JEANNY KRATOCHWIL: Hinter den Kulissen

Fast jedes Mal, wenn sich in Luxemburg der Vorhang hebt, ist sie mit von der Partie. Und trotzdem bleibt die Bühnenbildnerin Jeanny Kratochwil am liebsten im Hintergrund.

Draufgängerin mit Realitätssinn: Jeanny Kratochwil arbeitet seit zwanzig Jahren als selbstständige Bühnenbildnerin.

Wer es gewohnt ist, vor allem hinter den Kulissen zu arbeiten, der fühlt sich im Rampenlicht oftmals nicht so richtig wohl. Jeanny Kratochwil liebt das Theater und ihren Beruf, aber auf die Bühne drängt es sie nicht. Höchstens am Premierenabend, wenn auch das Team ausnahmsweise auf die Bretter darf, um sich zu verbeugen.

Dem Theaterpublikum fällt es in der Regel kaum auf, das Bühnenbild. Erst wer einmal bei der Entstehung einer Bühnenproduktion dabei war, weiß wie viel Präzisionsarbeit in der Raumgestaltung steckt. „Es ist ein sehr handwerklicher Beruf“, sagt Jeanny Kratochwil. Kreativität allein reicht nicht aus, auch technisches Zeichnen und Wissen über die Beschaffenheit der verschiedenen Materialien gehören zur Ausbildung.

Besonders im Mozarteum in Salzburg, wo Kratochwil ihren Beruf erlernte, wurde viel Wert darauf gelegt, dass die StudentInnen ihre Entwürfe nicht nur erdenken, sondern auch umsetzen konnten. Vielen wuchs diese Aufgabe über den Kopf und sie sprangen schon nach kurzer Zeit wieder ab. Aber die damals 21-Jährige war auf die Herausforderung gut vorbereitet. Nachdem sie im Lycée des Arts et Métiers Innenarchitektur und Grafikdesign studiert hatte, bot sich ihr die Möglichkeit im Rahmen einer Sommerakademie in Salzburg sechs Wochen lang den Studiengang „Bühnenbild“ kennen zu lernen. Und nach einem einjährigen Praktikum beim Theater Trier war sie sicher, den richtigen Beruf für sich gefunden zu haben.

Das war ein wichtiger Schritt, denn lange wusste Kratochwil nicht wohin mit ihrer Liebe zur Kunst. „Ich musste meinem eigenen Weg erst suchen“, sagt sie. Bereits in jungen Jahren habe sie gelernt, Verantwortung für sich selbst und ihre Entscheidungen zu übernehmen. „Meine Eltern hätten es nicht gerne gesehen, wenn ich nur zu Hause herumgesessen und gefaulenzt hätte. Aber als sie merkten, dass ich mich voll und ganz in etwas investierte, haben sie mich unterstützt.“

An Salzburg schätzte die „Einzelgängerin“, wie sie sich selbst bezeichnet, vor allem die Möglichkeit zum Austausch mit anderen StudentInnen. Sie wohnte in einer WG und konnte Ideen und Entwürfe mit KommilitonInnen besprechen. „Später im Beruf ist man sehr viel mehr auf sich allein gestellt“. Die Ausbildung zur Bühnenbildnerin erwies sich als außerordentlich arbeitsintensiv, besonders da Kratochwil dank ihrer Theatererfahrung gleich ins dritte Semester aufgenommen wurde. „Das Studium am Mozarteum ist sehr akademisch“, erklärt sie. An anderen Schulen nähmen die ProfessorInnen ihre SchülerInnen zuerst mit ins Theater, um danach theoretisch über die künstlerischen Ansätze zu diskutieren. In Salzburg sind Theorie und Praxis untrennbar. „Wir mussten uns auch in der Werkstatt ansehen, wie sich unsere Modelle konkret umsetzen ließen.“

BühnenbildnerInnen entwickeln ihre Vision nicht allein, sondern in Zusammenarbeit mit der Regie. „Die Vorstellungen des Regisseurs sind vorrangig“, sagt Kratochwil, „ich darf ihm meine Ideen nicht aufdrängen“. Eine wichtige Rolle spielt daneben die Größe des Theaters – und natürlich die Höhe des Budgets. Gerade wegen dieser Auflagen möchte sie auch nicht behaupten, ihren eigenen Stil gefunden zu haben. Sie passt sich an. Und versucht auch offen zu bleiben für die Arbeit ihrer KollegInnen. „Das einzige, was ich nicht mag, ist, wenn jemand einen schönen Raum entwirft, der dann aber von der Regie nicht genutzt wird.“ Nur selten habe sie sich von einem Stück oder einer Umsetzung gar nicht angesprochen gefühlt. Für sie gehört die Auseinandersetzung mit der Literatur ganz natürlich zum Job. „Das ist das eigentlich Schöne daran – sich von einem Stück oder einem Regisseur mitreißen zu lassen.“

