MUSIK: Spielwiese

Operation gelungen, Patient tot. Nach vier erfolgreichen Ausgaben verabschiedet sich das luxemburgische Newcomerfestival Emergenza.

Wir schreiben das Jahr 2003: Eine überdimensionale Vagina tanzt über die Bühne der Escher Kulturfabrik. Eine Person undefinierbaren Geschlechts mit einem Schnurrbart aus schwarzem Klebeband und ebensolcher Achselbehaarung, stürzt sich in die Menge. Sogar die Tontechniker tragen Tangas.

Die anarchische dritte Ausgabe des Emergenza Talentschuppens war ein denkwürdiges Happening. Plötzlich begeisterte das eher biedere Konzept des Newcomer-Wettbewerbs die Massen und sogar der Herr, der nach jedem Act ungelenk Promo-T-shirts ins Publikum beförderte, erlangte für kurze Zeit Kultstatus. Junge Gruppen, gerade dem Proberaum entwachsen, durften sich auf der Bühne der Kulturfabrik austoben, und alle wollten dabei sein. Ein Trend schien geboren.

Von Dada bis nüchtern

Aber das soll nun vorbei sein. Nachdem sich das Event fest im Kalender etabliert hatte, haben sich die luxemburgischen OrganisatorInnen entschieden, dem Treiben ein Ende zu setzen. Bevor Ursachenforschung betrieben wird, ein kleiner Rückblick auf das, was bisher geschah: Denn so lustig wie 2003 ging es nicht immer zu.

Als der Luxemburger Musikpromoter Sascha Lang und seine Gesellschaft „Get-up Music“ das ursprünglich aus Italien importierte Konzept hierzulande 2000 zum ersten Mal stattfinden ließen, nahmen die Akteure der Musikszene das alles noch durchaus ernst. Im Finale tummelten sich damals alte Bühnenhasen wie State of Mind oder Fluyd, – und die Trip-hop-Profis Low Density Corporation machten das Rennen. Auch 2001 bewährten sich noch die „valeurs sûres“: die melancholisch-eingängigen Blue Room, Chaos am Re mit ihrem Dada-Rock und die Country-Folker Sonic Season. Dass die Jury – die im Finale das letzte Wort hat – dann die kantigeren Tiger Fernandez aufs Treppchen hob, gefiel nicht jedem. Es war ein fast schon gewagter Schritt in Richtung alternative Glaubwürdigkeit.

Nachdem Low Density Corporation zwar im Zuge ihres Sieges ziemlich viel durch die Weltgeschichte touren durften, genau wie Tiger Fernandez aber trotz unbestreitbarem Potential nicht den Durchbruch erlebten, setzte die Ernüchterung ein. 2003 traten die „großen“ Namen der hiesigen Szene nicht mehr an, aus Angst sich beim öffentlichen Gladiatorenkampf um die Gunst des Publikums zu blamieren, ohne letztendlich aber auf einen wirklichen Karrieresprung hoffen zu können. Die Emergenza wurde zur Spielwiese. Für genialischen Unsinn von Bands wie den Mighty Pussy Lickers, aber auch für offensichtlich Überambitionierte und Altrocker im Jugendwahn. So versuchten sich Thorax an AC/DC-Coverversionen mit dazugehörigem Begattungs-Tanz rund ums Mikro. Ein Höhepunkt der besonderen Art war auch die ausgeklügelte Show der Glamrocker Lifewire, die mit Glitzermantel und Manager im Backstage-Bereich ganz großes Kino veranstalteten.

Freischwimmen ins Leere

Nach jeder Emergenza war die Bilanz irgendwie durchwachsen. Die meisten angetretenen Bands lösten sich sang- und klanglos wieder auf. 2003 grassierte dieses Fieber sogar während der Ausscheidungen, so dass sich noch im Laufe des Wettbewerbes zahlreiche TeilnehmerInnen aus dem Rennen verabschiedeten. Die letzte Ausgabe bot trotzdem vor allem Newcomern wie Couchgrass, Inborn oder Myein die Möglichkeit, sich in Windeseile einen Namen in der Szene zu machen und auch Insidertipps wie die Chief Mart’s gewannen neue Fans.

International jedoch hatte der Wettbewerb kaum Resonanz. Dabei hatte Get-up Music dem Emergenza-Mutterhaus das Konzept mit der Hoffnung abgekauft, die nationalen Bands in eine grenzübergreifende Struktur einzubinden. Fehlanzeige. „Es scheint als würden sich die Verantwortlichen gar nicht für Luxemburg interessieren“, sagt Sascha Lang. Die „Verantwortlichen“, das ist mittlerweile eine beachtliche Konzertmaschinerie mit Niederlassungen weltweit und recht zweifelhaften Geschäftsmethoden.

