MUSIK: Der Musikmann

Charel Stoltz haut bei den Retro-Rockern
„Holy National Victims“ in die Saiten. Aber der 19-Jährige ist
auch gefragter Musik-Produzent.

Wie bist du eigentlich Produzent geworden?

Charel Stoltz: Mein Vater ist Musiker und wollte vor ein paar Jahren mit seiner Band ein paar Aufnahmen machen. Also hat er sich dazu die nötigen Geräte angeschafft. Ich habe daher sozusagen mein eigenes Studio, in dem ich sehr viel Zeit verbringe und ich viel ausprobieren kann. Stück für Stück habe ich mir Wissen über Aufnahmetechniken erarbeitet. Es war learning by doing; ich habe mir alles selbst beigebracht.

Bei welchen Bands hast du bisher an den Reglern gedreht?

Meine erste Produktion war das Debütalbum meiner Band Holy National Victims, ‚International Vegetable Meeting‘. Die Platte ‚Silly‘ von Myein, die 2004 erschien, war meine erste Zusammenarbeit mit einer anderen Gruppe. Das ergab sich eigentlich spontan. José, der Gitarrist von Myein, kam gelegentlich zum Jammen zu mir ins Studio, und irgendwann fragte er mich, ob ich Lust hätte, Myein zu produzieren. Nach Myein kamen dann auch langsam Anfragen anderer Bands, und so habe ich auch zum Beispiel ‚Nobody cares, nobody changes‘ von Extinct oder ‚Death Inside‘ von Rise up produziert.

Wie hast du dich seitdem weiterentwickelt?

Irgendwann genügte mein Equipment einfach nicht mehr meinen Ansprüchen. Aber mit einigen neuen Anschaffungen, und – ganz wichtig – mit einer Trennung zwischen Regie- und Aufnahmeraum im Studio eröffneten sich mir neue Möglichkeiten, die ich bei der Platte ‚Got Ska?‘ von Kunn & The Magic Muffins und bei ‚The Headtrance Sessions‘ von Inborn anwenden konnte. Technisch und musikalisch waren diese beiden Produktionen auch bis jetzt für mich die interessantesten Erfahrungen. Ich habe viel hinzugelernt. Natürlich klingen alle meine Aufnahmen immer noch amateurhaft, aber langsam komme ich dem Sound einer professionellen Produktion näher.

Nach welchen Kriterien suchst du die Bands aus, die du produzierst?

Am Anfang habe ich alle Angebote angenommen, manchmal auch nur wegen des Geldes. Ich war früher nie wirklich von Punk angetan, ich hielt es immer für Geschrammel und Lärm. Aber Extinct konnten mich in dem Punkt eines Besseren belehren und bewiesen mir, dass das nicht immer so sein muss. In der Hinsicht habe ich also nicht mehr so viele Vorurteile gegenüber verschiedener Musikgenres. Ich achte eher auf das Potenzial einer Band, als auf ihr technisches Können. Ich hätte zum Beispiel keine große Lust, eine Band aufzunehmen, die seit zwei Jahren aktiv ist, und trotzdem noch nichts zustande gebracht hat. Was bis heute für mich als Produzent nicht in Frage kommt, ist Techno und HipHop. Diese Musik interessiert oder reizt mich einfach nicht. Ich achte bei der Bandauswahl auch darauf, dass ich mich einigermaßen mit den Leuten verstehe. Natürlich könnte ich auch mit Menschen arbeiten, mit denen ich privat nichts zu tun haben wollte, aber das würde dann keinen Spaß machen.

Kommt es auch manch-mal zu Auseinandersetzungen zwischen Musikern und dir?

Nein, bis jetzt habe ich mich mit allen Gruppen immer sehr gut verstanden, und natürlich kommt das später auch der Aufnahme zugute. Ich mag es allerdings weniger, wenn die Musiker immer noch ihre Freunde und Bekannte mit ins Studio bringen. Das ist pure Zeitverschwendung. Am Besten kann ich mit zwei oder drei Musikern im Studio arbeiten, die dann ihre Spuren ungestört einspielen. Ich erwarte ein gewisses Maß an Disziplin während der Aufnahmen – aber wenn wir abends fertig sind, dann wird hier im Studio auch oft noch bis spät in die Nacht gefeiert.

Was den Sound der Band angeht – welche Rolle spielst du als Produzent?

Das ist von Fall zu Fall verschieden. Ich nehme die Band auf, ich mixe die einzelnen Spuren zusammen und danach mastere ich sie. Das sind meine drei Aufgaben. Aber wenn die Gruppe es zulässt, dann bringe ich mich gerne auch etwas stärker mit ein. Bei Inborn habe ich beispielsweise an ein paar Geigenarrangements mitgeschrieben, ich habe einige Klavier- und Gitarrenparts eingespielt. Ich konnte experimentieren. Ansonsten versuche ich herauszufinden, was gut für den Bandsound sein könnte. Aber aus einem schlecht klingenden Schlagzeug kann auch ich nicht viel herausholen. Ich bin also nicht allein für die Klangqualität eines Albums verantwortlich.

Hast du ein Vorbild?

Nicht wirklich, denn man bekommt ja nicht richtig mit, wie andere Produzenten hinter ihrer Studiotür werkeln. Ich würde gerne einigen meiner Kollegen über die Schulter schauen, um danach beurteilen zu können, wie viel sie zum Bandsound beitragen. Wenn ich ein Vorbild nennen müsste, dann wäre das George Martin (Produzent der Beatles, d. Red.), weil man bei ihm wirklich sagen kann, Bahnbrechendes geleistet zu haben. Die Produktion des Albums ‚Get Born‘ von Jet gefällt mir auch sehr gut, es klingt Old-School und Retro, ist aber trotzdem zeitgemäß.

Du machst dieses Jahr Abitur. Hast du Pläne für die Zeit danach?

Wenn alles klappt, dann möchte ich nach dem Abitur in London studieren, an der School of Audio Engineering. Des Weiteren möchte ich endlich das neue Album meiner eigenen Band aufnehmen. Do kënnt eng gehirlos Bomm. Wir haben sehr viel Material – vielleicht können sich die Fans sogar auf ein Doppelalbum gefasst machen. Da werde ich auch das erste Mal ein Album live aufnehmen, das heißt, wir spielen alle Instrumente gleichzeitig ein. Das wird eine große Herausforderung. Und wenn ich dann noch Zeit finde, dann erfülle ich mir endlich einen lang gehegten Traum: ein Soloalbum. Ich höre schon genau in meinem Kopf, wie alles klingen soll. Ich muss es nur noch aufnehmen. Das wird eine Menge Zeit in Anspruch nehmen.

Und siehst du dich als Produzent auf Lebenszeit?

Ich möchte immer noch Rockstar werden (lacht). Sollte das nicht klappen, dann möchte ich als Tontechniker oder vielleicht auch als Studiogitarrist arbeiten, allerdings nicht hier in Luxemburg, sondern im Ausland. Und wenn alles schief geht, dann komme ich zurück nach Luxemburg und suche mir eine blöde langweilige Anstellung beim Staat, wo ich um vier oder fünf wieder zu Hause bin. Dann kann ich immer noch Musik in meiner Freizeit machen.

Charel Stoltz ist 19 Jahre alt und macht dieses Jahr Abitur auf der Musik-Sektion des städtischen Athénée. Er spielt seit 1999 Gitarre bei Holy National Victims (http://hnv.hn.funpic.de/). In seinem gemütlichen Studio in der Altstadt produziert er seit ungefähr zwei Jahren die musikalischen Ergüsse verschiedener nationaler Bands.


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