Lampenfieber

Ihr kleines Atelier liegt über ihrer Wohnung auf dem Limpertsberg. Dort brütet sie über ihren Modellen. „Manchmal muss ich mich regelrecht überwinden, um ein neues Projekt in Angriff zu nehmen“, sagt sie. Mit jedem neuen Auftrag kommt die Angst, dass ihr diesmal nichts einfallen könnte. „Dann mache ich einen langen Spaziergang und plötzlich weiß ich wie ich es angehen könnte.“ Etwas geht immer, das hat sie mittlerweile gelernt, und deshalb bereiten ihr die Premieren auch nicht mehr so viele schlaflose Nächte wie früher.

Seit zwanzig Jahren arbeitet sie selbstständig, manchmal war sie nahe dran aufzugeben, aber genug zu tun gab es eigentlich immer. „Ich bin noch hier, ich arbeite weiter – ein Zeichen dafür, dass es irgendwie machbar ist.“ Nach dem Studium wollte Kratochwil zwar zuerst ein Praktikum
im Ausland machen, aber die luxemburgischen Theater klopften bei ihr an, noch bevor sie ihren Abschluss überhaupt in der Tasche hatte. „Als ich nach Salzburg ging, gab es hier nicht einmal das Kapuzinertheater, es wurden kaum eigene Produktionen aufgeführt. Ich hätte nie geahnt, dass ich in Luxemburg als Bühnenbildnerin über die Runden kommen könnte.“ Seit zwanzig Jahren sind die Spielstätten hierzulande wie die Pilze aus dem Boden geschossen – im Ausland jedoch ist für Theater immer weniger Geld übrig. Gerne würde die Anfang 40-Jährige jetzt den Sprung über die Grenze wagen, „um neue künstlerische Erfahrungen zu machen“, aber die Lage ist ungünstig.

Deshalb arbeitet sie vorerst weiterhin in Luxemburg mit alt eingesessenen Regisseuren zusammen. „Das kann auch ganz interessant sein, die Arbeit geht leichter von Hand, weil du die Vorstellungen des anderen schon kennst.“ Frustriert ist sie vor allem darüber, dass die meisten Stücke hier nur drei bis viermal aufgeführt werden und danach in der Versenkung verschwinden.

Denn der technische Aufwand ist oftmals enorm, wie zuletzt in „Der Kissenmann“ von Martin McDonagh, das im Escher Theater aufgeführt wurde. Für diese Produktion entwarf Kratochwil eine komplexe Struktur aus drei Räumen, die auf der hauseigenen Drehbühne befestigt wurde. Kurz bevor das Konstrukt steht, beginnt für sie der eigentlich angenehmste Teil ihrer Arbeit. Dann werden die Modelle nämlich in den Ateliers der Theater zusammengebaut – Kratochwil begleitet die Arbeiten und genießt es, endlich nicht allein werkeln zu müssen. Mit den ArbeiterInnen und auch den TheatertechnikerInnen, zum größten Teil Männer, kommt sie gut aus: „Sie interessieren sich eigentlich nur dafür, ob du deinen Job beherrschst oder nicht.“

Bühnenbildner-Nachwuchs gibt es in Luxemburg ihres Wissens kaum. Die meisten Jugendlichen, die sich für Kunst interessieren, wissen gar nicht, dass es diesen Beruf überhaupt gibt. Die wenigen, die den Weg einschlagen, machen schnell kehrt und suchen sich doch lieber eine krisensichere Stelle. „Blauäugig“, sei sie gewesen, sagt Jeanny Kratochwil, als Zwanzigjährige, und diese Naivität habe sie sich erhalten. Sie plant nicht im voraus, lebt von Auftrag zu Auftrag. „Wie heißt es noch in ‚Vom Winde verweht‘? Morgen ist ein neuer Tag.“

Jeanny Kratochwils Arbeit ist zurzeit in „Jalousie en trois fax“ von Esther Vilar in einer Inszenierung von Claudine Pelletier, zu sehen, am 8., 14., 15., 16., 21., 22. und 23. April im Théâtre ouvert du Luxembourg (TOL).


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