Deshalb beschloss Get-up Music sich vom großen Bruder loszusagen. Im Mai dieses Jahres nach dem Finale macht Emergenza endgültig dicht. In Zukunft soll es wieder ein Newcomerfestival geben, über die genauen Pläne möchte sich Lang jedoch noch nicht äußern.

Das Ende der Emergenza – ein Grund zum Trübsalblasen? Obwohl man den Wettbewerbsgedanken in Frage stellen kann, so bot der Wettbewerb doch MusikerInnen jeder Couleur ein einzigartiges Forum: sämtliche Runden fanden in der Kulturfabrik statt, die einzige Teilnahmebedingung war die Bezahlung einer Gebühr. Um ungeeignete KandidatInnen von vorneherein auszusondern, haben die OrganisatorInnen in diesem Jahr verschiedene Einschränkungen eingeführt (die Band muss seit drei Monaten bestehen, der Altersdurchschnitt darf die 30 nicht überschreiten). Aber sonst liegt die Entscheidung über Sieg und Niederlage ganz beim Publikum, das durch Handheben für seinen Favoriten abstimmt.

Und das ist auch der Knackpunkt. Erwartungsgemäß müssten die Bands, die am meisten Karten verkaufen, die Nase vorn haben. Lang bestreitet das: „Es gibt natürlich Beispiele, die diese Regel bestätigen. Aber wir erleben auch oft Überraschungen.“ Spyglass zum Beispiel schafften es 2003 auch ohne massives Absetzen von Tickets bis ins Halbfinale. Lang behauptet: „Es gibt kein demokratischeres System. Jedem bleibt überlassen, wie viele ZuschauerInnen er mitbringen möchte.“

Der Unterhaltungsfaktor der Abstimmung per Handzeichen ist jedoch zweifellos größer als ihre Zuverlässigkeit. Die Organisatoren bieten Zweiflern zwar die Möglichkeit das Resultat zu überprüfen, aber kaum einer nimmt die Prozedur wirklich ernst. Inwiefern Get-up Music selbst am Zähler drehen ist nicht festzustellen – das Votingsystem gehört jedenfalls zu den größten Schwachpunkten des Events.

Viel Kritik erntet das Team um Lang auch für das „Coaching“, das sie den Bands anbieten, die es über die Vorausscheidungen ins Halbfinale schaffen. Spätestens dann wird klar, dass hier vor allem das perfekt geschnürte Paket im Mittelpunkt steht. Musik als Produkt statt als Kunstform. Eine Band brauche eineN klar erkennbaren Front- (wo)man, einen eigenständigen Look, eine Show. Shoegazer, die auf der Bühne schrammelnd ihre bösen Geister austreiben, werden dazu aufgefordert, mehr Kontakt zum Publikum zu suchen.

Marketingstrategien aus Dieter Bohlens Nähkästchen – darauf können auch die Bands verzichten, die Emergenza eigentlich für ein ausgezeichnetes Sprungbrett halten. „Ohne die Emergenza hätten wir uns nie so schnell einen Namen machen können“, sagt einE TeilnehmerIn von 2003, „aber das Coaching müsste nicht sein.“ Lang merkt an, dass es sich bei diesen gut gemeinten Ratschlägen vor allem um ein Angebot an die Bands handelt: „Wer keine Beratung möchte, der muss unsere Vorschläge nicht annehmen.“ Über die Anarcho-Show der Pussys mit den lebensgroßen Geschlechtsteilen war er demnach auch nicht wirklich irritiert: „Die hatten sich wenigstens was ausgedacht.“

Ab Freitag, dem 18. Januar gehen nun zum letzten Mal an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden 24 hoffnungsvolle Nachwuchsbands an den Start, Tendenz vor allem hart bis rockig. Die Welle des coolen Understatements à la Couchgrass und Chief Mart’s ist vorbei. Dafür scheint Blues-Rock und Metal mit düster-gothischem Einschlag wieder voll im Trend zu liegen. Den Pressetexten der Bands nach zu urteilen wird es ordentlich Weltschmerz und Moll-Riffs regnen. Und nach dem Finale am 28. Mai ist es vorbei mit der Emergenza in Luxemburg. Neider, Nörgler und Hoffnungsvolle werden sie vermissen.


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