paar Mal gesehen hat. Dann bremst ihn Dramaturgin Julia Lammertz. Eine Fortsetzung des „Choreography“ – Projektes plant er deshalb zur Zeit nicht. Obwohl es spannend sein dürfte, zu sehen, wie sich das gleiche Konzept mit vier anderen DarstellerInnen verändern könnte. „Das wäre schon interessant“, räumt er ein, „aber ich lasse mich nur auf etwas ein, wenn es wirklich eine Weiterentwicklung verspricht.“

„Hey, you’ve got a Canadian flag on your backpack“, sagt Yohanna Stange zu mir, als ich mich wieder auf den Weg mache nach draußen in den Nieselregen. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Die Tanzgruppe UnitControl, mit Sitz in Luxemburg und Berlin, besteht seit 1995. Die Kompanie versucht auch verschiedene Kunstbereiche zu verbinden, wie Tanz, Video oder Text. In ihren Tanzlaboratorien lotet UnitControl die Ausdrucksmöglichkeiten aus, die später Teil der eigentlichen Produktionen werden.


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